Die Gebeine des Heiligen ruhten während 800 Jahren gut verschlossen in einem Grab. Doch nun sind sie für die Gläubigen erstmals in einer Vitrine gut sichtbar ausgestellt.
Marco Moroni steht den Franziskanermönchen von Assisi vor. Er erklärt den Grund dafür: «Die sterblichen Überreste von Heiligen zu verehren, ist in der römisch-katholischen Kirche gang und gäbe.» Makaber sei das nicht, erklärt der Pater. Denn die Knochen zu sehen und die Vitrine zu berühren, erlaube es den Gläubigen, nah beim Heiligen zu sein.
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Bild 1 von 4. Assisi in Umbrien ist aktuell einen Besuchermagnet: Gläubige aus aller Welt wollen die Gebeine des Heiligen Franz von Assisi besuchen. Bildquelle: IMAGO / Catholicpressphoto.
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Bild 2 von 4. Beim Berühren der Vitrine fühlen sie sich dem Heiligen ganz nah. Bildquelle: IMAGO / Catholicpressphoto.
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Bild 3 von 4. «Corpus Sancti Francisci» steht auf dem gläsernen «Sarg» – der Leib des heiligen Franziskus. Bildquelle: IMAGO / Catholicpressphoto.
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Bild 4 von 4. Viele bleiben vor dem Schrein stehen, machen das Kreuzzeichen, werfen einen Kuss zu, beten mit gefalteten Händen oder gehen schweigend vorbei, beeindruckt von der Zerbrechlichkeit und der Historizität der Gebeine. Bildquelle: IMAGO / Independent Photo Agency Int.
Weit verbreiteter Reliquienkult
Nur wenige Gehminuten von Franziskus’ Grabkirche entfernt liegt das Grab eines der jüngsten Heiligen der römisch-katholischen Kirche, nämlich jenes von Carlo Acutis. Den mit nur 15 Jahren an Leukämie verstorbenen Acutis hat der Papst im letzten Herbst heiliggesprochen, weil er den Glauben im Internet propagierte hatte. Der präparierte Leichnam des «Heiligen des Internets» ist in einem gläsernen Sarg ausgestellt. Wobei man Teile des Körpers mit Silikon rekonstruierte.
Warum aber Franziskus nun 800 Jahrhunderte verborgen in seiner Gruft lag, erklärt Pater Marco: «Sowohl die Stadt Perugia als auch Assisi wollten die sterblichen Überreste des Heiligen unbedingt besitzen und stritten sich darum.»
Ein ökonomischer Faktor
Schon im Mittelalter wusste man, dass Reliquien viele Leute anziehen und damit auch viel Geld in die Opferstöcke bringen. Wallfahrten zu Reliquien kurbelten das Gastgewerbe und die Wirtschaft an. Damit die Gebeine keiner raubt, hat man sie damals in Assisi gut eingemauert.
Seit Sonntag sind sie nun aber ausgestellt. 400'000 Leute haben sich bereits via Internet angemeldet und sich so einen Slot in der Kirche gesichert. Und es werden wohl noch viel mehr kommen.
Die Politik schaltet sich ein
Die Popularität des Heiligen ist in Italien ungebrochen. Dass der vor einem Jahr verstorbene argentinische Papst genau diesen Namen gewählt hatte, ist so gesehen kein Zufall.
Das hat auch die Politik gemerkt, zum Beispiel Premierministerin Giorgia Meloni. Vor einigen Monaten hielt sie in Assisi auf den Heiligen eine Rede: «Franziskus sei der liebenswerteste, der poetischste, der italienischste aller Heiligen», sagte Meloni. Er sei vielleicht jene Figur, die am meisten dazu beigetragen habe, eine italienische Identität zu begründen. Auch deshalb erhob sie den Todestag des Heiligen, den 4. Oktober, zum nationalen Feiertag.
Franziskus ist nicht einfach zu fassen
Franziskus, der bescheidene Bettlermönch, der friedfertig leben wollte und die Schöpfung achtete, fasziniert die Leute. Dass man versuche, den Heiligen für seine Zwecke zu vereinnahmen, sei aber ein heikles Thema, sagt der Franziskanermönch Marco Moroni. Man mache aus Franziskus einen Tierliebhaber, Umweltschützer, Pazifisten oder Veganer. Selbst Diktator Mussolini habe einst versucht, den italienischsten aller Heiligen für sich einzuspannen.
Moroni mahnt zur Vorsicht: «Es ist nicht einfach, Franziskus gesamthaft zu verstehen.» Immerhin ist er nun seit dem 22. Februar zu sehen. Zumindest das, was die Jahrhunderte übrigliessen.