In Frankreich hat diese Woche ein Berufungsverfahren gegen Marine Le Pen begonnen. Ihr wurde in erster Instanz das passive Wahlrecht entzogen. Wird dieses Urteil bestätigt, ist ihre Präsidentschaftskandidatur im nächsten Jahr ausgeschlossen.
Gleichzeitig erwächst Marine Le Pen Konkurrenz aus den eigenen Reihen. Ihr politischer Ziehsohn Jordan Bardella erfreut sich in der Bevölkerung zunehmender Beliebtheit. Welche Rolle er spielt und was das für Le Pen bedeutet, erläutert SRF-Frankreichkorrespondentin Zoe Geissler.
Wie wichtig ist Jordan Bardella derzeit für das Rassemblement National?
Jordan Bardella ist klar wichtiger geworden für die Partei. Er gilt als Ersatzkandidat für die Präsidentschaftswahlen 2027, falls Marine Le Pen nicht antreten darf. Bardella gehört zu den beliebtesten Politikern in Frankreich und überholt teils sogar Le Pen. Laut einer kürzlich veröffentlichten Umfrage finden über 50 Prozent der RN-Wählerinnen und -Wähler, Bardella wäre der bessere Präsident. Rund 30 Prozent bevorzugen Le Pen.
Wie nah stehen sich Le Pen und Bardella politisch?
Bardella betonte kürzlich, dass es keinen Unterschied in ihrer politischen Linie gebe. In einzelnen Punkten setzt Bardella aber andere Akzente. Er kritisiert Russland deutlich schärfer. Wirtschaftspolitisch gibt er sich liberaler und wirtschaftsfreundlicher. Das macht ihn für die konservative Wählerschaft ausserhalb der klassischen Rassemblement-National-Basis attraktiv. Le Pen hingegen verfolgt einen sozialen Kurs und spricht so die Stammwählerschaft der Partei an, die eher aus einfachen sozialen Verhältnissen kommt.
Führt dies zu Spannungen innerhalb der Partei?
Nach aussen zeigt sich die Partei geschlossen. Solange nicht klar ist, ob Le Pen kandidieren darf, bleibt sie die offizielle Präsidentschaftskandidatin. Auch Bardella stellt sich klar hinter sie. Hinter den Kulissen dürfte es aber rumoren. Wenn Umfragen zeigen, dass mehr als die Hälfte der eigenen Wählerschaft Bardella bevorzugt, dürfte das an den internen Machtverhältnissen rütteln.
Was heisst das alles für Marine Le Pen?
Für sie ist die Situation derzeit sicher nicht einfach. Die Präsidentschaft ist ihr grosses politisches Ziel, auf das sie lange hingearbeitet hat. Immerhin kann sie sich rühmen, dass sie schon früh einen möglichen Nachfolger aufgebaut hat. Dennoch wäre es für sie schmerzhaft, wenn Bardella bereits 2027 an ihrer Stelle kandidieren würde. Das käme wahrscheinlich früher, als sie es vermutlich geplant hatte.
Wie ist die Ausgangslage für die Präsidentschaftswahlen 2027 insgesamt einzuschätzen?
Für das Rassemblement National ist sie derzeit günstig. Ob am Ende Marine Le Pen oder Jordan Bardella antritt, ist sekundär. Beide gelten als aussichtsreiche Kandidaten und könnten gewinnen. Immer mehr Französinnen und Franzosen stehen der Linie des RN offen gegenüber. Die traditionellen Parteien verlieren hingegen immer mehr an Vertrauen. Bis 2027 kann allerdings noch viel passieren.