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Erinnerungsarbeit «Niemandskinder» kommen zu Wort

Den Eltern weggenommen, auf einen Bauernhof verdingt, in eine fremde Familie platziert oder in einem Heim «versorgt»: Fürsorgerische Zwangsmassnahmen prägten die Schweiz bis ins späte 20. Jahrhundert. Eine Ausstellung zum Thema tourt durch die Deutschschweiz – und lässt Betroffene zu Wort kommen.

Miriam (Name geändert) kommt 1965 unehelich zur Welt – zu dieser Zeit ein Makel für Mutter und Kind. Das Mädchen lebt zunächst bei der Grossmutter, wird später in einem Heim untergebracht und im Alter von sieben Jahren mit zwei Halbbrüdern in einer Pflegefamilie. Diese gilt im Ort als gut situiert, heisst es in der Ausstellung, aber: «Die Kinder müssen im Haushalt arbeiten und werden vom Pflegevater regelmässig vergewaltigt.»

Mit 13 Jahren wird Miriam schwanger. Sie muss das Kind in der Pflegefamilie gebären. Hier sagt man ihr, sie habe ihr Kind tot geboren. Dies passiert 1978 im Kanton Bern, ohne dass Lehrpersonen oder Nachbarinnen intervenieren.

Anhaltende Traumata

«Ich bin einfach niemand gewesen» lautet der treffende Titel der Ausstellung zu fürsorgerischen Zwangsmassnahmen. Er steht über all den oft bis heute noch traumatisierenden Gewalterfahrungen, denen viele Kinder und Jugendliche unter dem Deckmantel einer behördlichen Fürsorgepolitik bis weit ins 20. Jahrhundert ausgesetzt waren.

Miriam ist sich sicher, ihr Kind lebend geboren zu haben. Als sie mit 17 darauf besteht, zu erfahren, was mit dem Neugeborenen passiert ist, lassen die Pflegeeltern die Polizei kommen, die sie in eine psychiatrische Klinik bringt.

Praxis änderte sich nicht auf einmal

Dies geschieht 1982, kurz nachdem das schweizerische Parlament den fürsorgerischen Freiheitsentzug revidiert und an menschenrechtliche Standards angepasst hat. Nun brauchte es für die Einweisung in die Psychiatrie eine Diagnose und für eine Inhaftierung im Gefängnis ein Urteil.

Damit sollte behördlicher Willkür ein Riegel vorgeschoben werden. Esther Banz vom Ausstellungsteam sagt jedoch: «Die fürsorgerischen Zwangsmassnahmen endeten offiziell 1981. Aber die Denkweisen und Haltungen, die dahintergestanden waren, blieben länger haften. Die neue gesetzliche Regelung wurde nicht von heute auf morgen umgesetzt.» In welchem Ausmass es auch nach 1981 noch zu willkürlichen Versorgungen kam, ist bisher kaum erforscht.

Partizipation ist Programm

Die Ausstellung umfasst drei Pavillons, die im öffentlichen Raum aufgebaut sind. Im ersten kommen Betroffene zu Wort, im zweiten stehen Behörden im Rampenlicht, die über Zwangsmassnahmen entschieden haben. Und in einem dritten Pavillon ertönen Stimmen aus der Zivilgesellschaft, wie etwa den Medien. Es ist eine dichte und informative Ausstellung auf kleinem Raum, die sehr anschaulich und multimedial gestaltet ist und dadurch leicht zugänglich ist.

Wanderausstellung «Ich bin einfach niemand gewesen»

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Die Ausstellung wird in drei Pavillons im öffentlichen Raum gezeigt. Der Eintritt ist gratis.

  • Riehen, Wettsteinanlage: 1. bis 25. Mai
  • Liestal, Zeughausplatz: 28. Mai bis 14. Juni
  • Buchs/SG, Bahnhofplatz: 19. Juni bis 9. Juli
  • Alberswil, Burgrain: 11. Juli bis 4. August
  • Glarus, Volksgarten: 7. bis 25. August
  • Baden, Theaterplatz: 2. bis 17. September
  • Brig, Mediathek: 2. bis 21. Oktober

Besonderen Wert legt das Ausstellungsteam auf die Beteiligung der Besucherinnen und Besucher. Die Pavillons werden von einer Gastgeberin, einem Host, betreut. An jedem Ort finden Erzählcafés statt. Betroffene und Angehörige können hier über ihre Erfahrungen mit Fürsorge und Zwang reden und sich zudem in einer Geschichtswerkstatt beraten lassen, so Esther Banz: «Sie sollen die Möglichkeit bekommen, ihre Erfahrungen aufzuschreiben und in Archiven weiter zu forschen.»

Radio SRF2 Kultur, Kultur Aktualität, 20.5.2026, 17:40 Uhr

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