Neu ist sie platinblond. Hat viel abgenommen, filigran gezupfte Augenbrauen. Postet Outfit-Fotos. Ist das Aushängeschild einer Schminkmarke.
Wie kann sie nur, diese Sophie Passmann?
So oder ähnlich die Kommentare auf dem Instagram-Profil der 32-jährigen Podcasterin und Satirikerin Sophie Passmann. 400'000 Leute lesen da mit. Und so auch der Titel ihres neuen Buches.
In «Wie kann sie nur?» beschäftigt Passmann das Thema Schönheit. Und welche ambivalenten Schönheitsideale das Leben von Frauen in der Öffentlichkeit – von denen sie eine ist – erschweren.
Der Titel ist gut. Der Ausruf «Wie kann sie nur?» heisst: Ich verurteile deinen Lebensentwurf. Meiner ist besser.
Feministischer Hochverrat?
Auch wenn mit rasierten Beinen, gefärbten Haaren oder gebotoxter Stirn kein Statement gesetzt werden will, wird es als solches gedeutet. «Ist es moralisch vertretbar, sich die Lippen aufzuspritzen?», fragt Passmann im Buch.
Botox hält uns brachial vor Augen, dass Frauen tatsächlich bereit sind, zu leiden für den grossen Preis der Schönheit.
Botox sei nicht krasser als manche Peelings oder Diäten. Weder feministisch noch unfeministisch, so Passmann. «Botox hält uns brachial vor Augen, dass Frauen bereit sind, zu leiden für den grossen Preis der Schönheit.» Der Wert einer Frau in der Öffentlichkeit hänge von ihrem Aussehen ab. «Es ist untrennbar verbunden mit der Frage, wie viel ich als Frau darf», schreibt Passmann.
Exemplarisch führt sie zwei Popkultur-Ikonen auf: «Sex and the City»-Carrie Bradshaw und Lorelai Gilmore.
Als die Shows vor 20 Jahren rauskamen, durften die jungen Figuren verpeilt, verfressen, verschwenderisch sein. Weil sie «hot» genug dafür waren. In den Neuauflagen, als fast 50-Jährige, ist nichts mehr vom «Hot Mess» übrig.
Selfcare? Arbeit!
Es ist also kaum verwunderlich, gemäss Passmann, dass Frauen viel Zeit und Geld in ihre Optik investieren.
Perfide findet sie, dass die Arbeit mühelos aussehen soll und als «Selfcare» verkauft wird. Das vermeintliche #wokeuplikethis stört sie. Die Heimlichtuerei stört sie.
Ein Pieks, viel Häme
Deshalb legte Passmann 2023 in einem Essay offen, sich die Lippen aufgespritzt zu haben. Ein Tsunami des Tadels überrollte sie.
Sie diene als Projektionsfläche für die Unsicherheiten der Leute, so Passmann. Unausgesprochen heisst das: Die hat nachgeholfen, ich nicht – also darf ich mich besser fühlen, weil ich zumindest natürlich bin.
Image zementiert
«Warum arbeitest du so hart daran, wie Barbie auszusehen?». Solche Fragen kriegt Passmann auf Instagram ständig. Sie sei nicht mehr die Alte. «Viele haben eine grosse Antipathie gegen Veränderung», erzählt Passmann im «Hotel Matze»-Podcast.
Im Buch exerziert sie das am Beispiel Billie Eilish durch: Deren einst grüne Haare und XXL-Kleider wurden zur Uniform, die das Publikum von ihr erwartete. Dann kam ein Vogue-Cover mit Korsage und Marilyn-Monroe-Frisur. Sie verrate ihre alten Werte, unterwerfe sich dem männlichen Blick, so die Kritik.
Mehrdeutigkeit werde berühmten Frauen «zu ihrem Nachteil ausgelegt», schreibt Passmann.
Begrenzt relatable
Passmanns Steckenpferd ist die weibliche Erfahrung in der Öffentlichkeit. Das kommt im Buch durch. Sie analysiert, unterhält, verrennt sich stellenweise. Pauschalisieren lässt sich ihr Erfahrung nicht. Sie beschreibt, wie anstrengend die konstante Selbstbespiegelung ist. Darüber zu lesen ist es auch.
Der Leserin soll der Spiegel vorgehalten werden: Was macht die endlose Bewertung mit dir? Nach der Lektüre ist man fast zu erschöpft, darüber nachzudenken.