Für Joachim Küchenhoff ist Verzeihen eine psychosoziale Notwendigkeit: Verzeihen könne heilen, ist der Basler Psychiater überzeugt – sofern sich Menschen und Gesellschaften auf eine ehrliche Verzeihensarbeit einliessen.
Denn wer verzeiht, verzichtet auf eine vorschnelle Reaktion – etwa darauf zurückzuschlagen. «Verzeihen und Verzicht hängen auch sprachlich zusammen», erinnert Küchenhoff im Gespräch.
Oft werde Verzeihen aber fälschlicherweise als einen «Verzicht auf Gerechtigkeit» verstanden. Das wäre fatal. Küchenhoff erinnert daran, dass schon gemäss Bibel und Religionen Verzeihen und Versöhnung nur dann gelingen, wenn die Wahrheit ausgesprochen und Wiedergutmachung geleistet wird.
Passiert dies nicht, würde die Gewalt irgendwann wie ein Bumerang zurückkommen. Das sei beispielsweise im Nahen Osten so: der Grund für die dort immer wieder aufflammende Gewalt.
Im Akt des Verzeihens ermächtigt sich zunächst einmal das «Opfer» selbst. Eine verletzte Person nimmt die Situation in ihre eigene Hand: Sie wird zum aktiven Subjekt anstelle eines passiven Objekts.
Gisèle Pelicot als Paradebeispiel
Als Beispiel führt Küchenhoff die Französin Gisèle Pelicot an. Das Vergewaltigungsopfer hat ihre Leidensgeschichte vor ein paar Wochen als Buch veröffentlicht. In ihrer Autobiografie «Hymne auf das Leben» hadere sie nicht, so Küchenhoff. Sie würde sich die Deutung ihres Lebens weder nehmen noch diktieren lassen. Gleichzeitig poche Pelicot darauf, dass die ganze Wahrheit ans Licht kommt und ihre Vergewaltiger bestraft werden.
Verzeihen ist ein grosses Stopp-Zeichen und schafft eine Pause. Es unterbricht die Spirale von Aggression und Gegenaggression. Aber: «In dieser durchs Verzeihen verschafften Zeit muss auch etwas passieren», betont Küchenhoff.
Auch Wiedergutmachung ist zentral
Verzeihen braucht Wahrheit und Wahrhaftigkeit auf allen Seiten. Genau da setzte auch die Wahrheitskommission Südafrikas in den 1990er-Jahren an. Ihr Ziel war es, die politisch motivierten Verbrechen während der Apartheid zu untersuchen. Küchenhoff hat hunderte Seiten Gesprächsprotokolle gelesen und empfindet die Arbeit als vorbildlich.
Warum aber leidet Südafrika heute trotzdem unter Gewalt und sozialen Verwerfungen? Weil auf den Wahrheitsprozess kein Wiedergutmachungsprozess folgte, so Küchenhoff. Menschen in Südafrika warten bis heute auf Wiedergutmachungszahlungen.
Verzeihen bedeutet Arbeit
Verzeihen ist nach Küchenhoff also kein schnelles «Glücksrezept to go». Sondern harte Arbeit und ein langer, meist schmerzhafter Prozess. Alle Seiten müssten sich darin mit ihrer Schuld, Verletzung und Traumata auseinandersetzen. Und dies ohne jede Gegengewalt. Das fällt nicht leicht.
Küchenhoff spricht deshalb lieber von «Verzeihensarbeit». Nur wenn der Schlussstrich «Verzeihen» zum Auftakt für ehrliche Verzeihensarbeit werde, kann daraus auch echte «Entschuldigung» werden. Und damit ein nachhaltiger Friede: zwischenmenschlich wie gesellschaftlich.