Rund um den Valentinstag wird Romantik gern in Blumen und Pralinen verpackt. Doch was hält die Liebe wirklich wach, wenn die Schmetterlinge längst ausgeflogen sind? Psychologin Caroline Fux plädiert für mehr Neugier – und die Hoffnung, dass Schmetterlinge keine Eintagsfliegen sind: Sie können zurückkehren.
SRF: Viele erleben Liebe irgendwann als Desillusionierung. Warum?
Caroline Fux: Ein Punkt sind sicher hohe Erwartungen und der Drang nach Neuem. Wenn mein Pfahlbauerhaus der Liebe nur auf dem Pfeiler Novität steht, ich zum Beispiel Sexualität nur im Hormonsturm der Anfangszeit genussvoll leben kann, habe ich irgendwann ein Problem. Häufig kommt die Neugier der Verliebtheitsphase irgendwann abhanden. Eine zentrale Frage ist deshalb: Können wir in den Zustand von Neugier zurückfinden?
Alain de Botton sagt, um verschüttete Liebe zurückzubekommen, könnte man ein impressionistisches Bild anschauen. Das Gegenüber also wie ein Gemälde genau betrachten.
Ein spannender Punkt. Die meisten Menschen haben das Gefühl, Schönheit ist etwas, das das Gegenüber liefert oder eben nicht. Es ist vielmehr eine eigene Kompetenz, die man trainieren kann. Wir denken oft, dass wir uns nach vielen Beziehungsjahren in- und auswendig kennen. Ich glaube, das tun wir nie. Wir haben so viele Facetten, verändern uns ständig. Man könnte sich also fragen, wie viel Raum man dem heutigen Menschen einräumt, der vielleicht unglaublich spannend wäre.
Wir haben heute so viel Beziehungswissen wie noch nie. Kommen wir damit nicht weiter?
Ja, wir wissen unglaublich viel: Podcasts, Bücher, Therapie. Aber dieses Wissen ist häufig konzeptuell, unbeweglich. Menschen sagen mir etwa, sie wollen bessere Kommunikation. Sollen sie jedoch beschreiben, wie das gelebt aussieht, werden sie schnell still. Wissen darf nicht nur im Kopf bleiben; wir müssen den Körper ansprechen, ihm ein Erlebnis bieten, um weiterzukommen.
Oft kommen Leute zu mir, nachdem sie stundenlang mit ChatGPT ihre Beziehung durchgekaut haben.
Sie sprechen auch vom ChatGPT-Effekt. Was ist damit gemeint?
Die Idee, dass es innert Sekunden für etwas eine Lösung gibt. Das ist eine Challenge für die Beziehung und die therapeutische Arbeit. Oft verrennen und versteifen sich Leute in unbeweglichem Wissen – sie kommen zu mir, nachdem sie stundenlang mit ChatGPT ihre Beziehung durchgekaut haben und wahnsinnig bestärkt sind in der eigenen Sicht. Das kann auch dazu führen, dass sie die Arbeit von echten Therapiepersonen als schlecht empfinden, wenn wir Dinge hinterfragen. Im Austausch mit ChatGPT geht in der Regel vergessen, dass es zuhause noch eine andere Person in der Beziehung gibt, die die Dinge vielleicht sehr anders sieht.
Ohne Beziehungsarbeit geht es nicht.
Ja, das Haus der Beziehung braucht Unterhalt, sonst wird es marode. Man könnte die Beziehung als Feld von Investitionen anschauen. Beim Investieren sollte man ja auch nicht beim ersten Tief alles verkaufen.
Die Beziehung ist etwas Organisches. Gebe ich etwas hinein, kommt etwas zurück.
Da regt sich bei mir Widerstand. Investitionen, Kapitalismus auch noch im privatesten Bereich?
Damit meine ich eher: Die Beziehung ist etwas Organisches. Gebe ich etwas hinein, kommt etwas zurück. Man kann auch von Jahreszeiten sprechen. Manchmal sage ich meinen Klientinnen, sie sollen sich im Winter vor einen Baum stellen. Können sie sich wirklich vorstellen, dass er wieder blüht? Er wirkt tot, aber wir wissen, unter der Oberfläche warten die Knospen auf den Frühling. Eine Beziehung ist nicht einfach ein Hoch, gefolgt von einem Sinkflug. Ich bedauere es, wenn Menschen nicht erfahren, dass Schmetterlinge wiederkommen können.
Das Interview ist ein Auszug aus dem Podcast «Zimmer 42».