Handwerk scheint viele Menschen glücklich zu machen. Diesen Eindruck gewinnt zumindest, wer beobachtet, wie Keramikateliers, Strickcafés und Siebdruckwerkstätten derzeit florieren. Kein Wunder: Der Alltag ist für viele von Bildschirmen und Tastaturen geprägt, und selbst in der Freizeit wird unablässig getippt und gescrollt.
Dem Kopf eine Pause zu gönnen, die Gedanken schweifen zu lassen, während wir einen Pinsel führen, ein Zopfmuster erproben oder mit einem Rakel hantieren – das empfinden viele als beglückend.
Handwerk hat Bestand
Die Philosophie hatte für das Handwerk dennoch lange wenig übrig. Vorherrschend war die Auffassung, dass wahres Glück allein in der Tätigkeit des Geistes liege, gekrönt von der «vita contemplativa», einem Leben der reinen Betrachtung und Versenkung. Eine der wenigen Ausnahmen, die das anders sieht, ist Hannah Arendt. Sie stellt diesem Ideal die «vita activa» entgegen: ein Tätigsein in der Welt, gemeinsam mit anderen, im konkreten Vollzug des Lebens.
Dazu gehört für die Philosophin auch das Handwerk, in dem Dinge entstehen, die wir gebrauchen können, ohne sie im Gebrauch zu verbrauchen. Der Schrank, den wir selbst zimmern, überdauert womöglich Generationen. Handwerk wirkt damit der flüchtigen Zeit entgegen. Es hat Bestand.
Blüten im Dampfbad
Das gilt auch für die Techniken selbst, die im Handwerk über Generationen weitergegeben und bewahrt werden. Davon erzählt Textilgestalterin Jennifer Grunder, die in ihrem Atelier Kurse über Naturfarben anbietet. Beim sogenannten «Bundle Dye» (Bündelfärben) werden die Farbstoffe, die in Blüten, Blättern und Wurzeln stecken, im Dampfbad auf Stoff übertragen.
Grunder experimentiert schon lange mit Pflanzenfarben und knüpft mit ihrem Handwerk an eine lange Tradition an: die Erforschung dessen, wie Farben sich verändern, wenn man Mineralien zusetzt, Pflanzen kocht oder trocknet.
Vom Glück des Staunens
Im Atelier der Textildesignerin färbe ich selbst ein Tuch und lerne dabei Erstaunliches über Blüten, Wurzeln und sogar über getrocknete Läuse, die ein leuchtend pinkfarbenes Muster auf dem Stoff hinterlassen.
Vor allem aber erfahre ich, wie beglückend es ist, sorgfältig zu arbeiten und dennoch nicht alles kontrollieren zu können. Während ich das Tuch aufrolle, erinnere ich mich an das Gefühl aus der Kindheit, wenn ich einen Scherenschnitt auseinanderfaltete: Gleich wird sichtbar, was entstanden ist – und nichts lässt sich mehr ändern. Umso grösser ist das Staunen über das, was sich zeigt.
Wider das Flüchtige
Und selbst wenn sich das Ergebnis nie vollständig beherrschen lässt, stellt sich Stolz ein über das, was an diesem Abend in Grunders Atelier entstanden ist. Der Soziologe Richard Sennett beschreibt in seinem Buch «Handwerk» zwei Belohnungen, die das Werken mit den Händen uns schenkt: den Stolz auf das Geschaffene und die Verankerung in der konkreten Welt.
Meine philosophischen Gedanken und Begriffe entgleiten mir bisweilen – wie Luftgespinste, die sich im nächsten Moment im besseren Argument verfangen und auflösen. Das Handwerk dagegen bleibt. Es gibt dem Flüchtigen eine Form und dem luftigen Denken ein materielles Gegengewicht, das man in den Händen halten kann.