«Schön, dass Sie sich Zeit für Zuversicht nehmen», begrüsst mich der Kursleiter. Ich bin skeptisch, er hoffnungsvoll. Ich habe mich angemeldet für einen Onlinekurs zum Thema Zuversicht. Einen Artikel über Zuversicht soll ich schreiben. Neues Jahr, Neuanfang, Vorsätze, besseres Ich. Ich versteh’ schon. Dennoch tue ich mich mit dem Thema schwer.
Zuversicht, das «Buzzword» der Stunde. Kanzler, Könige und Bundespräsidenten kommen kaum aus ohne das Wörtchen. Egal, wie angespannt die aktuelle Lage ist.
Seit ich meine Recherche gestartet habe, sind mir drei neue Bücher untergekommen, die das Thema beackern. Dazu sendet SRF eine «Passage» über die «Zuversicht in dunklen Zeiten», im «Kulturplatz Talk» wird darüber sinniert, worauf sich die Zuversicht gründet – und der «Kulturplatz» fragt: Wie zuversichtlich bleiben in diesen Zeiten?
Tenor: Die Welt geht den Bach runter
Und da ist er, mein wunder Punkt: «in diesen Zeiten». Diese Phrase klebt inzwischen an allem wie ein Rabattsticker. Es sind die Zeiten der Kriege, Klimasorgen, Inflation und Politikverdrossenheit.
«Werbung, in diesen Zeiten? Sparen wir uns»; «Guter Journalismus: in diesen Zeiten wichtiger denn je»; «In Zeiten wie diesen brauchen wir wissbegierige junge Menschen, die Lust haben, anzupacken», wird in Zeitungsartikeln getitelt. Mich dünkt, die brauchen wir immer, nicht? Und guten Journalismus sowieso. Findet nicht alles zu jeder Zeit in Zeiten wie den jeweiligen statt?
Verstehen Sie mich nicht falsch. Natürlich, aktuelle Krisen gibt es. Zuhauf. Ich möchte niemandem in Abrede stellen, dass diese Umstände beelenden. Mich auch. Die Zuversicht ist darum so trendy, weil es – gefühlt – so stark brennt.
Trotzdem gibt die Mehrheit – drei Viertel der Befragten – im gerade erschienen Hoffnungsbarometer an, dass sie auch in schwierigen Zeiten hoffnungsvoll bleiben können. Objektiv gesehen leben wohl viele, die hier mitlesen, in Sicherheit und relativem Wohlstand.
Wer Zuversicht und Hoffnung predigt, wirkt schnell wie der Animateur am Hotelpool.
Was suchen also all die Leute, die Zuversicht wollen?
Um eben das herauszufinden, melde ich mich für den Kurs mit dem Titel «Zuversicht» der «Zeit Akademie» an: 3.5 Stunden im Videoformat, Kapitel wie «Wie man die innere Freiheit stärkt» und «Was das Leben wertvoll macht». Dazu Studien, Übungen, Expertengespräche.
464 Leute kürten den Kurs von Wissenschafts-Redaktor Ulrich Schnabel mit fünf Sternen. «Gerade in Zeiten wie diesen bietet dieses Seminar Orientierung an», resümierte eine Teilnehmerin. Na gut. Vielleicht sind sie aber auch einfach Fans von Ulrich Schnabels sanfter Stimme.
Die Katastrophenbrille
Nun aber zum Kurs, Lektion 1. Schnabel steigt gleich mit dem Gefühl der allgegenwärtigen Krise ein. In diesen Zeiten sei das Weltgeschehen dramatischer denn je. Gefühlt. Denn ein zentraler Aspekt von Zuversicht sei, wie wir auf die Welt schauen.
Und das tun wir eben oft verzerrt. Das erste Problem: der Negativitätsbias unseres Hirns. Es reagiert stärker auf negative Information als auf positive. Danke, Evolution – für die eingebaute Katastrophenbrille.
Das zweite Hindernis: Laut Studien werden Bedenkenträger für klüger gehalten. Heisst: Wer Alarm schlägt, bekommt Respekt. Wer Zuversicht und Hoffnung predigt, wirkt schnell wie der Animateur am Hotelpool.
Gut, das finde ich eine wichtige Ergänzung. Wider Erwarten bin ich schon bald sehr angetan vom Kurs. Ein unaufgeregter Ton, keine übertriebene Achtsamkeitsrhetorik. «Zeit»-Redaktor Ulrich Schnabel macht klar: Er hält Zuversicht für eine «Form von Lebensenergie, die wir unbedingt brauchen, um lebensfähig zu sein». Er weiss, wovon er spricht: Zwei Bücher über Zuversicht, jahrelange Recherche zur Bewusstseinsforschung.
Ursprünglich bedeutet das Wort ein Voraussehen auf die Zukunft. Egal, ob die gut oder schlecht war. Es kommt vom Althochdeutschen «Zuo-fir-siht».
Zuversichtliche Frösche
«Alles wird gut!» ist es also nicht. Zuversicht unterscheide sich von Optimismus, so Schnabel. Das illustriert er mit der sogenannten Frosch-Parabel. Mein Highlight.
Der Optimismus-, Pessimismus- und Zuversicht-Frosch ist in je einen Topf mit Rahm gefallen. Die ersten beiden ertrinken. «Der Rand ist viel zu hoch» und «Keine Sorge, irgendjemand wird uns schon retten» sind ihre jeweils letzten Worte.
Der Zuversicht-Frosch? Erkennt die schwierige Lage; weiss, ihm bleibt nichts anderes übrig als zu strampeln. Er strampelt so lange, bis Rahm zu Butter wird. Hüpft raus. Und lebt.
Banal: ja. Aber einprägsam. Leute wollen Zuversicht, weil sie sich nicht lähmen lassen wollen, obwohl sie nüchtern auf den Ernst der Lage blicken. Ich frage mich, ob auch eine Gesellschaft als Kollektiv angesichts der politischen Grosswetterlage aus dem Glas zu hüpfen vermag. Oder gelingt dies einfacher als Individuum?
Ich kann nicht anders, als die Augen zu verdrehen, als Verhaltenstherapeut Jens Corssen im Kurs erklärt, dass er sich seit 20 Jahren jeden Morgen auf einen Stuhl stelle, sich verbeugt, um dann mit aufrechter Haltung den Tag zu begrüssen.
Man sollte im Kleinen, bei sich selbst, anfangen – zu diesem Schluss kommen die eingangs erwähnten Zuversicht-Bücher.
Zuversicht hoch zwei
Autorin Louise Brown und der einstige RTL-Chef Stephan Schäfer notierten für Ihre Texte jeweils über einen längeren Zeitraum, was der Alltag für sie Gutes bereithält. Daraus entstanden zwei Bücher, die in Anekdoten davon berichten, wie viel Schönes sich in kleinen Dingen verbirgt. Und wie zuversichtlich es stimmt, diese niederzuschreiben.
Schäfers Buch «Jetzt gerade ist alles gut» nimmt seinen Anfang tatsächlich in einer existenziellen Krise: bei einem Schnitt in den Finger beim Brotschneiden. Resultat ist eine nekrotisierende Fasziitis, eine bakterielle Entzündung, die bei 50 Prozent der Fälle zum Tod führt. Nach einem dramatischen Aufenthalt im Krankenhaus findet Schäfer zurück ins Leben. Jetzt will er die zufällige Begegnung mit dem Bäcker oder der Schwiegermutter wertschätzen.
Louise Browns Motivation für ihre Sammlung war keine so persönliche Geschichte wie bei Schäfer. Vielmehr richtet Brown den Fokus auf das Positive in ihrem Leben, um dem ständigen Krisenmodus zu entkommen. So schreibt sie sich das Leben lieber schön, als im Elend zu versinken.
Simpel? Beschönigend? Zu individualistisch? Diese beiden Bücher stossen bei Rezensenten nicht nur auf Zuspruch.
Zuversicht als Haltung heisst, sich zu entscheiden, in Frieden zu leben mit den Gesetzen des Lebens.
Vereinzelt geht es mir in meinem Zuversicht-Onlinekurs auch so. Der Grat zur Selbstoptimierung scheint ein schmaler, etwa wenn schwierige Situationen mantraartig als Trainingseinheiten geframed werden.
Ich kann nicht anders, als die Augen zu verdrehen, als Verhaltenstherapeut Jens Corssen im Kurs erklärt, dass er sich seit 20 Jahren jeden Morgen auf einen Stuhl stelle, sich verbeugt, um dann mit aufrechter Haltung den Tag zu begrüssen – mit allem, was dieser bringe.
Ihm wird das Handy geklaut? Ja, nervt. Aber er habe sich am Morgen schon damit abgefunden, dass dies passieren könnte. Es gehe darum, dass man seinen Blickwinkel verändern könne, seine Haltung zum Leben. «Es sind nicht die Situationen, die uns auf Dauer verstimmen, sondern unsere Beurteilung der Situationen.»
Klingt klug. Aber strukturelle Probleme? Bleiben draussen. Ich verstehe die Idee: Wirksamkeit spüren, nicht Opfer sein. Das führt zurück zum Frosch. Der strampelt, bis Rahm zu Butter wird.
Kalenderspruch-Vibes? Absolut. Aber ich sehe den Reiz: Zuversicht als Haltung heisst, sich zu entscheiden, in Frieden zu leben mit den Gesetzen des Lebens.
Mehr als Lebenshilfe-Kategorie
«Das Leben ist ein ständiges Wechselspiel zwischen Stabilität und Instabilität», sagt Philosophin Natalie Knapp im Kurs. Man wird krank, gekündigt, verlassen. Nach einem Down streben die meisten wieder einen neuen, stabilisierenden Zustand an.
Selbst Immanuel Kant sagte: «In schwierigen Zeiten gibt es eine gewisse Pflicht zur Zuversicht.» Natalie Knapp macht klar, Zuversicht sei eine durchaus ernstzunehmende Kategorie. Es gehe darum, in der Gegenwart gedanklich ein Fenster zu öffnen in eine wünschenswertere Zukunft.
Ins Handeln kommen, raus aus der Ohnmacht. Das war auch Daniel Schreibers Ziel mit seinem Buch «Liebe! Ein Aufruf». Es ist das politischste der jüngst erschienenen Werke – und das substanziellste.
Er plädiert nicht explizit für Zuversicht, sondern für Liebe im öffentlichen Raum. Anlass? Ihm sei in den letzten Jahren «die Fähigkeit abhandengekommen, die Welt zu lieben». Zuversicht? Verloren.
Wie diese Apathie durchbrechen? Mit sozialem Engagement. Könnte heissen: an Demonstrationen gehen, einen Buchclub gründen, im Altersheim helfen. Ihm geht es um das Miteinander: Eine zuversichtliche Gesellschaft ist eine solidarische, eine fürsorgliche.
Zudem betont Schreiber, «Zuversicht ist etwas Praktisches». Genau so höre ich es immer wieder in meinem Onlinekurs. Es ist nicht nur ein Gefühl, eine Haltung, sondern eine Tätigkeit: Wie wir einander begegnen, aufeinander zugehen.
Zuversicht ist kein Zaubertrick
Was suchen Menschen, die Zuversicht wollen? Im Kern geht es wohl darum, wie man mit Unsicherheiten umgeht. Es braucht die nüchterne Analyse und den zuversichtlichen Schwung. Sonst droht der Tod im Rahmglas.
«Angst bekommen wir von allein. Für die Zuversicht müssen wir etwas tun», sagt Kursleiter Ulrich Schnabel am Ende seines Kurses.
Zuversicht ist kein Zaubertrick gegen die Weltlage. Und die Weltlage sieht für alle anders aus: mal katastrophal, mal überraschend gut – ja, auch «in diesen Zeiten». Sie beginnt im Kleinen. Etwa im Onlinekurs. Oder im Durchhaltewillen, doch noch den Artikel darüber zu schreiben.