Hühner sind im Trend. Immer mehr Menschen in der Schweiz sind begeistert: Sie zimmern Hühnerställe, kaufen Küken, schauen ihnen beim Grosswerden zu. Das Federvieh wird gehegt und gepflegt. Jedes gelegte Ei wird zum Fest.
Warum das so ist, darüber kann der Leiter des Naturmuseums Solothurn, Thomas Briner, nur spekulieren: «Früher sind Hühner in jedem Dorf sichtbar gewesen. Heute fristet die Mehrheit ihr kurzes Leben in Mastbetrieben oder Eierfarmen.» Die 15 Millionen Hühner, die in der Schweiz leben, sind also grösstenteils unsichtbar. Der Gegentrend zum sichtbaren Huhn gründe wohl in «einer Art romantischer Sehnsucht».
Genau hinschauen!
«Hühner sind sehr sozial und kommunikativ», sagt Briner. Je genauer man sie beobachte, desto nuancenreicher erscheine ihr Verhalten und desto deutlicher zeigten sich auch individuelle Persönlichkeiten.
Domestiziert wurde das gemeine Haushuhn vor knapp 3500 Jahren – vergleichsweise spät in der Menschheitsgeschichte. Seine Ursprünge liegen in Asien. Das Bankivahuhn, das Ur-Haushuhn, hat nur wenig mit dem «braunen Durchschnittshuhn» gemeinsam. Es schillert in vielfältigen Farben und erinnert mit seinem prachtvollen Federkleid an einen Goldfasan. In der Ausstellung lässt sich ein präpariertes Exemplar bewundern.
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Bild 1 von 3. Das Bankivahuhn (Gallus gallus) ist die wildlebende Stammform des Haushuhns. Im Bild: ein Bankivahahn. Er ist mit einem farbenprächtigen Gefieder ausgestattet. Bildquelle: IMAGO/blickwinkel.
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Bild 2 von 3. Bankivahuhn-Hennen sind hingegen unauffällig braun gefärbt. Bildquelle: Wikimedia/JJ Harrison.
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Bild 3 von 3. Und ähneln dennoch der heute verbreiteten «braunen Durchschnittshenne» nur wenig. Bildquelle: IMAGO/Zoonar.
Es steht neben anderen ausgestopften Hühnertypen: weissen, schwarzen und bunten. Dazwischen streckt gewitzt und keck ein hellbraunes Paduaner Haubenhuhn seinen Hals. Mit seinem krausen Federkleid sieht es aus, als käme es aus dem Wäschetrockner.
Weltweit gibt es rund 200 Hühnerrassen, 20 davon sind im Museum zu bestaunen. Allen gemeinsam ist, dass sie genau genommen «Überbleibsel» der Saurier sind. Aber nicht etwa von Flugsauriern, betont Thomas Briner, sondern von kleinen Raubsauriern, die – so wird vermutet – ebenfalls ein Federkleid trugen. Wer also wissen möchte, wie der Fuss eines Dinos ausgesehen hat, schaue sich den Fuss des gemeinen Haushuhns genau an, meint der Museumsleiter schmunzelnd.
Verehrung und Nutzen weltweit
Hühner haben Menschen immer schon fasziniert. In Frankreich ist der Hahn zum nationalen Symbol aufgestiegen. In Mexiko erzielen erfolgreiche Kampfhähne Höchstpreise, auf den Philippinen sind sie Teil des kulturellen Erbes und in vielen Religionen war und ist das Huhn ein Opfertier. In der Schweiz werden pro Kopf und Jahr rund 16 Kilo Hühnerfleisch konsumiert. Mehr Fleisch essen wir nur vom Schwein.
Aufgrund der kulinarischen Wertschätzung von Fleisch und Ei führten auch in der Schweiz Masthühner und Legehennen die längste Zeit eine katastrophale Existenz. 1991 schliesslich wurde die Käfighaltung von Legehennen verboten. Für einmal ging die Alpenrepublik mit gutem Beispiel voran – die EU folgte 2012. Und: Seit Januar 2026 dürfen hierzulande in der Legehennenzucht geschlüpfte männliche Küken nicht mehr getötet werden.
In dieser Sache hatten Deutschland, Frankreich und Österreich vorgelegt, die Schweiz zog vier Jahre später nach. Aktuell werden in der Schweiz jährlich rund 1 Milliarde Eier produziert. Das reicht nicht. Rund 40 Prozent der konsumierten Eier stammen aus dem Ausland.
Die kleine, aber feine Ausstellung in Solothurn ist konsequent in Weiss und Eigelb gehalten. Sie vermittelt auf unterhaltsame Art wesentliche Fakten und zeigt nicht zuletzt, dass das Huhn das Gegenteil von dumm ist. Und dass Hühner mit einem Auge nah, mit dem anderen aber in die Ferne schauen.