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Warum ist KI unheimlich? «Wir leben in einer historischen Transformation»

Seit 20 Jahren gibt es die SRF Digitalredaktion. Deren Leiter, Guido Berger, beschreibt den Wandel von der anfänglichen Euphorie zur heutigen Überforderung und erklärt, warum künstliche Intelligenz so unheimlich wirkt.

Guido Berger

Leiter SRF Digital-Redaktion

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Guido Berger ist Historiker und arbeitete als Programmierer, bevor er 2006 zur neu gegründeten SRF Digitalredaktion stiess. Da erklärt er dem Publikum neue digitale Technologien und Games. Seit 2011 leitet er die heute 4-köpfige Redaktion.

SRF News: Wie hat sich Ihre Rolle als Digital-Journalist verändert?

Guido Berger: Früher waren wir quasi Korrespondenten aus der digitalen Welt, die berichteten, was dort passiert. Heute leben wir alle in dieser Welt. Unser Alltag ist von digitaler Technologie durchzogen. Deshalb verstehen wir uns jetzt eher als Fremdenführer, die einordnen, vertiefen und den Leuten helfen, sich zurechtzufinden.

Panzer sind stärker als Smartphones. Heute haben wir es mit Dystopien zu tun. Kommt etwas Neues, denken wir sofort an Schlimmes.

Kann man sagen: Früher herrschte Euphorie, heute Pessimismus?

Ja, das ist bei jeder Technologie so. Am Anfang stehen utopische Ideen. Man sprach vom «globalen Dorf», in dem der Weltfrieden ausbricht. Beim Arabischen Frühling dachte man, dank Facebook würden alle autoritären Regimes gestürzt. Dann kam der Wendepunkt, als man merkte, dass auch diese Regimes das Internet zu ihren Zwecken nutzen, dass Panzer stärker sind als Smartphones. Heute haben wir es mit Dystopien zu tun. Kommt etwas Neues, denken wir sofort an Schlimmes, an den Terminator oder Massenarbeitslosigkeit.

Smartphone mit Chatbot-Apps auf dem Bildschirm.
Legende: Keystone/CHRISTIAN BEUTLER

Sind wir überfordert von der Komplexität neuer Technologien?

Ich glaube, dass gerade etwas fundamental Neues passiert. Einerseits ist die Technologie faktisch komplizierter geworden. Früher konnte man einen Motor noch selbst flicken. Heute stecken in einem Auto Millionen Zeilen Programmcode, die niemand mehr im Detail versteht. Andererseits prasselt diese neue Komplexität durch das iPhone pausenlos auf uns ein. Ich nehme viel mehr davon wahr als früher. Viele Über­forderungs­erscheinungen haben damit zu tun.

Wir haben eine Maschine gebaut, die sich nicht immer gleich verhält. Das ist chaotisch und für uns unheimlich.

Mit der künstlichen Intelligenz wird es noch komplexer ...

Das ist ein neuer Komplexitätssprung. Bisher kannten wir Algorithmen, die wie ein Rezept funktionieren: Wenn das, dann das. Das ist nachvollziehbar. Die neuen Sprachmodelle wie ChatGPT sind statistische Modelle. Sie berechnen, welches Wort mit der grössten Wahrscheinlichkeit als nächstes kommt. Warum genau dieses Wort, wissen selbst die Entwickler nicht immer. Wir haben eine Maschine gebaut, die sich nicht immer gleich verhält. Das ist chaotisch und für uns unheimlich, weil wir ein solches Verhalten bisher nur von Lebewesen kannten.

Was hilft gegen diese Überforderung?

Wichtig ist, nicht in eine Verweigerungshaltung zu verfallen nach dem Motto: «Das ist mir zu kompliziert.» Das führt nicht zu einem besseren Umgang. Es führt kein Weg daran vorbei: Man muss sich damit beschäftigen, lernen und verstehen.

Es ist falsch zu glauben, dass Technologie einen eigenen Willen hat.

Leben wir in einer historischen Transformation – ohne zu wissen, wohin sie führt?

Die digitale Transformation hat in den 40er-Jahren begonnen, als man die Idee hatte, die Dinge digital statt analog zu machen. Das ist noch nicht einmal hundert Jahre her. Grosse Transformationen in der Geschichte dauerten hundert bis Hunderte von Jahren, bis sich eine Gesellschaft an eine fundamentale Änderung angepasst hat. Wenn ich schon nur auf die letzten 20 Jahre zurückblicke, haben wir vieles nicht kommen sehen.

Können wir als Gesellschaft überhaupt mitgestalten, wohin die Reise geht?

Absolut. Es ist falsch zu glauben, dass Technologie einen eigenen Willen hat. Technologie wird von Menschen gebaut und von der Gesellschaft angewendet. Wir entscheiden, wie wir sie in unseren Alltag integrieren. Ob wir sie regulieren. Das ist ein ständiger gesellschaftlicher Verhandlungsprozess.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

Tagesgespräch, 30.3.2026, 13 Uhr ; 

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