Nach 16 Jahren geht die Ära Viktor Orban in Ungarn zu Ende. Peter Magyar hat mit seiner Oppositionspartei Tisza die Zweidrittelmehrheit im Parlament geholt und folgt Orban als Ministerpräsident.
Sein Vorgänger hatte die Freiheiten in der Kultur sukzessive eingeschränkt. Hohe Posten wurden etwa nur mit regierungsnahen Erzkonservativen besetzt. Macht sich in der Kulturszene nun Zuversicht breit?
SRF: Wie reagiert die Kulturszene auf den Wahlsieg von Peter Magyar?
Ilma Rakusa: Begeistert! Auf diesen Moment hat man lange gewartet. Alle meine Freunde und Freundinnen aus der Schriftsteller- und Kunstszene hoffen, dass eine bessere Zeit kommt.
Peter Magyar gilt auch als Rechtskonservativer, wie sein Vorgänger Viktor Orban. Freut sich die Kulturszene da nicht vielleicht zu früh?
Ich hoffe nicht, dass es böse Überraschungen gibt. Er scheint offen genug zu sein, auch als Rechtskonservativer, um der Kulturszene die Freiheit zu geben, die sie braucht, um sich zu entfalten.
Es gibt fantastische Kulturschaffende in Ungarn: Schriftsteller, Schriftstellerinnen, Theaterleute, Filmschaffende, bildende Künstler. Für die Grösse des Landes ist die Kulturszene enorm reich. Es gibt bereits zwei ungarische Literaturnobelpreisträger, Imre Kertész und erst kürzlich László Krasznahorkai.
Meinungsfreiheit und eine offene Medienszene sind Voraussetzung, damit es auch in der Kulturszene wieder freier zugehen kann.
Diese Kulturszene hofft, dass mehr Luft zum Atmen da sein wird. Und dass Gelder, die in Ungarn knapp sind, für Kultur und für die freie Kulturszene übrig bleiben.
Was wären aus Ihrer Sicht Massnahmen, die Peter Magyar und seine Regierung jetzt ergreifen müssten, um die Kulturszene in Ungarn von staatlicher Gängelung zu befreien?
Es geht hier allgemeiner um Medien- und Meinungsfreiheit, das war ein Riesenproblem unter Orban: staatliche Sender, Radio, Fernsehen – alles war monopolisiert und musste sozusagen Orbans Fidesz-Partei gehorchen. Es gab also seit Jahren keine freie Medienszene mehr. Dies ist Voraussetzung, damit es auch in der Kulturszene wieder freier zugehen kann.
Magyar muss die Zensur aufheben.
Auch bei der Bildung wurde wahnsinnig viel eingespart. Viele Lehrer haben ihren Job gekündigt, weil sie so wenig verdient haben.
Wie hoffnungsvoll sind Sie, dass sich die Situation der ungarischen Kultur bessern wird?
Ich glaube Magyar hat bereits erste Schritte unternommen und hat seinen Wahlkampf sehr transparent geführt. Also hoffe ich, dass alles möglichst schnell passieren wird.
Jubel in Ungarn nach Wahlsieg von Magyar
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Bild 1 von 6. Grosser Jubel auf den Strassen von Budapest nach dem Wahlsieg von Magyar am Sonntagabend. Bildquelle: Keystone/DENES ERDOS.
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Bild 2 von 6. Peter Magyar von der Oppositionspartei Tisza verdrängt nach 16 Jahren Viktor Orban aus der ungarischen Regierung. Bildquelle: Keystone/DENES ERDOS.
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Bild 3 von 6. Der 45-jährige Wahlsieger verspricht für sein Land einen Neuanfang. Bildquelle: Keystone/DENES ERDOS.
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Bild 4 von 6. Derweil räumte Viktor Orban seine Wahlniederlage ein. Bildquelle: Keystone/PETR DAVID JOSEK.
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Bild 5 von 6. Viele junge Menschen in Budapest erhoffen sich unter Magyar eine bessere Zukunft. Bildquelle: Keystone/DENES ERDOS.
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Bild 6 von 6. Tausende Magyar-Supporter feierten in der ungarischen Hauptstadt bis tief in die Morgenstunden. Bildquelle: EPA/MTI/TIBOR ILLYES.
Vor allem muss er die Fidesz-Leute möglichst schnell durch Leute ersetzen, die wirklich mit Künstlern und Künstlerinnen zusammenarbeiten wollen. Und: Magyar muss natürlich die Zensur aufheben.
Wie hat sich diese Zensur ausgewirkt?
Es gab keine offiziell deklarierte Zensur. Ich meine zum Beispiel Bücher, die irgendwie mit LGBTQ zu tun haben. Die wurden ausgesondert in den Buchhandlungen, markiert und von der Kulturministerin offiziell in die Tonne geworfen. Auch das muss aufhören. Ein Land wie Ungarn darf nicht weiter in diesem Fahrwasser von Orban bleiben.
Das Gespräch führte Ruth Wili.