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Zauberhaftes Älterwerden Zwischen Botox und Selbstliebe: die Suche nach dem schönen Altern

Beim Thema Älterwerden läuft ein Graben durch die Gesellschaft, tief wie eine Stirnfalte: zwischen Natürlichkeit und dem Griff zur Schönheitschirurgie. Können wir in Zeiten von Tiktok-Idealen noch selbstbestimmt altern? Vier ganz unterschiedliche Frauen zeigen, wie es gehen kann.

Montagabend. Unerbittlich surrt das Licht der Neonröhre im Badezimmer. Ich, kurz vor 40, vor dem Spiegel, erschrecke mich. Nicht über die bleibenden Falten, die sich neuerdings links, rechts und mittig durch mein Gesicht ziehen. Sondern über die Frage, die da tönt in meinem Kopf: «Was kostet eigentlich so eine Botoxspritze? Nur eine, klitzekleine?»

Nahaufnahme eines lächelnden älteren Gesichts.
Legende: Das Alter mit all seinen Zeichen gelassen annehmen: Leichter gesagt, als getan – und das hat viele Gründe. Getty Images/T-studios2

Woher kommt diese Frage auf einmal? Ich wollte doch immer gleichmütig das Älterwerden bejahen, wenn es so weit sein würde.

Ich bin gar nicht eitel, aber ...

«Ich glaube mir selbst nicht, dass ich das gerade mache ...» Hanne ist Mitte 30, als sie in der Arztpraxis liegt, um sich die Falte zwischen ihren Augenbrauen botoxen zu lassen. Und sie zweifelt: «Ich bin Yogalehrerin. Das passt doch eigentlich gar nicht zu mir. Und doch, etwas in mir will das.»

Auch Dana aus Basel steckt in einem Clinch: «Ich bin eigentlich gar nicht besonders eitel, sondern möchte natürlich älter werden.» Trotzdem unterzieht sie sich seit einigen Jahren regelmässig der Behandlung.

Der Zwiespalt zieht sich durch die Gesellschaft wie die Falten durch mein Gesicht: Die Schweiz rangiert im internationalen Vergleich an der Spitze bei schönheitschirurgischen Eingriffen. Gleichzeitig hat Natürlichkeit Konjunktur: Elke Heidenreichs Buch «Altern» ist im deutschsprachigen Raum das meistverkaufte im Jahr 2024. In den sozialen Medien trendet graues Haar. Selbstbestimmt älter werden – wie gelingt das in diesem Spannungsfeld?

Zur Klärung der Frage soll ein Blick in eine Arztpraxis beitragen: In Winterthur hält die Ärztin Marlies Bärtsch gerade eine haarfeine Spritze mit dem Nervengift Botulinumtoxin hoch. «Meine Assistentinnen müssen das jeweils in einem Nebenraum und ohne Ablenkung aufziehen, da darf nichts daneben gehen.»

Botox – Nervengift und Wundermittel?

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Botulinumtoxin, auch Botulinumneurotoxin oder umgangssprachlich Botox, gilt als eines der stärksten Nervengifte weltweit.

Die Wirkung beruht auf der Hemmung der Erregungsübertragung von Nervenzellen, was unter anderem eine Muskelschwäche zur Folge haben kann.

Botulinumtoxin ist für Lebewesen wie den Menschen ein tödliches Gift. Bei falscher Anwendung oder Dosierung können unerwünschte Lähmungen auftreten.

Ein medizinischer Zweck des Einsatzes von Botox ist die Behandlung neurologischer Bewegungsstörungen.

Gleichzeitig ist es ein beliebter Wirkstoff, um sich eine sorgenfreie Mimik herzuspritzen: Eine Gesichtsbehandlung lähmt die Muskeln für mehrere Monate. Die Haut wirkt glatter.

Bärtsch ist Gynäkologin. Vor einigen Jahren beschloss sie, ihr Angebot auszubauen. Seither bietet sie in ihrer eigenen Praxis zusätzlich ästhetische Behandlungen an. Das Botox ziehe längst nicht nur Frauen an, die in ein klischiertes Beauty-Bild passen, beobachtet Bärtsch. «Ich bin oft überrascht darüber, dass auch natürlich aussehende Frauen sich botoxen lassen wollen.»

Dabei habe die Gynäkologin zunächst gezögert, bevor sie ästhetische Eingriffe anbot. «Ich fürchtete, das könnte meine Praxis in ein unseriöses Licht rücken.» Aus finanziellen Gründen mache das Angebot für sie als Fachärztin aber Sinn.

Ein lukratives Zusatzgeschäft

Botox ist in der Schweiz ein lohnendes Geschäft – und ausschliesslich Sache der Ärzte und Ärztinnen. Die Behandlung ist streng reguliert: Das Medikament ist verschreibungspflichtig, es gilt ein Werbeverbot. Die Kontrolle obliegt den Kantonen. Im ästhetischen Bereich angewendet, bezahlen Klienten die Behandlung privat und nicht über die Krankenversicherung.

Die Entwicklung hat auch mit dem Abrechnungssystem für Ärzte zu tun. Denn neu gilt für Ärzte in der Schweiz seit diesem Jahr ein verändertes System – namens Tardoc. Fachärzte wehren sich gegen die Einführung, weil sie finanzielle Einbussen befürchten.

Gynäkologin Marlies Bärtsch sagt: «Das neue Tarifsystem bereitet uns Ärzten Sorgen. Unsere Leistungen sind zum Teil nicht mehr so gut honoriert. Vor diesem Hintergrund macht ein Zusatzangebot Sinn.» Denn: Botox-Behandlungen sind nicht vom neuen Tarifsystem betroffen. Hier bestimmt der Markt den Preis.

Der versteckte Preis von Botox

«Input»-Hörerin Dana, die ja eigentlich natürlich altern wollte, wurde von einem Arzt auf Botox aufmerksam gemacht. Sie war wegen einer Hauterkrankung beim Dermatologen, als dieser ihr von seinem zusätzlichen Angebot erzählte. Seither lässt sich die 41-Jährige immer wieder ihre Falten glätten.

Glatte Haut, frisches Aussehen, viele Komplimente – das gebotoxte Gesicht hat für sie zweifellos Vorteile. In Danas ehemaligem Job an einer Rezeption bemerkte sie aber bald auch die Schattenseiten des Nervengifts in ihrem Gesicht.

Wie viel Mimik soll es noch sein nach der Behandlung?
Autor: Marlies Bärtsch Fachärztin

«Klienten und Mitarbeitende blieben jeweils plötzlich einen Ticken länger bei mir an der Rezeption stehen, obwohl ich ihnen nonverbal zu verstehen gab, dass sie doch nun weitergehen sollten.» Dana verlor ihre ausdrucksstarke Mimik.

«Das ist bei der Abklärung ein sehr wichtiger Punkt», sagt Marlies Bärtsch. «Wie viel Mimik soll es noch sein nach der Behandlung? Es gibt durchaus Klientinnen, die sagen, es soll sich im Gesicht gar nichts mehr bewegen.»

Das Alter, die Unsicherheit und der Markt

Ab einem bestimmten Alter kann die persönliche Einstellung gegenüber ästhetischen Eingriffen wanken, beobachtet Bärtsch.

Emilia Roig, Politologin, feministische Autorin und Aktivistin, meint dazu: «Wir leben in einer Gesellschaft, die Frauen ihren Wert über ihr Äusseres und ihre Jugendlichkeit beimisst. Die Beauty-Industrie gibt ihnen zu verstehen, es sei das Schlimmste, dick zu werden und Falten zu bekommen, und kapitalisiert diese Unsicherheit.»

Frau in rotem Pullover lehnt an Fenster, spiegelt sich.
Legende: Die Autorin Emilia Roig denkt nach über Emotionen, Politik, Individualismus, Kapitalismus – und wie sie sich gegenseitig beeinflussen. KEYSTONE/DPA/Jens Kalaene

Auch Männer können in der mittleren Lebensphase betroffen sein von Unsicherheit, sagt Forscherin und Co-Direktorin des Longevity Centers der Universität Zürich Christina Röcke. Druck käme aus der Krypto- und Longevity-Welt, in der Männer finanziell erfolgreich, gesund und sportlich sein müssten.

Longevity – Forschungsfeld und Lifestyle-Hype

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Der Begriff «Longevity» umfasst vor allem Erkenntnisse und Ratschläge zur Verlängerung der menschlichen Lebenszeit. Ziele sind, Alterungsprozesse zu verlangsamen, altersbedingte Beschwerden zu vermeiden und bis in ein hohes Alter Lebensqualität zu bewahren.

Als Forschungsgebiet befasst sich Longevity mit den biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren des Alterns. Wissenschaftliche Fortschritte in der Zellbiologie, Ernährungswissenschaft und Medizin bieten hier spannende Ansätze, die auch im Alltag anwendbar sind.

Seit einer Weile hat sich ein Hype entwickelt, der Longevity als Lifestyle und Geschäftsmodell etabliert. Psychologisch nutzt der Hype den uralten Menschheitstraum, den Tod oder zumindest den Verfall hinauszuzögern. Treibend sind hier unter anderem Tech-Milliardäre und Biohacker: Persönlichkeiten wie Bryan Johnson, der jährlich Millionen für seine Selbstoptimierung ausgibt, oder der Harvard-Genetiker David Sinclair gelten als «Popstars» der Szene.

Viele Männer setzten sich zudem im mittleren Alter zum ersten Mal mit ihrer mentalen Gesundheit auseinander, Stichwort: Midlife-Crisis. Die Forschung habe aber insgesamt noch zu wenig gesicherte Daten dazu, wie es Männern in diesem Lebensabschnitt geht.

Das mittlere Alter kann also Unsicherheit auslösen. Es tut sich aber auch ein Raum für Freiheit auf, findet Roig, denn «das gesellschaftliche Skript darüber, wie ein erfülltes Leben aussehen soll, fällt weg. Wenn Kinder da sind, werden diese grösser. Beruflich ist die Laufbahn eingeschlagen.» Und diese positive Seite des mittleren Alters sei nicht zu unterschätzen.

Auch Christina Röcke bestätigt, dass die Unsicherheit des mittleren Alters mit einem grossen Gefühl der Freiheit einhergehen kann: Wie gestalte ich den neuen Lebensabschnitt – ohne gesellschaftliche Erwartungen über ein erfülltes Leben?

Älter werden: gern entspannt!

Frei und selbstbestimmt älter werden also? «Das gibt es nicht», sagt die Gynäkologin Marlies Bärtsch.

Selbst wenn ich mir eine Gesichtscreme kaufe, ist das nicht mehr selbstbestimmt.
Autor: Marlies Bärtsch Fachärztin

Sie lacht und ergänzt: «Wenn Frauen in meiner Praxis sagen, sie botoxen sich ganz für sich allein, glaube ich ihnen nicht. Selbst wenn ich mir in einem Laden eine Gesichtscreme kaufe, ist das schon längst nicht mehr selbstbestimmt.»

Der Druck, dem Schönheitsideal zu entsprechen, sei hoch, und mit dem Alter nehme er zu. «Vor allem wir Frauen müssen uns immer wieder neu entscheiden: Will ich dem Optimierungszwang nachgeben oder nicht? Das hört nicht mehr auf.»

Autorin Emilia Roig kommt für sich zum Schluss: «Für mich bedeutet selbstbestimmtes Älterwerden, genug Geld zu haben für das, was mir gut tut: Alternativmedizin, Massagen, und wenn ich älter werde: Hilfe und Unterstützung annehmen.»

Und: den eigenen Alterungsprozess zu akzeptieren. «Der Körper verändert sich und baut ab, das ist der natürliche Lauf. Beim Älterwerden geht es letztlich darum, das und den eigenen Tod zu akzeptieren.»

Den Balanceakt akzeptieren

Anfangs sei sie noch schockiert gewesen, wenn ihre Freundinnen ihr sagten, dass sie sich haben botoxen lassen, erinnert sich Roig. Unterdessen wolle sie aber sanfter sein in der Hinsicht und findet: Der Wunsch, «sich wohl und schön fühlen zu können im eigenen Körper ist auch ganz normal. Wenn da für jemanden Botox dazu gehört, warum nicht?»

Lächelnde Frau mit lockigem grauem Haar im Freien.
Legende: Älter werden kann alles andere als mühsam sein. Eines der Rezepte für Wohlbefinden in jeder Lebensphase ist, selbstbestimmt zu bleiben. Getty Images/Tim Robberts

Und was sagt die Forscherin Christina Röcke zum entspannten Älterwerden? «Menschen, die das Gefühl haben, sie hätten die Zügel ihres Lebens in der eigenen Hand und sie seien nicht fremdbestimmt, altern zufriedener.»

Ob das mit oder ohne Botox passiert, bleibt offen. Und Hanne, die Yogalehrerin, meint mit Blick in die Zukunft: «Ich habe Botox für mich gemacht. Das ist jetzt sechs Jahre her. Es bleibt vorläufig bei dem einen Mal. Aber wer weiss, wie sich das entwickelt, wenn ich älter werde.»

Radio SRF 3, Input, 25.1.26, 20:02 Uhr

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