Es ist ein grauer Tag in Emmenbrücke bei Luzern. Lars Stötzel will seinen fünfjährigen Sohn Maxim vom Kindergarten abholen. Doch der ist schon gegangen – in Richtung Zuhause. Lars sucht ihn deshalb im Quartier.
Hier im Viertel auf den engen Wegen mit vielen Hauseingängen und einigen Spielplätzen bewegt sich der 48-jährige Familienvater auch mit seiner Sehbehinderung selbstständig und ohne weissen Langstock.
Kinder trotz Augenkrankheit
«Das scharfe Sehen ist bei mir komplett weg», beschreibt er das, was er sieht. «Man kann sich das so vorstellen, als ob man eine Brille aufhätte, bei der das Zentrum mit einem milchigen Aufkleber abgedeckt ist.»
Die Sehbehinderung ist bei Lars vererbt: Makula-Degeneration heisst die Augenkrankheit.
Rein theoretisch hätte Lars diese Augenkrankheit seinen Kindern weitervererben können. «Wir haben nie diskutiert, ob wir Kinder haben wollen oder nicht», erinnert er sich. «Es war immer klar, dass wir Kinder haben wollten. Ich wusste damals schon, dass die Chance gering ist, dass ich das weitergeben werde.»
«Ich sehe was, was du definitiv nicht siehst»
Lars findet Maxim nicht auf Anhieb. Also stösst er einen ohrenbetäubenden Pfiff aus. «Normalerweise reagiert er da drauf», sagt Lars. Doch erst nach einer Weile findet Lars seinen Sohn lachend bei einem Busch. Er hat sich einen Scherz erlaubt und sich vor seinem Vater versteckt.
Humor ist wichtig in der Familie – dabei ist die Sehbehinderung das Normalste der Welt. «Die Krankheit gehört zu mir, und für mein Umfeld ist dies völlig normal», sagt Lars. «Unser Lieblingsspiel in der Familie ist ‹Ich sehe was, was du nicht siehst›. Wobei mein mittlerer Sohn sagt, sie könnten das Spiel auch umbenennen in ‹Ich sehe was, was du definitiv nicht siehst›.»
Eine Runde Autoquartett? Kein Problem!
Der mittlere und der ältere Sohn sind heute Mittag nicht da. Sie sind auf Schulreise oder essen in der Schule. So hat Maxim für einmal seinen Vater für sich allein. Das ist die Chance für ein Kartenspiel – ein Autoquartett.
Lars teilt aus. Er sei schneller als sein Sohn. Dafür darf er den Stapel wählen, mit dem er spielen will. Gespielt wird pro Runde mit je einer Karte. Die Person mit dem höheren Wert gewinnt die Runde.
Die Technik macht's einfacher
Beide – Vater und Sohn – brauchen manchmal etwas mehr Zeit: Maxim, um nachzudenken. Lars, um die Karten zu sehen. Er tut dies mit einer Lupen-App auf seinem Handy. Dieses hält er über die Karten. Seine Kinder würden nie ungeduldig werden. Sie wüssten ja, dass er eine Sehbehinderung habe.
Solche technischen Hilfsmittel würden es heute vereinfachen, als Person mit einer Sehbehinderung Vater oder Mutter zu sein. Das sagt die deutsche Psychotherapeutin Eva-Maria Glofke-Schulz. Sie ist selbst blind und berät immer wieder Menschen mit einer Behinderung in ihrer Praxis.
Mit Handy-Apps könnten sich Menschen mit Sehbehinderungen heute Bilder beschreiben lassen. Das ermögliche ihnen, mit den Kindern ein Bilderbuch anzuschauen und Bilder gegenüber ihren Kindern richtig zu benennen. «Wenn ein Kleinkind dann auf eine Kuh zeigt und ‹Wauwau› sagt, kann ich als blinder Mensch das korrigieren.»
Einfacher, aber nicht einfach
Ganz allgemein sei es heute «normaler», auch als Mensch mit einer Behinderung ein Kind zu haben, sagt Glofke-Schulz. Ausserdem gebe es heute Strukturen, wie Beratungsstellen, Assistenzleistungen für Menschen mit einer Behinderung oder Kindertagesstätten.
Allerdings erfordere der Alltag von einem Menschen mit Behinderung mehr Kraft, Anstrengung und Konzentration. «Ich muss mich ehrlich fragen: Bin ich so fit und belastbar, dass ich die zusätzliche Herausforderung eines oder mehrerer Kinder packe?»
Stolz auf die kleinen Zahlengenies
Für Lars Stötzel gibt es Dinge, die er mit seinen Kindern nie allein machen würde. «In die Badi mit allen oder schlitteln gehen würde ich nicht.» Da käme dann jeweils seine Frau Yvonne mit – schon deshalb, weil es mit dem Auto einfacher sei.
Früher sei er noch mit dem Velo und den Kindern im Anhänger herumgefahren. «Das habe ich dann relativ schnell gelassen. Ich bin ja nicht nur für mich verantwortlich, sondern auch für meine Kinder. Das war mir dann zu gefährlich.»
Gleichzeitig sind er und seine Frau Yvonne überzeugt, dass die Sehbehinderung von Lars die Kinder auch früh selbstständig gemacht hat. «Die würden nie einfach raus auf die Strasse springen.» Und sie würden ihn unterstützen, beispielsweise für ihn Lebensmittel einkaufen gehen, wenn er etwas im Laden vergessen hat.
Er merke auch einen grossen Lerneffekt, vor allem, was Zahlen angehe. Der grösste Sohn sei ein Mathegenie, und der kleinste könne auch schon mit Zahlen umgehen. Bereits mit fünf Jahren erkenne er von weitem die Nummer des Busses. Die Leute an der Bushaltestelle seien erstaunt, wenn der kleine Knopf schreie: «Da kommt der 43er. Das ist unser Bus!»
Lars sagt ruhig: «Wenn dann die älteren Herrschaften grosse Augen machen, weil der kleine Knopf mit Zahlen um sich schmeisst, macht mich das schon stolz.»