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Neues Buch «Wie kann sie nur?» Sophie Passmann: So schön wie nie – und drum so umstritten

Sophie Passmann schreibt über Frauen im Netz – und die absurden Urteile, die über sie verhängt werden.

Neu ist sie platinblond. Hat viel abgenommen, filigran gezupfte Augenbrauen. Postet Outfit-Fotos. Ist das Aushängeschild einer Schminkmarke.

Wie kann sie nur, diese Sophie Passmann?

So oder ähnlich die Kommentare auf dem Instagram-Profil der 32-jährigen Podcasterin und Satirikerin Sophie Passmann. 400'000 Leute lesen da mit. Und so auch der Titel ihres neuen Buches.

Frau mit blonden Haaren und grauem Oberteil, neutraler Hintergrund.
Legende: Zu viele Selfies, zu viel Botox, zu früh Mutter, zu reicher Boyfriend: Passmann schreibt darüber, wie jede Handlung einer Frau im Netz bewertet werde. Max Strohe

In «Wie kann sie nur?» beschäftigt Passmann das Thema Schönheit. Und welche ambivalenten Schönheitsideale das Leben von Frauen in der Öffentlichkeit – von denen sie eine ist – erschweren.

Rückblick: Sophie Passmanns Karriere

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Berühmt wurde die Deutsche ursprünglich als Slam-Poetin. Seither hat sie eine steile Karriere hingelegt, schrieb für Jan Böhmermann, veröffentlichte Bestseller wie «Pick Me Girls», «Alte weisse Männer», «Komplett Gänsehaut», stand auf der Theaterbühne und hat nun ihren wöchentlichen «Sophie Passmann Podcast».

Der Titel ist gut. Der Ausruf «Wie kann sie nur?» heisst: Ich verurteile deinen Lebensentwurf. Meiner ist besser.

Feministischer Hochverrat?

Auch wenn mit rasierten Beinen, gefärbten Haaren oder gebotoxter Stirn kein Statement gesetzt werden will, wird es als solches gedeutet. «Ist es moralisch vertretbar, sich die Lippen aufzuspritzen?», fragt Passmann im Buch.

Botox hält uns brachial vor Augen, dass Frauen tatsächlich bereit sind, zu leiden für den grossen Preis der Schönheit.
Autor: Sophie Passmann

Botox sei nicht krasser als manche Peelings oder Diäten. Weder feministisch noch unfeministisch, so Passmann. «Botox hält uns brachial vor Augen, dass Frauen bereit sind, zu leiden für den grossen Preis der Schönheit.» Der Wert einer Frau in der Öffentlichkeit hänge von ihrem Aussehen ab. «Es ist untrennbar verbunden mit der Frage, wie viel ich als Frau darf», schreibt Passmann.

Exemplarisch führt sie zwei Popkultur-Ikonen auf: «Sex and the City»-Carrie Bradshaw und Lorelai Gilmore.

zwei Frauen sitzen auf einem Sofa und essen Chips
Legende: «Gilmore Girl» Lorelai (links) war der Typ «Hot Mess»: Sie wurde begehrt, ohne es zu merken, leistete sich einen Fauxpas nach dem anderen. Sympathisch, zerstreut – und trotzdem hot. IMAGO / mptv

Als die Shows vor 20 Jahren rauskamen, durften die jungen Figuren verpeilt, verfressen, verschwenderisch sein. Weil sie «hot» genug dafür waren. In den Neuauflagen, als fast 50-Jährige, ist nichts mehr vom «Hot Mess» übrig.

Selfcare? Arbeit!

Es ist also kaum verwunderlich, gemäss Passmann, dass Frauen viel Zeit und Geld in ihre Optik investieren.

Mehr Arbeit bei Frauen: die «Grooming Gap»

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Die «Grooming Gap» («grooming», englisch für Körperpflege) ist das Mehr an Zeit, das Frauen aufwenden, um als schön zu gelten und den höheren gesellschaftlichen Erwartungen zu entsprechen.

Während bei Männern mitunter Duschen und Bartpflege reicht, investieren Frauen mehr Geld, Zeit und Schmerzen in die Pflege ihres Körpers.

In verschiedenen Branchen (zum Beispiel als Flugbegleiterin) wird ein gepflegtes Äusseres vorausgesetzt. Wer dem Ideal entspricht, wird eingestellt. Und verdient dann oft ein bisschen mehr. Frauen profitieren dann zwar von der Arbeit um ihre Schönheit, müssen den Profit aber wieder genau dafür ausgeben.

Es geht also, wie etwa beim «Gender-Pay-Gap» um einen ökonomischen Aspekt – hier von Schönheitsarbeit.

Perfide findet sie, dass die Arbeit mühelos aussehen soll und als «Selfcare» verkauft wird. Das vermeintliche #wokeuplikethis stört sie. Die Heimlichtuerei stört sie.

Ein Pieks, viel Häme

Deshalb legte Passmann 2023 in einem Essay offen, sich die Lippen aufgespritzt zu haben. Ein Tsunami des Tadels überrollte sie.

Sie diene als Projektionsfläche für die Unsicherheiten der Leute, so Passmann. Unausgesprochen heisst das: Die hat nachgeholfen, ich nicht – also darf ich mich besser fühlen, weil ich zumindest natürlich bin.

eine Frau sitzt am Boden, hält einen Blumenstrauss
Legende: «Es gibt keine richtige Art, Frau zu sein», resümiert Passmann im Buch. Sie habe versucht, den perfekten Körper und die perfekte Seele zu haben, um einem vernichtenden Urteil zu entkommen. «Es hat nicht funktioniert». Max Strohe

Image zementiert

«Warum arbeitest du so hart daran, wie Barbie auszusehen?». Solche Fragen kriegt Passmann auf Instagram ständig. Sie sei nicht mehr die Alte. «Viele haben eine grosse Antipathie gegen Veränderung», erzählt Passmann im «Hotel Matze»-Podcast.

Im Buch exerziert sie das am Beispiel Billie Eilish durch: Deren einst grüne Haare und XXL-Kleider wurden zur Uniform, die das Publikum von ihr erwartete. Dann kam ein Vogue-Cover mit Korsage und Marilyn-Monroe-Frisur. Sie verrate ihre alten Werte, unterwerfe sich dem männlichen Blick, so die Kritik.

Mehrdeutigkeit werde berühmten Frauen «zu ihrem Nachteil ausgelegt», schreibt Passmann.

Begrenzt relatable

Passmanns Steckenpferd ist die weibliche Erfahrung in der Öffentlichkeit. Das kommt im Buch durch. Sie analysiert, unterhält, verrennt sich stellenweise. Pauschalisieren lässt sich ihr Erfahrung nicht. Sie beschreibt, wie anstrengend die konstante Selbstbespiegelung ist. Darüber zu lesen ist es auch.

Der Leserin soll der Spiegel vorgehalten werden: Was macht die endlose Bewertung mit dir? Nach der Lektüre ist man fast zu erschöpft, darüber nachzudenken.

Buchhinweis

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Sophie Passmann: «Wie kann sie nur?». Kiepenheuer & Witsch, 2026.

Radio SRF 3, 13.03.2026, 15:40 Uhr

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