Fehlende Sachlichkeit Schaufelt sich die Political Correctness ihr eigenes Grab?

Die westlichen Gesellschaften sind gespalten und politisch polarisiert. Probleme werden immer weniger sachlich analysiert. Zwei Münchner Forscher machen dafür die Political Correctness mitverantwortlich.

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Bildlegende: Diefenbach und Ullrich beschreiben Denkfiguren, wie zum Beispiel Doppelstandards – etwa im Umgang mit Islamkritikern. Getty Images

«Die Grundidee der Political Correctness ist die Vermeidung von Äusserungen, die eine Diskriminierung von Minderheiten und Unterprivilegierten schüren könnten», schreiben die Wirtschaftspsychologin Sarah Diefenbach und der Medieninformatiker Daniel Ullrich von der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität.

Eine gute Idee, aber ...

Im Gespräch bekräftigt Diefenbach: «Diese grundsätzliche Sensibilität dafür, welche Begriffe man verwendet und wie Sprache bestimmte Bedeutungen und Konnotationen hervorbringt, ist auf jeden Fall eine gute Idee, die wir auch unterstützen. Wie auch das Bemühen gegen Diskriminierung und für eine harmonische Gesellschaft.»

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Dann folgt ein grosses «Aber»: «Das Problem sehen wir in der Ideologie, die aus dieser guten Idee mittlerweile erwachsen ist.» Da sei zum einen die Sprachreinigung, die manchmal übers Ziel hinausschiesse, sagt die Wirtschaftspsychologin. Sie lenkt von den Problemen ab, weil zwar intensiv über Begriffe und Wortwahl debatiert werde, jedoch weniger über Inhalte.

Zum anderen nehmen Diefenbach und Ullrich Denkfiguren wahr, die in der Öffentlichkeit wirken.

Wer Opfer ist, darf nicht Täter sein

Eine dieser Denkfiguren, die Diefenbach und Ullrich beschreiben: Opfer- und Täterrollen werden gemäss der Political Correctness durch die Gruppenzugehörigkeit bestimmt.

Solche Gruppen sind etwa Menschen, die historisch benachteiligt wurden oder werden – wie Schwarze oder Frauen. Oder Angehörige einer Minderheit, etwa Migranten oder Menschen mit Migrationshintergrund. Oder Menschen, die sich in ihrer sexuellen Orientierung oder Identität von der Mehrheit unterscheiden. All diese Gruppen werden gerne als Opfer der gesellschaftlichen Verhältnisse dargestellt.

«Der Prototyp des Täters ist der weisse heterosexuelle Mann, weil er durch alle Opfer-Filter fällt», stellen sie fest. Sarah Diefenbach erklärt: «Diese Opferhierarchie fördert Schubladendenken, weil die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe den Opferstatus und das Vermeiden von Schuldzuweisungen nahelegt.»

Kölner Dom mit Menschen davor. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: In der Silvesternacht 2015/16 in Köln wurden Angehörige einer «Opferkategorie» zu Tätern. Getty Images

Ist die Herkunft eines Täters wichtig?

Die Silvesternacht 2015/16, in der Nordafrikaner in Köln zahlreiche Straftaten gegen Frauen verübten, illustriert die Problematik. Zum Blickwinkel der Befürworter von Political-Correctness passte nicht, dass Angehörige einer «Opferkategorie» Täter waren.

Deren Herkunft zu nennen, galt den einen als rassistisch. Sie zu verschweigen, den anderen als Beleg, dass aus Political Correctness Tatsachen unterdrückt werden.

Mit zweierlei Mass

Eine zweite Denkfigur, die Diefenbach und Ullrich in ihrem Buch aufführen: Wenn zwei das Gleiche tun, so ist es nicht das Gleiche. Diefenbach und Ullrich listen in ihrem Buch Beispiele für «Doppelstandards» auf, etwa: «Die Nationalität anzugeben, wenn der Tatverdächtige ein Deutscher war, ist in Ordnung. Aber bei Ausländern wird sie verschwiegen, da die Herkunft Emotionen wecken wird.»

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Buchhinweis

Daniel Ullrich und Sarah Diefenbach: «Es war doch gut gemeint. Wie Political Correctness unsere freiheitliche Gesellschaft zerstört.» Riva, 2017.

Oder: «Wenn es in Österreich bei der Bundespräsidentenwahl eine knappe Mehrheit für den grünen Kandidaten gibt, wird dies als Wählerwille interpretiert. Aber wenn es in Grossbritannien eine knappe Mehrheit für den Brexit gibt, wird kritisiert, dies sei nicht demokratisch.» Oder: «Kritik an Religionen ist grundsätzlich legitim. Aber Islamkritikern wird Rassismus vorgeworfen.»

Zu diesen Beispielen sagt Sarah Diefenbach: «Man muss sich bewusst sein, wie das in den Augen derer wirkt, die sowieso schon kritisch gegenüber Political Correctness sind, und wie das Futter liefert für Gegenbewegungen, die eigentlich niemand möchte.»

Sarah Diefenbach beobachtet, wie in manchen Kreisen die Ansicht verbreitet sei, wir lebten in einer «Meinungsdiktatur», und die Medien seien gleichgeschaltet: «Gleichschaltung ist ein Schimpfwort in vielen Alternativmedien, in Foren und Online-Magazinen, die auch stark ideologisch geprägt sind. Man sagt, die ‹Mainstreammedien› seien gleichgeschaltet, es gebe eine Order von oben, eine bestimmte Sicht auf die Welt, die wir vermittelt bekommen sollen.» Die Wahrheit werde den Menschen vorenthalten.

Die Spaltung der Gesellschaft

Die Wirtschaftspsychologin spricht vom «paternalistischen Journalismus», der das Publikum erziehen, «richtiges» Denken erzeugen und eine bessere Welt herbeischreiben wolle. Das empfinden manche Menschen als bevormundend und tendenziös.

Konsequenz: Sie wenden sich ab. Die Gesellschaft sei gespalten, die Politik stark polarisiert. Sachliche Diskussionen fänden kaum mehr statt. Dazu habe auch die «Political Correctness» beigetragen, schreiben Diefenbach und Ullrich.

Sendung: SRF 2 Kultur, Kontext, 1.12.2017, 9.02 Uhr.

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