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Legende: Video 400 Jahre Sklaverei in den USA abspielen. Laufzeit 01:56 Minuten.
Aus Tagesschau vom 23.08.2019.
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Erstes Sklavenschiff 1619 400 Jahre danach – die Wunden der Sklaverei sind nicht verheilt

Die USA erinnern dieses Wochenende an die Ankunft des ersten Sklavenschiffs. Das Land hat die Gräueltaten nie richtig verarbeitet.

Heute ziehen eindrückliche Zerstörer und Flugzeugträger an der Küste vor der Stadt Norfolk in Virginia vorbei. Denn hier liegt der vermutlich grösste Navy-Stützpunkt der Welt. Die Kriegsschiffe verteidigen das «Land of the Free» – das Land der Freien, wie es in der Nationalhymne heisst.

Mann steht vor Tafel. Darauf steht: First Africans in Virginia.
Legende: Eine schlichte Tafel weist darauf hin, dass in Fort Monroe vor 400 Jahren die ersten Afrikaner die USA erreichten – unfreiwillig. Terry Brown will die Erinnerung daran wachhalten. Keystone/AP Photo/Steve Helber

Vor 400 Jahren lag an fast gleicher Stelle ein ganz anderes Schiff vor Anker, und es brachte den Passagieren nicht die Freiheit. Die «White Lion» gilt heute unter Historikern als das erste Sklavenschiff, welches das englisch-sprachige Nordamerika erreichte. Die rund zwanzig Afrikaner aus der Gegend des heutigen Angola wurden den Siedlern der jungen englischen Kolonie wie eine Ware verkauft, als billige Arbeiter für die Tabak-Plantagen.

Tabu-Thema Sklaverei

Über den Horror, der den Sklaven aus Afrika in den folgenden Jahrzehnten wiederfuhr, sprechen manche Amerikaner auch heute nicht gerne. «Wir sind mit der Geschichte unseres Landes nicht im Reinen», sagt Terry Brown von der US-Nationalparkbehörde, der die Veranstaltungen zum Jahrestag mitorganisiert. Der Prozess der Heilung brauche viel Zeit.

Heilung von den Gräueltaten vieler weisser Sklavenhalter: Erniedrigung, Folter, Verstümmelungen und Vergewaltigungen gehörten zum Alltag. Als billige, rechtelose Arbeitskräfte ermöglichten die Sklaven den Ausbau der amerikanischen Plantagenwirtschaft. Auf ihrem Buckel wurden die USA aufgebaut.

Reparationszahlungen als Wahlkampfthema

Das Land ringt bis heute mit diesen düsteren Aspekten seiner Geschichte. Rechtlich wurde die Sklavenhaltung nach der Niederlage der Südstaaten im Bürgerkrieg Mitte des 19. Jahrhunderts abgeschafft. Doch auch heute kämpfen viele Schwarze mit struktureller und wirtschaftlicher Benachteiligung.

Eine der zentralen Fragen im Umgang mit der Vergangenheit schiebt das Land seit Jahren vor sich her: Sollen die Nachkommen der Sklaven – also der Grossteil der Schwarzen US-Bevölkerung – für die Gräueltaten an ihren Vorfahren und die Rassentrennung der neueren Geschichte entschädigt werden?

Schwarze Sklaven posieren vor einer ärmlichen Hütte.
Legende: Harter Alltag mit Erniedrigungen, Gewalt, Ausbeutung: Sklaven auf einer Farm in Cumberland (Virginia) im May 1862. imago images/United Archives International

Mehrere demokratische Präsidentschaftskandidaten fordern die Verabschiedung von Reparationszahlungen, beispielsweise der Texaner Beto O’Rourke. In einer TV-Debatte versprach er, als Präsident werde er ein Reparations-Gesetz unterschreiben. «Wir haben zu lange gewartet mit dieser nationalen Diskussion!»

Chance zum Dialog

Historiker sehen in den Gedenk-Veranstaltungen dieses Wochenendes eine Chance, den nationalen Dialog über die Sklaverei zu intensivieren. So erhofft es sich zumindest Robin Reed, Direktor des örtlichen Geschichtsmuseums: «Es gibt in diesem Land immer noch Rassen-Probleme. Besseres Wissen über die Geschichte kann helfen, diese Brüche in der Gesellschaft zu kitten.»

Denn das Amerika von heute spricht ansonsten lieber über die «Helden» an Bord der stolzen Kriegsschiffe am Stützpunkt in Virginia als über das Tabu-Thema der Sklaverei.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Die verschleppten Menschen wurden während der Überfahrt nach Amerika auf den Schiffen auf engstem Raum buchstäblich wie Fracht gestapelt. Neben psychische Belastungen traten medizinische Unterversorgung, Seekrankheit, Hunger und Durst. Die Sklaven wurden angekettet und geschlagen, kauerten in ihren Exkrementen und vegetierten vor sich hin. Viele wurden krank und überlebten die Torturen der Überfahrt nicht. Im Krankheitsfall und Ansteckungsgefahr wurden oft einfach über Bord geworfen.
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  • Kommentar von Marcel Chauvet  (xyzz)
    Und wenn man dann noch an die Ausrottung der Ureinwohner, der Indianer denkt, kann man wohl sagen, dass die USA als Staat auf Unrecht, Gewalt, Sklaverei und Genozid gegründet wurde. All das sind bis heute noch nicht aufgearbeitete Tabus. Man präsentiert sich stattdessen als strahlende Saubermänner.
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  • Kommentar von roland goetschi  (pandabiss)
    Schon interessant wie die Kommentare die Schuld allein bei den USA suchen. Fakt ist, kein Land das vom Sklavenhandel profitierte, denkt an Wiedergutmachung. Auch nicht die ach so neutrale und saubere Schweiz. Die Schweiz hatte von der Sklaverei profitiert. Die Geschichte Neuenburgs lässt grüssen.
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    1. Antwort von Konrad Schläpfer  (Koni)
      Keine Wiedergutmachung? Vergessen sie nicht die Milliarden Entwicklungshilfe die bezahlt wurden und weiterhin grosszügig fliessen. Ebenso die Milliarden Arbeitsstunden die freiwillige Helfer bisher geleistet haben. Leider ohne Erfolg.
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