Für viele ist der reichste Mann der Welt noch immer ein schillernder Unternehmer. Der Historiker Quinn Slobodian aber sagt: Elon Musk steht für ein neues Weltbild – mit weitreichenden politischen Konsequenzen.
SRF: Warum interessieren Sie sich als Historiker für Elon Musk?
Quinn Slobodian: Wir suchen immer noch nach einem Verständnis der jüngsten Vergangenheit, also des frühen 21. Jahrhunderts. Musk bietet sich uns als Protagonist durch diese Zeit des Umbruchs geradezu an.
Bei Elon Musk denken viele an Tesla, X oder die Raketen von SpaceX. Warum bietet ausgerechnet er sich an als Protagonist für das 21. Jahrhundert?
Mein Co-Autor Ben Tarnoff und ich betrachten Musk nicht einfach als einen Verrückten oder ein Genie. Unser Interesse gilt der Art und Weise, wie er Veränderungen im Zeitgeist für seine Zwecke nutzte.
Wie macht Musk das?
Er hat es immer wieder geschafft, Investoren eine glaubhafte Geschichte über die nächste Technologiewelle zu verkaufen. Und Marktnischen zu finden, die es zuvor nicht gab, wie die Satelliten in einer erdnahen Umlaufbahn oder einen kommerziellen Markt für Elektrofahrzeuge. Niemand sprach vor dem Durchbruch von Tesla von Elektrofahrzeugen.
Sie sprechen in Ihrem Buch ja von «Muskismus» als einem neuen Weltverständnis. Inwiefern betrifft uns das?
Wir denken ja, man könne sich dem Einfluss der Tech-Konzerne einfach entziehen. Zum Beispiel durch Löschen des Facebook-Kontos oder indem man keinen Tesla kauft.
Aber so einfach ist das nicht. Apple und Meta sind mehr wert als die gesamte deutsche Börse. 30 Prozent der US-Amerikaner sind durch Pensions- und Indexfonds in Tesla-Aktien investiert. Ausserdem kontrolliert Musk derzeit etwa 70 Prozent aller Satelliten im All.
Im Buch beschreiben Sie, dass sich Musk, auch mithilfe des Staates, Monopolstellungen sichern konnte. 2025 wurden rund 95 Prozent der US-Raketenstarts und mehr als die Hälfte der weltweiten Raketenstarts von SpaceX durchgeführt.
Ja, und das ist laut Musk erst der Anfang der Dominanz im Weltraum. Um eine Vorstellung von der Grössenordnung der Satelliten zu bekommen: Derzeit befinden sich etwa 10’000 seiner Starlink-Satelliten in der erdnahen Umlaufbahn. Letzten Monat hat er einen Antrag für eine Million Satelliten gestellt.
Wie wir in der Ukraine und jüngst in Bezug auf Russland gesehen haben, kann er damit als Einzelperson sogar über Kriegsverläufe mitbestimmen.
Üblicherweise werden Entscheidungen über Leben und Tod auf dem Schlachtfeld in einer Befehlskette getroffen, mit Bezug zu einer repräsentativen Regierung. Aber im Fall der Offensive in Cherson, war es Musks persönliche Entscheidung, die Starlink-Verbindung zu unterbrechen, auf die die Ukraine angewiesen war.
Wohin will sich Musk in Zukunft bewegen?
Für ihn befinden wir uns in einer Übergangsphase. Es geht darum, den Menschen mit der Maschine zu verschmelzen. Denn Musk ist überzeugt, dass wir letztlich vollständig digitale Wesen sein werden. Es geht ihm jetzt um den Kampf, wer den Code kontrolliert. Denn wer das tut, kontrolliert auch die Zukunft.
Muss uns das Sorgen machen?
Mir wird bange bei der Vorstellung, wie sich das entwickeln wird. Ich habe aber auch die Hoffnung, dass er dieses Mal zu weit gegangen ist und sich viele seiner Versprechen nicht erfüllen.
Das Interview führte Olivia Röllin.