«Hier wurden sie angekettet. Diese Fessel war für den Hals, diese für die Handgelenke. So hielt man sie gefangen, bis die Schiffe der Europäer kamen, vorne am Strand.»
Es ist schwere Kost, was der Historiker Cyriac Kouassi im Innenhof des portugiesischen Forts in Ouidah erzählt. Das Klirren der rostigen Ketten hallt lange nach.
Portugiesische Eroberer hatten das burgartige Gebäude im 17. Jahrhundert errichtet. Danach nutzten sie es fast 200 Jahre lang vor allem als Durchgangsschleuse für Sklaven. Hunderte Menschen waren hier gleichzeitig eingesperrt – manche einige Tage lang, andere Wochen. Sie stammten aus dem Landesinnern, manche gar aus dem Sahelgebiet. Kämpfer lokaler Königshäuser, vor allem der Dahomey, hatten sie bei Eroberungszügen festgenommen, an die Küste verschleppt und an Europäer verkauft.
Ouidah war eines der Hauptzentren des transatlantischen Sklavenhandels. Über eine Million Menschen wurden von hier von den europäischen Händlern verschleppt – nach Brasilien, in die Karibik, nach Nordamerika. Auf Afrika-Karten in Europa war die Bucht von Benin lange als «Sklavenküste» vermerkt.
«Ein Gewehr für 50 Sklaven»
Dieses Erbe ist bis heute in der Stadt in Benin spürbar. Denn Ouidah hat sich entschieden, seine dunkle Geschichte nicht zu vergessen, sondern fassbar zu machen. Die Regierung will das Städtchen zu einer Gedenk- und Pilgerstätte entwickeln – und den Tourismus ankurbeln.
Vom Fort bis zum Atlantik sind es vier Kilometer. Diese Strecke, bekannt als Sklavenweg, kann man auch heute noch begehen. Der Weg führt zunächst zum Place Cha Cha, dem Zentrum von Ouidah und seinen 200'000 Einwohnern.
Auf diesem Platz wurden die Sklaven verkauft, erklärt Stadtführer Goudjou Dieu Donné. «Die Käufer begutachteten sie wie Tiere. Sie achteten besonders aufs Zahnfleisch. War es zu blass oder blutig, ging der Preis runter. Bezahlt wurde oft mit Waffen – ein Gewehr für 50 Sklaven.»
Von dort geht es weiter Richtung Norden. Durch enge Gassen, dann aufs Feld. Damals ein Trampelpfad, heute eine neue Pflasterstrasse mit solarbetriebenen Lampen. Auf halber Strecke zum Meer steht der sogenannte Baum der Rückkehr. Nach lokaler Voodoo-Tradition umkreisten die Gefangenen diesen mächtigen Kapok drei Mal. Dadurch, so glaubten sie, würden ihre Seelen nach dem Tod in der Fremde in die Heimat zurückkehren. Ein Akt spirituellen Widerstands.
Rekonstruktion der Sklaverei
Eine halbe Stunde später erreicht man den Strand. Hier stehen Marktstände mit Souvenirs. Gerade ist eine Gruppe Afroamerikaner eingetroffen – sie sind eine der Hauptzielgruppen der touristischen Offensive: Nachfahren der Versklavten auf der Suche nach ihren Wurzeln.
Mitten auf dem Sandstrand steht ein grosses Denkmal, in den 1990ern erbaut: die Porte du Non-Retour, das Tor ohne Wiederkehr. Hier wurden die Menschen in kleine Boote gezwungen, die sie zu den Sklavenschiffen draussen auf dem Atlantik brachten.
Eines dieser Schiffe wurde nun nachgebaut. Die Clotilda steht gleich neben der Porte du Non-Retour, zwischen einem neuen Hotel mit Poolanlage und einem Stadion fürs jährliche Voodoo-Festival. Schon in wenigen Wochen können Besucher den Schiffsbauch betreten. Das soll die beklemmende Enge an Bord fassbarer machen.
Und es soll helfen, nicht zu vergessen, was hier bis vor 160 Jahren Alltag war und bis heute nachwirkt.