Beim Schreiben dieses Artikels kommt gemäss der Weltbevölkerungsuhr Worldometer gerade der 8'294'000’000ste Mensch auf die Welt. Bis zur Fertigstellung sind es weitere 40’000. Die Weltbevölkerung wächst von Sekunde zu Sekunde. Seit Jahrzehnten ist deswegen die Rede von der tickenden Bombe der Bevölkerungsexplosion.
Doch Demografen warnen: Das neue Untergangszenario ist die schrumpfende Weltbevölkerung. Nach Vorhersagen der UNO wird nach 2080 die Spitze des Wachstums erreicht mit gut 10 Milliarden Menschen. Ab dann gehe es nur noch bergab.
Schlimmer als die Klimakrise
Hauptgrund ist, dass in immer mehr Ländern die Geburtenrate sinkt, also die Anzahl Kinder pro Frau. 2.1 Kinder müssten es sein, damit die Bevölkerung auf lange Sicht stabil bleibt. Viele Länder haben eine tiefere Quote. In den meisten europäischen Ländern, den USA und Australien liegt sie sogar tiefer als 1.5.
Der Brite Paul Morland ist einer der einflussreichsten Demografen weltweit. Und er sieht in diesem Bevölkerungsrückgang eine grössere Gefahr als die Klimakrise, spricht gar von einem «drohenden Armageddon»: «Das Problem ist, dass immer mehr Länder unter die Marke von 2 fallen. Früher galt, dass reichere Länder tiefe Geburtenraten haben und ärmere Länder hohe. Aber unterdessen gibt es auch ärmere Länder wie z.B. Chile, Jamaika oder Thailand, die eine so tiefe Geburtenrate haben, dass ihre Einwohnerzahl bald massiv sinken wird.»
Die Frage stellt sich, wieso die schrumpfende Bevölkerung eigentlich ein Problem ist. Gerade angesichts der Klimakrise wären weniger Menschen doch gut für die Welt? Nein, sagt Paul Morland: «Lange bevor es zu einem Bevölkerungsrückgang kommt, kommt es zu einer Alterung der Bevölkerung.»
Die Nachteile sind bekannt: zu wenig Erwerbstätige, die für zu viele Menschen im Rentenalter aufkommen müssen, ebenso der Fachkräftemangel. Und für Morland genauso entscheidend: «Nicht die älteren, sondern die jungen, gut ausgebildeten Menschen werden unsere Probleme lösen – nicht nur den Klimawandel.»
Das demografische Trilemma
Das Dilemma, in dem sich die Welt befindet, veranschaulicht Morland in seinem «demografischen Trilemma». Gemäss diesem wollen moderne Gesellschaften drei Dinge:
- eine florierende Wirtschaft
- «ethnische Kontinuität», wie es Morland nennt, also keine zu grosse Zuwanderung in zu kurzer Zeit
- keinen Geburtenzwang, also dass Menschen individuell entscheiden können, ob und wie viele Kinder sie wollen
Morland sagt, dass es gegenwärtig kein Land schaffe, alle drei Dinge gleichzeitig zu haben. Als Beispiele nennt er Japan, das sich gegenüber Zuwanderung abschottet und die zunehmende Kinderlosigkeit respektiert – aber die Wirtschaft stagniert seit über 20 Jahren. Oder Grossbritannien, das ebenfalls sinkende Geburtenraten akzeptiert und seine ökonomische Kraft mehr oder weniger bewahrt – dafür aber starken Wandel durch Zuwanderung erlebt.
Die grosse Ausnahme ist Israel, das sowohl wirtschaftlich erfolgreich ist, als auch keine starke Einwanderung benötigt. Denn in Israel haben viele Paare – sogar ausserhalb der orthodoxen Bevölkerung – mehrere Kinder, weil Kinder in der israelischen Kultur nach wie vor hohe Priorität haben.
Für den Demografen ist folglich klar: Um die tickende Bombe der schrumpfenden Weltbevölkerung zu entschärfen, führt kein Weg daran vorbei, wieder mehr Kinder zu haben.