Es gibt einen Schlüsselmoment auf der Leinwand, der nachklingt: Frank (Kingsley Ben-Adir) erkennt, dass es nicht mehr nur um ihn geht, sondern dass er sich mehr um einen anderen Menschen – Louis (Rob Morgan) – sorgt als um sich selbst. Ein unaufgeregt inszenierter Augenblick, voller Emotionen. Genau diese Nähe und Verletzlichkeit wollte Petra Volpe zeigen. Ihr neuer Film erzählt von Männern in einem Hochsicherheitsgefängnis, die sich um ihre älteren, dementen Mitgefangenen kümmern.
Am Sundance Filmfestival in Utah feierte der Film seine Premiere. Die ausverkaufte Vorstellung im Library Theatre beginnt nervös. Volpe hat ihre Filme bisher ausschliesslich im deutschsprachigen Raum vorgestellt – diesmal ist alles anders.
«Ich wusste nicht, wie das amerikanische Publikum reagieren würde», erzählt sie nach der Vorführung. Englisch ist nicht ihre Muttersprache. Umso grösser die Erleichterung, als das Publikum ruhig eintaucht, dem Film folgt – und ihn am Ende mit Standing Ovations würdigt. «In diesem Moment habe ich gespürt, dass der Film jetzt dem Publikum gehört», sagt Volpe. Sie sei nervöser gewesen als ihr Hauptdarsteller Rob Morgan, der souverän auf jede Frage reagierte.
Es geht darum, dass Menschen, die vom System entmenschlicht wurden, ihre Würde zurückerlangen.
Danach folgt die Q&A-Runde. Volpe erzählt von den «Gold Coats» – Häftlingen, die andere Gefangene mit Demenz betreuen – und davon, dass sie während der zehnjährigen Entstehungszeit des Films intensiv mit ihnen gesprochen habe.
Ein Film mit hochemotionalem Kern
«Solche Begegnungen verändern Perspektiven», sagt sie. «Es geht darum, dass Menschen, die vom System entmenschlicht wurden, ihre Würde zurückerlangen.» Auf die Frage, wie sie die bedrückende Gefängnisatmosphäre am Set vermittelt habe, ohne dass Cast und Crew diese Last mit nach Hause nehmen mussten, erklärt Volpe, dass bewusst in einem stillgelegten Gefängnis gedreht wurde.
Die Bedrohung sollte nicht eins zu eins reproduziert, sondern erzählerisch verdichtet werden: «Wir wollten zeigen, was Inhaftierung mit Franks Seele macht – und dem die Pflege von Louis gegenüberstellen.» Viele der realen Gold Coats hätten ihr gesagt, diese Arbeit habe sie «wieder menschlich» gemacht. Genau dieses Zurückgewinnen von Würde sei für sie der emotionale Kern des Films gewesen.
Menschlich und nachhallend
Dazwischen: hektische Pressetermine. Journalisten stehen vor den Zetteln am Boden, die mit dem Namen ihres Mediums markiert sind. Alle Kameras klicken auf einmal. Eine Fotografin von «Getty Images» fragt lachend: «What does SRF mean?» – und eilt weiter. Mittendrin: Petra Volpe. Man merkt, dass das Rampenlicht nicht ihr Zuhause ist.
Überall wird diskutiert – im Bus, auf der Strasse, im Kino.
Eine Woche zuvor war sie noch in Los Angeles, wo ihr das Zurich Film Festival das «Goldene Auge» für ihr bisheriges Schaffen verliehen hatte. Das Verpassen der Oscarnominierung für «Heldin» sei keine Überraschung gewesen. In Park City ist von Enttäuschung wenig zu spüren. Sundance, dieses Jahr zum letzten Mal hier, geprägt von der Abschiedsstimmung rund um Robert Redford, fühlt sich für Volpe wie ein Gegenentwurf an.
«Hier geht es um Filme», sagt sie. «Überall wird diskutiert – im Bus, auf der Strasse, im Kino.» Es sei ein Festival der Entdeckungen. Und für Volpe ein Ort, an dem ihre Geschichten genau das werden dürfen, was sie sein sollen: leise, menschlich – und nachhaltig wirksam.