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Autorin im Gespräch Selbstfürsorge statt Rebellion: Macht Achtsamkeit unpolitisch?

Je mehr Menschen über Erschöpfung klagen, desto beliebter wird Achtsamkeit: Techniken wie Meditation oder Atemübungen können dabei helfen, Stress zu reduzieren. Doch der Achtsamkeits-Trend verhindere gesellschaftlichen Wandel, schreibt Kathrin Fischer in ihrem neuen Sachbuch «Achtsam geht die Welt zugrunde». Ein Gespräch mit der Autorin.

Kathrin Fischer

Autorin

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Kathrin Fischer (geb. 1967) war 15 Jahre Redakteurin und Moderatorin beim Hessischen Rundfunk. Seit 2022 hostet sie den Podcast «Erschöpfung statt Gelassenheit – warum Achtsamkeit die falsche Antwort auf ziemlich jede Frage ist».

Foto: Hanser/Ekaterina Dehde

SRF: Was macht Sie wütend am aktuellen Achtsamkeits-Trend?

Kathrin Fischer: Die Weltvergessenheit und Strukturblindheit, die damit oft verbunden sind. Wir sind fundamental davon abhängig, wie unsere Aussenwelt gestaltet ist: das Gesundheitssystem, die Schulbildung, die Rechtsordnung. Der Achtsamkeits-Trend tut so, als könnten sich Menschen mit der richtigen Atemtechnik an jegliche Lebensbedingungen anpassen.

Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, anstatt die Welt.

Und deshalb lautet meine zentrale These: Unser Verhältnis zwischen dem Selbst und der Welt ist aus dem Gleichgewicht geraten. Wir versuchen nur noch, das Selbst zu verändern, anstatt die Welt.

Mann meditiert mit Kopfhörern auf dem Sofa sitzend.
Legende: Achtsamkeit: dem Augenblick bewusst wertfreie Aufmerksamkeit schenken. Das soll helfen, Stress abzubauen, Gesundheit zu fördern und Wohlbefinden zu steigern. Aber reicht das? Getty Images/Milan Markovic

Stabilisiert Achtsamkeit also die gesellschaftlichen Verhältnisse, die Stress hervorbringen?

Ganz genau. Die Konzerne führen zunehmend Achtsamkeits- und Resilienz-Trainings ein, fragen aber nicht nach den Ursachen von Arbeitsstress. Die Forderung nach Resilienz führt dazu, dass Stress privatisiert wird.

Die Einzelnen, die sowieso schon gestresst sind, sollen ganz viel Stärke entwickeln. Das finde ich grausam.

Es stehen nicht die gesellschaftlichen Verhältnisse in der Kritik, sondern das Verhalten des Individuums. Die Einzelnen, die sowieso schon gestresst sind, sollen ganz viel Stärke entwickeln, um mit der Welt zurechtzukommen. Das finde ich grausam.

Befürworter der Achtsamkeit würden entgegnen: Wer die Welt verändern will, muss bei sich selbst anfangen. Sind Sie damit nicht einverstanden?

Dahinter steht ein unterkomplexes Gesellschaftsbild. Unsere Welt besteht aus Gesetzen, Märkten, Institutionen, Infrastrukturen. Wenn ich ausschliesslich bei mir selbst anfange, ignoriere ich die Regeln, nach denen wir zusammenleben. Und dann bleibt gesellschaftlich alles beim Alten. Ich bin nicht gegen die Arbeit am eigenen Selbst: Ich bin dagegen, sie mit Politik zu verwechseln.

Muss Achtsamkeit zwingend unpolitisch machen?

Nein. Meine Beobachtung ist nur: Sie tut es meistens. Das liegt an dem, was ich «Ideologie der Achtsamkeit» nenne. Ich unterscheide zwischen privater Praxis und Ideologie. Die Praxis ist das, was man konkret für sich selbst auf dem Kissen oder auf der Matte tut.

Menschen halten sich in einer Gruppe im Kreis an den Händen.
Legende: Seminare in der Arbeitswelt: Sie zielen auf persönliche Resilienz und Handlungsfähigkeit in Zeiten von Herausforderungen. Rein auf die Stärkung innerer Stabilität zu setzen, scheint Autorin Kathrin Fischer aber zu kurz gegriffen. Getty Images/Vladimir Vladimirov

Die Ideologie behauptet, alle Probleme der Welt entstünden im Inneren und deutet politische, soziale und strukturelle Probleme als Aufgabe für das Individuum um. Das führt zu einer egozentrischen Weltvergessenheit, die gesellschaftspolitisches Engagement eher unwahrscheinlich macht.

Keine Übung der Welt ersetzt eine gute Rentenpolitik, ein Mietrecht oder einen funktionierenden Sozialstaat.

Das liegt nicht an der Achtsamkeit an sich, sondern an der Funktion von Achtsamkeit für unsere Gesellschaft: Stress wird zuerst individualisiert, dann psychologisiert und dann den Menschen als spirituelle Lernaufgabe präsentiert.

Sie wollen also mit Ihrem Buch niemanden daran hindern, Achtsamkeits-Praktiken anzuwenden?

Absolut nicht. Ich praktiziere seit vielen Jahren Qigong und finde diese Praxis sehr hilfreich. Und dennoch behaupte ich: Keine Übung der Welt ersetzt eine gute Rentenpolitik, ein Mietrecht oder einen funktionierenden Sozialstaat. Ich bin nicht gegen Achtsamkeit – ich konstatiere nur, dass Achtsamkeit zu einer Ideologie geworden ist. Achtsamkeit als individuelle Praxis finde ich gut und würde sagen: Bewahren Sie sich trotzdem einen politischen Blick.

 Das Gespräch führte Irene Grüter.

Buchhinweis

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Kathrin Fischer: «Achtsam geht die Welt zugrunde». Hanserblau, 2026.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 27.4.2026, 7:06 Uhr ; 

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