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Inklusive Puppen Neue Barbie mit Autismus: Ein Meilenstein oder Marketing?

Barbie war schon vieles: Astronautin, Präsidentin, Influencerin. Jetzt ist sie auch Autistin. Ist das Vielfalt oder PR?

Der Spielzeug-Hersteller Mattel präsentiert die neue Puppe als Meilenstein der Inklusion – mit abgewandtem Blick, Anti-Lärm-Kopfhörern und pinkem Fidget-Spinner: Sie stellt eine Barbie mit Autismus dar. Das Kleid ist locker, die Schuhe flach – alles durchdacht.

Barbie mit violett-weiss gestreiftem Kleid, Kopfhörer und Fidget-Spinner
Legende: Barbie soll die Vielfalt der Menschen spiegeln – dazu gehört auch Neurodivergenz. Dies ist die neue Barbie mit Autismus. Mattel

Mattel verweist auf 18 Monate Entwicklungsarbeit, begleitet von Mitgliedern des Autistic Self Advocacy Network, einer NGO, die sich für die Rechte und Repräsentation von Menschen mit Autismus einsetzt. Die Entwicklung klingt nach Fortschritt in einer immer diverseren Welt. Aber ist sie das wirklich?

Barbie mit Diabetes

Die autistische Barbie reiht sich ein in die Reihe der blinden Barbie, Typ-1-Diabetes Barbie oder dem Ken mit Vitiligo. Gut jedes halbe Jahr erscheint ein neues Modell. «We are Barbie» nennt sich die Initiative, eine Antwort Mattels auf die Diversitätskritik an ihrem Sortiment prä-2019.

Die Idee dahinter: Kinder sollen sich in Barbie wiederfinden. So weit, so nobel. Eine andere Idee von Mattel (die nirgends offiziell auftaucht): Die Medien sollen über Barbie berichten – und das tun sie. Zuhauf.

Sarah Oechslin, Wissenschaftliche Mitarbeiterin des Schweizer Kindermuseums in Baden, findet: «Im besten Falle tragen diese Spielsachen dazu bei, eine etwas breitere Vorstellung von Normalität zu prägen.»

Aber Sichtbarkeit entstehe nicht automatisch durch ein neues Produkt. Zudem reproduzieren diese Barbies ein unrealistisches Schönheitsideal – «ob sich die Kinder tatsächlich von solchen Puppen repräsentiert fühlen, bleibt dahingestellt.»

Pinke Publicity

Dass Barbie das Spiel mit dem Zeitgeist liegt, zeigte schon der Film 2023 von Greta Gerwig. Ein feministischer, unterhaltsamer Film – und ein gigantischer PR-Coup, der Millionen Barbies verkaufte. Und die Welt grübelte, ob nicht doch mehr dahinter steckte als der blosse Absatz.

Ähnliche Fragezeichen begleiten die Barbie mit Autismus: Wird mit ihr tatsächlich gespielt oder wird sie nur zur Publicity gepostet? Nicht, dass gerade diese Figuren in der perfekten Welt von Barbie – wie der Film so schön demonstriert – am Ende links liegen gelassen werden. Womöglich, weil sie nicht zum Schein passen.

SRF hat bei mehreren Detailhändlern nachgefragt, wie die inklusiven Puppen ankommen – bislang ohne Antwort. Sarah Oechslin meint dazu: «Ich nehme an, eine solche Barbie wird von jenen Haushalten gekauft, die bereits auf diese Themen sensibilisiert sind.»

Eine Frage der Repräsentation

Hinzu kommt: Autismus hat keinen spezifischen Look. Theoretisch könnte man sich für jede Barbie vorstellen, sie sei autistisch. Wer weiss: Vielleicht funktioniert die Inklusion in der Fantasiewelt von Barbie ja wunderbar. Kinder spielten ohnehin nach eigenen Regeln, so Oechslin.

Autismus

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Autismus ist eine Form von Neurodivergenz, die beeinflusst, wie Menschen die Gesellschaft erleben und mit ihr interagieren. Die Merkmale von Autismus variieren je nach Individuum. Die Weltgesundheitsorganisation geht davon aus, dass mehr als jedes hundertste Kind mit Autismus lebt.

Zu wünschen wäre es, wenn die Puppe für manche Kinder ein Stück Anerkennung bedeutet. Möglich auch, dass sie als pädagogisches Geschenk in der ein oder anderen Familie ein Gespräch über Menschen mit Autismus anregt, egal wie viel Empathie sie am Ende wirklich erzeugt.

Zielgruppe?

Zum Verkaufsstart der neuen Barbie in der Schweiz gibt es noch keine offiziellen Angaben. Diese werden erfahrungsgemäss aber auch ausserhalb der USA vertrieben.

Interessant wäre zu wissen, wie viele Modelle Mattel tatsächlich absetzt, um Rückschlüsse über Diversität als Marketing-Strategie zu ziehen. Eine Erkenntnis des Barbie-Films war: Er diente vor allem dazu, die Eltern für Barbie zu erwärmen.

Radio SRF 4 News, Rendez-vous, 6.1.2026, 12:30 Uhr

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