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Glosse zu 150 Jahre Telefon Eine Liebeserklärung ans Telefon – mit Trennungswunsch

Am 25. April ist Tag des Telefons. Dieser Tag ehrt Alexander Bell, der das Telefon erfand. Ein Segen? Auch ein Fluch.

Danja Nüesch

Kulturredaktorin

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Danja Nüesch ist Kulturredaktorin bei SRF. Sie hat ein Telefon – und sie benutzt es auch.

061 302 03 26. Die einzige Nummer, die ich auswendig kenne. Die Festnetznummer meiner Oma. An Enkeltrick-Betrüger, die nun schon den Hörer in der Hand haben: Zu früh gefreut. Meine Oma ist leider längst tot. Fast jeden Tag wählte ich früher – am Telefon mit Drehscheibe (!) – diese Nummer. Meine Oma, die weit weg wohnte, am Hörer zu haben, war wunderbar.

Auch heute hänge ich noch an meinem Telefon. Bildlich und buchstäblich. Doomscrolling ist für mich leider kein Fremdwort. Die Finger vom Smartphone zu lassen, fällt mir schwer. Das grösste No-Go meines Alltags: Selbst, wenn ich im Bett mit Buch liege, füttern mich meine Feeds. Mit Food-Rezepten, Fashion-Trends und «food for thought». Rings a bell? Einzigartig – das bin ich mir bewusst – bin ich nicht.

Hand wählt Nummer auf blauem Wählscheibentelefon.
Legende: Schnurr … ratatatatat: das gute alte Wählscheibentelefon (erklären Sie das mal einer GenZ-Person). Doomscrolling war und ist am (auch Fernsprechtischapparat genannten) Gerät sicherlich kein Thema. Depositphotos/zenstock

Alexander Graham Bell – so heisst übrigens der Mann, der das Telefon erfand. 1876 meldet der Wissenschaftler in Washington das erste funktionierende Telefon zum Patent an. Das war eine Revolution. Echtzeitkommunikation über weite Distanzen wurde plötzlich möglich. Er legte den Grundstein unserer vernetzten Welt. Eingebrockt hat uns Bell aber auch – ahnungslos natürlich, was die Zukunft bringen würde – die pausenlose Kommunikation.

Gut finde ich, dass Telefonieren mal teuer war.

Stichwort Sprachnachrichten-Stuss. Mitteilungsbedürftige Menschen, die durch die Welt rennen und Monologe in ihr Smartphone sprechen: leider keine Minderheit. Der Lauf der Zeit? Wahrscheinlich. Ich finde: Filtern wäre hier nicht falsch. Denn vieles, was gesagt ist, ist doch nicht der Rede wert.

Älterer Mann spricht in Smartphone mit Hand am Kinn.
Legende: «Hey, wart schnell, das muss ich Dir noch rasch erzählen.» Dies, das, Ananas … und zack, die kurze 13-Minuten-Sprachnachricht ist parat. Getty Images/Eleganza

Bitterer Kommentar einer Kulturpessimistin? Nein, denn früher, da bin ich sicher, war nicht alles besser. Gut finde ich rückblickend aber, dass Telefonieren auch mal teuer war. Mit einer 10-Franken-Telefonkarte ausgerüstet machte ich mich früher in den Ferien auf in die Telefonkabine und überlegte, wen ich wirklich anrufen will. Was ich wirklich sagen möchte. Damals fand ich das natürlich mühsam.

Auch im Gras bleibt das Smartphone selten liegen.

Falls Sie nun glauben, dass ich mich als Sprachnachrichten-Befreite auf einen Sockel stelle: Ich bin nicht besser. Ich tippe unentwegt unsinnige Nachrichten in mein Smartphone und belustige meine Freundinnen mit Reels. Meinen aktuellen Favoriten verrate ich gerne: der fantastische Michi Buchinger.

Und natürlich macht dieser Austausch wahnsinnig Spass. Aber es ist eben nun mal auch wahnsinnig, so viel Zeit am Telefon zu verbringen, wenn das wahre Leben wartet. Oder was war dieses «Wahr» nochmal?

Vielleicht erwarten Sie jetzt den Teil, wo ich das Lesen eines Buches empfehle – und das achtsame Liegen im hohen Gras. In diese Falle tappe ich nicht. Denn ich weiss doch: Auch im Gras bleibt das Smartphone selten liegen.

Auswege aus der Smartphone-Abhängigkeit suche ich trotzdem immer wieder: Manchmal in den Ferien, wenn ich ein paar Stunden ohne Telefon verbringe, fühle ich mich frei. Frischgeboren! Kaum im Alltag angekommen jedoch: Relapse – and repeat.

Und natürlich habe ich’s auch schon mit Konsum probiert. Ich habe mir ein hübsches Mini-Regal zugetan, auf dem ich mein Smartphone ablegen könnte, sobald ich die Wohnung betrete. Wie oft es da liegt? Fragen Sie meinen Mann.

Seine Nummer gebe ich übrigens nicht raus.

Radio SRF 2 Kultur, 24.4.2026, 17:40 Uhr ; 

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