Zürich, windiges Aprilwetter mitten im Februar. Der angesagte Dauerregen wäre ihm lieber gewesen, lächelt Rolf Lyssy. Der Schalk ist dem «Schweizermacher»-Macher geblieben, auch mit jetzt 90 Jahren. Gespräch mit einem Filmemacher, dessen Werk bis heute von einem Film überstrahlt wird.
SRF: Wenn Sie sich Ihre «Schweizermacher» wieder mal ansehen – was geht Ihnen dann durch den Kopf?
Rolf Lyssy: Das schwankt. Man denkt: Hätte man da nicht noch etwas anders machen können? Gleichzeitig merke ich, dass der Film seine Wirkung behalten hat. Und man wird ein bisschen nostalgisch.
Der Film ist von einer erstaunlichen Zeitlosigkeit. Wie erklären Sie sich das?
«Schweizermacher» stellt eine grundlegende Frage: Wer bestimmt, wer Schweizerin oder Schweizer ist? Fragen nach Identität, Zugehörigkeit, Herkunft – die bleiben. Es gibt Themen, die sind sehr an ihre Zeit gebunden, andere sind zeitloser. Das gilt sicher auch für «Die Schweizermacher».
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Bild 1 von 5. Charakterköpfe unter sich: Rolf Lyssy (re.) mit Emil Steinberger (Mitte) und Walo Lüönd während de Dreharbeiten zu Lyssys Überfilm «Die Schweizermacher» (17. Juni 1978). Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 2 von 5. Er liebt die Komödie – kann aber auch ernst gucken: Rolf Lyssy hat nicht nur Spielfilme, sondern auch Dokumentarfilme gedreht und Theaterstücke inszeniert. Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 3 von 5. Rolf Lyssy an der Seite von Schauspieler-Schwergewicht Mathias Gnädinger, der in der Komödie «Leo Sonnyboy» die Hauptrolle spielte (Dezember 1989). Bildquelle: KEYSTONE/Str.
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Bild 4 von 5. Heimspiel: Rolf Lyssy 2020 auf dem grünen Teppich des Zurich Film Festival. Bildquelle: Keystone/ALEXANDRA WEY.
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Bild 5 von 5. Am ZFF erhält Lyssy 2020 eine Auszeichnung für sein Lebenswerk – als erster Schweizer überhaupt. Bildquelle: Keystone/ALEXANDRA WEY.
Dabei hat sich die Schweiz seit 1978 verändert.
Digitalisierung, Bildmanipulation, künstliche Intelligenz. Bildern kann man heute kaum noch trauen. Das macht mir manchmal Angst, gerade politisch. Gesellschaftlich ist die Schweiz bunter geworden. Diese Vielfalt im Strassenbild gefällt mir sehr.
Sie haben immer gesagt: Der «Schweizermacher»-Erfolg war Fluch und Segen.
Erfolg ist schön, aber er hat auch Schattenseiten. Zum Beispiel Neid, Missgunst und übertriebene Erwartungen. Entscheidend war für mich immer das Publikum im Kino – das unmittelbare Reagieren, das Lachen. Das ist der Gradmesser.
Irgendwann muss man akzeptieren, dass manches nicht mehr geht. Dann geht es trotzdem weiter.
Sie galten lange als Aussenseiter des Schweizer Kinos, weil Sie auf Komik setzten. Ihre Generation stand auf ernste Stoffe – wollte zornige Filme machen.
Ja, das habe ich schon so empfunden. Deshalb habe ich «Teddy Bär» gemacht – eine persönliche Geschichte über Erfolg und Ausgrenzung. Aber ich wollte nie Filme machen, um Rekorde zu brechen. Jeder Film beginnt ohnehin wieder bei null.
Sie haben über Krisen gesprochen, über Ihre Depression sogar ein Buch geschrieben. Woher kommt diese Offenheit?
Ich bin jüdischer Herkunft, gehöre also von Geburt auf zu einer Minderheit. Diese Distanz macht einen zum kritischen Beobachter gesellschaftlicher Prozesse.
Besonders berührend war die Zusammenarbeit mit meinem Sohn Elia, der Kameramann geworden ist.
Ihre Filme verbinden Leichtigkeit mit Schwere. Wie gelingt dieser Spagat – auch im Leben?
Ich glaube, jeder Mensch trägt seinen Rucksack, der eine schwerer, der andere leichter. Leichtigkeit ist vielleicht auch eine Veranlagung. Und irgendwann muss man akzeptieren, dass manches nicht mehr geht. Dann geht es trotzdem weiter.
Mit welchem Gefühl blicken Sie heute auf Ihr Leben zurück?
Mit Dankbarkeit, aber auch mit etwas Wehmut. Ich habe viel erlebt und wunderbaren Menschen begleiten mich bis heute. Besonders berührend war die Zusammenarbeit mit meinem Sohn Elia, der Kameramann geworden ist. Eines der grössten Geschenke meines Lebens.
Vorletzte Frage: Was wünschen Sie sich zum 90. Geburtstag?
Gesundheit ist das Wichtigste. Solange man sich bewegen kann und nicht abhängig ist, ist es gut. Ich habe nicht mehr die Energie, die man aufwenden muss, um Filme zu realisieren. Und so muss man auch lernen loszulassen.
Und der Welt – was wünschen Sie ihr?
Weniger Gewalt, weniger Hass. Aber ich habe meine Zweifel, ob die Menschheit lernt. Vielleicht bleibt einem nur, sich eine gewisse Gelassenheit zu bewahren. Miloš Forman hat dieses Dilemma in dem wunderbaren Filmtitel «Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins» auf den Punkt gebracht.
Das Gespräch führte Stefan Gubser.