Beim Reh scheint es wieder, als hätten sie den Dreh nicht raus. Etwas mehr als eine Stunde um in «Nacktgeld» – und man reibt sich nicht zum ersten Mal die Augen. Seltsam, wie das Tier durch das Halbdunkel des Bildes stakst, während sich vor ihm auf einer Waldlichtung eine junge Dame und ein Herr mit Hut beim Vollmondenschein viel zu sagen haben. Echt jetzt?
Die nackte «Nacktgeld»-Wahrheit: Dass sich der Hintergrund in den Vordergrund spielt, ist Programm im neuen Spielfilm des Zürcher Regisseurs Thomas Imbach («Day Is Done»), der schon immer zu den Innovativen im Lande zählte. Seine lose auf Arthur Schnitzlers Erzählung «Fräulein Else» (1924) basierende Verfilmung geht neue Wege in Sachen filmische Wirklichkeiten – wenigstens für Schweizer Verhältnisse.
Gewiss: Das spielt alles im Unterholz des Oberengadins oder drinnen in den getäferten Räumen des Nobelhotels «Waldhaus». Gedreht wurde allerdings in einer High-Tech-Garage in Basel. Die famosen Hauptdarstellerinnen sind allesamt Menschen aus Fleisch und Blut. Von den Nebenfiguren an «abwärts» wird die Sache aber ziemlich virtuell. «Virtual Production» lautet das Zauberwort.
Zum Plot: Die junge Lili, gespielt von der Schweizerin Deleila Piasko («Die Zweiflers»), ist auf Einladung ihrer Tante (Katharina Schüttler) nach Sils Maria gefahren. Ziel der Reise: ein paar Tage Sommerfrische im Grand Hotel, vor berückender Bergkulisse, dort, wo «die Luft ist wie Champagner», wie es dauernd heisst – wobei gleichzeitig so viel geraucht wird, dass man beim blossen Zuschauen einen Hustenanfall kriegt.
Alte Fragen, neue Mittel
Lili soll nun ihren Kunstsammler-Onkel (Milan Peschel) um eine grössere Geldsumme bitten, andernfalls droht dem Vater Ungemach. Der Deal: Das Geld gibt es nur, wenn der Onkel seine Nichte eine Viertelstunde lang nackt sehen darf.
«Nacktgeld» verhandelt uralte Fragen mit neuen Mitteln. Fragen nach Übergriff, nach Macht und nach dem Körper eines Mädchens, der zur monetären Manövriermasse wird. Und der Film erzählt – ganz Schnitzler und Imbach – von der verführerischen Macht der Bilder.
Das Sagenhafte an Imbachs Schnitzler-Stück ist, wie stimmig und organisch sich alles miteinander verschränkt. «Nacktgeld» bewegt sich überwiegend in einer Art Dazwischen-Welt. Wir befinden uns vornehmlich im Kopf von Lili, die in manischen inneren Monologen das Für und Wider des Deals durchspielt.
Scham und Begehren
Sie hört den Befehlston der Mutter, sie spürt die Last der familiären Ehre – die auf ihrem Körper liegt, den «alle immer nackt sehen wollen», wie sie einmal klagt. Zugleich ist da ihr eigenes Begehren, das sich nur in Tagträumen zeigen darf und einmal beim Tanzen.
Immer wieder zeigt sich: Imbach spielt mit der Technologie. Normalerweise wird Virtual Production eingesetzt, um Wirklichkeit zu simulieren. Hier dient sie dazu, eine innere Welt anschaulich zu machen – sichtbar künstlich und gerade deshalb stimmig.
Vermutlich ist das die Hauptsache von «Nacktgeld»: Diese Geschichte braucht keinen festen Boden unter den nackten Füssen. Letztlich bleibt sie in Bewegung – und zugleich gefangen zwischen Scham und Begehren, Spiegelblicken und Fluchtfantasien. Das Publikum geht mit ihr, durch eine künstliche Kunstwelt ohne Halt.
Der Waldweg übrigens, den Lili in «Nacktgeld» begeht – das war in Wirklichkeit ein Laufband.
Kinostart: 8.1.2026