Worum geht es? In Cannes laufen die 79. Internationalen Filmfestspiele. Neben dem üblichen Glamour und den vielen Talenten sorgen dieses Jahr auch polarisierende Themen für Schlagzeilen. Die Debatte um den ultrakonservativen Milliardär Vincent Bolloré und dessen Einfluss auf die Kulturszene geht in eine neue Runde.
Was ist zuletzt passiert? Im April hatten Autorinnen und Autoren gegen ihn und seine Übernahme des Verlags Grasset demonstriert. In der vergangenen Woche legten französische Filmschaffende nach: 600 von ihnen – darunter der Regisseur Arthur Harari und die Schauspielerin Juliette Binoche – unterzeichneten einen offenen Brief, in dem sie vor einer «faschistischen Übernahme der kollektiven Imagination» warnen.
Wie reagierte Bollorés Entertainment-Konglomerat Canal+? Die Firma schlug zurück und kündigte an, die Zusammenarbeit mit den Unterzeichnern des offenen Briefs zu beenden. Dies teilte der Chef des TV-Konzerns, Maxime Saada, am Rande der Filmfestspiele mit.
Wie wichtig ist Canal+ für die französische Filmwelt? Der Medienkonzern ist der grösste private Geldgeber des französischen Films. Jedes Jahr investiert Canal+ 170 Millionen Euro in die Spielfilmproduktion und koproduziert die Hälfte der Filme, die in die Kinos kommen. «Dieses Jahr erhielten fast 85 Prozent der in Cannes nominierten Filme Gelder von Canal+», sagt Frankreich-Korrespondentin Zoe Geissler.
Welche Auswirkungen werden die Entwicklungen auf die Unterzeichner und die gesamte Branche haben? Die Folgen sind schwer abzuschätzen. Der Medienhistoriker Alexis Levrier spricht von enormen Auswirkungen. Andere Beobachter sind vorsichtiger. Geissler zufolge ist die Frage noch offen, ob Canal+ wirklich von heute auf morgen die Zusammenarbeit mit Produktionen, in denen die Unterzeichner und Unterzeichnerinnen mitwirken, beenden könnte.
Der Brief warnt vor einer «faschistischen Übernahme der kollektiven Imagination». Wie berechtigt ist diese Befürchtung? «Die Sorgen sind berechtigt. Diese Entwicklungen in der Kultur sind Teil eines grösseren Problems», erklärt Frankreich-Korrespondentin Geissler. Bolloré prägt die Medienbranche und hat grossen Einfluss auf die öffentliche Debatte. Egal, was er aufkaufe, er drehe «den Kern der Marke in eine Richtung: nämlich stramm nach rechts – mit dem Ziel, einen Sieg der Rechten bei den Präsidentschaftswahlen zu erreichen». Das Muster: Er hievt Gefolgsleute an die Spitze seiner Unternehmen.
Welche Beispiele gibt es dafür? Seitdem die Verlagsleitung beim Buchverlag Fayard ausgewechselt wurde, erschienen Bücher rechter Personen, etwa die Autobiografie von Jordan Bardella, dem Vorsitzenden des Rassemblement National. Ein ähnliches Bild zeigt sich beim Traditionsverlag Grasset: Hier wurde der langjährige Geschäftsführer entlassen, woraufhin über 100 Autorinnen und Autoren ankündigten, den Verlag zu verlassen. Ein weiteres Beispiel ist der Fernsehsender CNews, der mit dem US-amerikanischen Sender Fox News vergleichbar ist. Dort werde, so Geissler, mittlerweile immer dasselbe Bild gezeichnet: Frankreich sei ein christliches Land im Niedergang, das von muslimischen Migranten überrannt werde, die von woken Linken unterstützt würden.