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Biodiversität im Wald
Aus Kultur-Aktualität vom 23.07.2020.
abspielen. Laufzeit 03:51 Minuten.
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Biodiversität im Wald Ein gesunder Wald ist nicht makellos

In der Schweiz verschwinden Pflanzen- und Tierarten aus dem Wald. Auch weil wir zu stark eingreifen, sagt eine Waldforscherin.

«Die Bevölkerung in der Schweiz glaubt, es stehe alles gut um die Biodiversität der Wälder. Aber das ist eben nicht der Fall», sagt Rita Bütler.

Die Waldforscherin arbeitet an der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft und ist für die Wald-Biodiversität des Kantons Waadt verantwortlich.

Sommerserie «Waldgeschichten»

SRF Kultur porträtiert diesen Sommer aussergewöhnliche Wälder – und betrachtet den Wald aus historischer, ökologischer und philosophischer Perspektive.

Alle Radiobeiträge sind bereits verfügbar unter srf.ch/radio-srf-2-kultur

«Die Experten sind eher alarmiert. Sie sagen: Es geht den Wäldern schlecht, auch in der Schweiz, nicht nur in den Tropen. Das ist der Bevölkerung nicht oder noch nicht bewusst.»

Rita Bütler möchte mithelfen, diese Wissenslücke in der Bevölkerung zu schliessen. Es herrsche Handlungsbedarf in Sachen Artenvielfalt im Schweizer Wald.

Kleine bedrohte Helfer

Nur: Als Spaziergänger hört man im Wald die Vögel zwitschern, die Insekten summen, und von Nadel- bis Laubbaum ist auch alles da. Was ist also das Problem?

Wer sich etwas genauer mit dem fragilen Ökosystem Wald auseinandersetzt, merkt, weshalb die Experten beunruhigt sind.

Rita Bütler nennt als Beispiel die sogenannten Mykorrhiza-Pilze: «Das sind Pilze, die sich auf den Wurzeln der Bäume ansiedeln. Sie helfen den Bäumen, Wasser aus dem Boden aufzunehmen, indem sie auch in ganz kleine, feine Poren eindringen, in welche die Wurzeln an sich nicht eindringen könnten.»

Daher würden diese Pilze auch eine grosse Rolle für das Überleben der Bäume während Trockenperioden spielen. Im Hinblick auf den Klimawandel ist das essenziell.

Das Problem ist, dass diese Pilze in den bewirtschafteten Wäldern immer seltener werden. Gründe dafür sind eine erhöhte Stickstoff-Konzentration im Boden, verursacht durch Dünger, und eine zu starke Abholzung.

Totes Holz ermöglicht viel Leben

Den meisten Waldspaziergängern sei ebenfalls nicht bewusst, so Rita Bütler, wie wichtig es sei, abgestorbene Bäume und Baumteile im Wald stehen zu lassen. Denn dieses Totholz werde zu sogenanntem Habitatholz: einem Lebensraum für unzählige Pilz- und Insektenarten.

Eine Wald-Lichtung, auf der ein umgekippter Stamm liegt,
Legende: Nicht unbedingt schön, aber wichtig für den Wald: Totholz in einem Thurgauer Wald. Keystone / Gian Ehrenzeller

Hohe Biodiversität in einem Naturwald-Reservat bedeute also viel Totholz, sagt Rita Bütler: «Das kann natürlich auf den ersten Blick auch störend sein. Wenn die Bevölkerung nicht weiss, dass Totholz so wichtig ist, dann wird sie erstmals sagen: Was soll denn dieses Chaos!»

Dieses Chaos sei aber wichtig für die Resilienz des Waldes: Die Fähigkeit, sich nach einer Störung wieder zu erholen – sich etwa nach einem Sturm oder Insektenfrass zu regenerieren.

Der Natur überlassen

Das Bundesamt für Umwelt kämpft seit Jahren gegen den Rückgang der Tier-, Pilz- und Pflanzenarten im Wald. So gibt es seit 2008 ein Förderprogramm, bei dem der Bund, die Kantone und private Waldeigentümer sich zusammen für Biodiversität einsetzen.

Eine Massnahme sind Wald-Reservate, in denen die Natur sich für viele Jahre selbst überlassen wird. Ein absolutes Heilmittel für einen gesunden Wald.

Allerdings gibt es noch Luft nach oben: In der Schweiz ist gut ein Drittel der Fläche mit Wald bedeckt, aber nur etwas über sechs Prozent davon sind Naturwald-Reservate.

Wald-Vielfalt ist wichtig für alle

Dabei ist Biodiversität für alle Interessensgruppen wichtig: Ob man nun den Wald als Ressource für Holz, als Jagdgebiet oder einfach als Erholungsraum sieht.

«Holz-Produktion wäre ohne Biodiversität und verschiedene Baumarten nicht möglich», erklärt Rita Bütler. «Wir hätten keine Wasserfilterung, wenn die Boden-Organismen im Wald nicht ihre Arbeit erfüllen würden. Wir hätten keinen Rehpfeffer und keine Pilz-Gerichte. Die Biodiversität ist für alles die Grundlage.»

Wenn diese Zusammenhänge mehr ins Bewusstsein kommen, sei schon viel getan, sagt die Waldforscherin.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 23.7.2020, 8:20 Uhr

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6 Kommentare

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  • Kommentar von Henriette Rub  (Sylou)
    Die riesigen Zunahme der Bevölkerung trägt ja wohl wesentlich zum Zustand des Landes bei. Immer mehr Menschen heischen ihren Tribut. Mit der Zunahme der Zweiräder, die überall ihre Schneisen in die Wälder frässen, sind Diese auch nicht besonders behütet. Und das Totholz wird vielfach auf den Zugang von Tramelpfaden deponiert, auf denen man sich noch vor den rasenden Biker schützen kann.
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Jetzt müssen diese Erkenntnisse nur noch in die Köpfe der Förster!
    Denn kaum ist ein über jahrzehntelang nicht oder kaum bewirtschafteter und daher artenreicher und vielfältiger natürlicher Wald zum Waldreserat erklärt worden, werden mit Mitteln des Bundes die Kettensägen angeworfen und wie wild in das angeblich so sensible Ökosystem eingegriffen um dierse "Förder- Schutz- und Forschungsprogramme" zu starten.
    Waldreserate sind Geldquellen für den defizitären Forst.
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  • Kommentar von Alois Keller  (eyko)
    Der Verlust von Lebensräumen und die Verschlechterung der Lebensraumqualität bedrohen die Biodiversität in der Schweiz. Verantwortlich dafür ist vor allem die intensive Landnutzung, die zu wenig Rücksicht auf die Biodiversität nimmt. Viele wertvolle Lebensräume haben im vergangenen Jahrhundert grosse Flächenverluste erlitten. Jeder Organismus ist an ganz bestimmte Umweltbedingungen angepasst auch im Wald. Die Zuzementierung der CH schädigen immer ökologisch wertvolle Lebensräume.
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