Worum geht es? Sam Altman, Chef von OpenAI, dem Unternehmen hinter ChatGPT, hat eine Art Manifest veröffentlicht. Im Zentrum von Altmans Manifest steht die künstliche Intelligenz und die tiefgreifenden sozialen Umwälzungen, die sie auslösen könnte. Es benötige daher einen «neuen Gesellschaftsvertrag», um diese Veränderungen abzufedern. In seinem 13-seitigen Manifest formuliert Altman das Ziel, dass KI der Menschheit zugutekommen soll – und warnt auch deutlich vor den Gefahren der künstlichen Intelligenz.
Was sind seine konkreten Ideen? Sam Altman schlägt etwa vor, dass US-Behörden den Profit von KI-Unternehmen stark besteuern und damit umverteilen sollen. Laut Altman birgt der Einsatz künstlicher Intelligenz das Risiko sinkender Löhne und damit geringerer Sozialabgaben wie etwa Beiträgen an Renten- oder Krankenversicherungen. Durch eine höhere Besteuerung könnte man dem entgegenwirken. Altmann bringt auch die Idee einer Viertagewoche ins Spiel, um etwa Massenarbeitslosigkeit abzufedern, wenn durch den Einsatz künstlicher Intelligenz Arbeitszeit entfällt.
Warum gibt es eine Debatte um das Manifest? Am selben Tag wie Altmans Manifest ist eine investigative Zeitungsrecherche im «New Yorker» erschienen. Darin geht es um Sam Altman –und um die Frage, ob man dem Mann trauen kann, der möglicherweise unsere Zukunft mitbestimmt. Eineinhalb Jahre haben Journalisten mit über 100 Weggefährtinnen und Weggefährten von Altman gesprochen. Die Interviews zeichnen ein übereinstimmendes Bild: Sam Altman nehme es mit der Wahrheit nicht so genau und würde häufig strategisch lügen. Und das widerspricht dem Image, das er von sich selbst propagiert: dass er ein Garant sei für einen ethischen und risikobewussten Umgang mit der künstlichen Intelligenz.
Wo zeigt sich dieser Widerspruch in Altmans Entscheidungen? Vor kurzem zum Beispiel hat das KI-Unternehmen Anthropic, ein Konkurrent von OpenAI, wegen ethischer Bedenken seine Zusammenarbeit mit dem US-Verteidigungsministerium beendet. Anthropic wollte nicht, dass seine Technologie für Massenüberwachung oder autonome Waffen eingesetzt wird. OpenAI hingegen setzte die Zusammenarbeit fort. Für Kritikerinnen und Kritiker zeigt das einen Widerspruch zwischen Altmans Aussagen und den Entscheidungen seines Unternehmens.
Wie ordnen Fachleute das Manifest ein? Unabhängige KI-Expertinnen wie Soribel Feliz weisen in US-Medien auf zwei Dinge hin: Einerseits sagen sie, die Analyse im Manifest von OpenAI sei richtig. Denn die Politik hinke den Entwicklungen in Hinblick auf KI hinterher, gerade in Bezug auf soziale Umwälzungen. Auch die konkreten Vorschläge von Sam Altman finden viele lobenswert. Gleichzeitig sei der Absender dieses Manifests aber eben OpenAI – und damit kein neutraler Player. Sondern ein Unternehmen, das grösstes Interesse daran, hat, sich in der Öfffentlichkeit als verantwortungsvoll zu positionieren. Und das zu einem Zeitpunkt, an dem es darum geht, künstliche Intelligenz politisch zu regulieren. Soribel Feliz interpretiert das Manifest daher als strategischen Schachzug, um möglichen Regulierungen zuvorzukommen.