Es war die Hoch-Zeit von Reality-TV, als «Mein neuer Freund» auf Prosieben lief. Christian Ulmen mimte Mitte der 2000er-Jahre jede Woche neu einen fürchterlichen neuen Freund. Ich fand’s wahnsinnig witzig.
Die Challenge: Die Frau musste den neuen Freund der Familie vorstellen. Der zeigte sich immer von seiner schlimmsten Seite. So schlimm, dass die meisten Frauen aufgaben. Wer es bis zum Schluss aushielt, bekam Geld. Immerhin.
Meine Lieblingsfigur: Alexander von Eich. Ein reicher Schnösel aus dem Adel, der mit seinem Gehstock seine Franziska herumkommandierte und sie «Franziskarrrrr» rief. Die Figur wurde in meinem Freundeskreis zur Kultfigur. Franziskarrrrr – noch heute ein Insiderwitz unter Kennern.
Gravierende Vorwürfe
Das Lachen bleibt mir heute im Hals stecken. Weil die Realität viel schlimmer sein könnte als die Fiktion. Die Vorwürfe seiner Ex-Frau Collien Fernandes sind gravierend: Fernandes wirft Christian Ulmen vor, jahrelang Fake‑Profile in ihrem Namen betrieben und pornografische Inhalte verbreitet zu haben. Er betrieb angeblich Online-Dating unter ihrem Namen und hatte Telefonsex. Fernandes nennt es «virtuelle Vergewaltigung».
Grenzüberschreitung gehörte zum Programm von Christian Ulmen. Die Frau hatte er dabei oft im Visier, darüber spricht nun auch das Internet. Viele sehen heute – im Nachhinein – tiefrote Red Flags.
Schreckliche Show
Sein Zugriff zum misogynen Mann war die Kunstfigur. Ein weiteres Beispiel war mir bisher unbekannt: In der Spielshow «Who wants to fuck my girlfriend?» lud Ulmen als Kunstfigur Uwe Wöllner Männer ein, die gegeneinander antraten. Wer die «geilste» Frau hatte, gewann. Die Challenges: haarsträubend, bis zu: Da will man sich die Haare ausreissen.
Etwa: Die Freundin, die im Café als Erste ein Kompliment bekommt, punktet. Oder auch: Die Frauen gehen ins Bordell. Dann wird gezählt, wie viele Freier die Frauen ansprechen. Schlechter Geschmack? Frauenverachtend? Heute – angesichts der Vorwürfe – scheint die Antwort einfach, die Show einfach nur schrecklich. Als die Show lief, waren Fernandes und Ulmen schon ein Paar.
Als 2010 publik wurde, dass Moderatorin Collien Fernandes mit Christian Ulmen liiert ist, dachte ich ehrlicherweise: Was will dieser geniale, witzige Intellektuelle mit dieser Viva-Moderatorin? Hübsch, aber auch etwas austauschbar fand ich sie.
Vielleicht war es bequemer, sie kleinzumachen, als ihn zu hinterfragen. Für mich war er ohne Frage ein toller Typ. Ich schäme mich heute – auch wenn die Unschuldsvermutung natürlich noch gilt –, dass ich diesen Gedanken hatte. Als Frau.
«Die Scham muss die Seite wechseln»
Interessanterweise wird im Netz nun auch Missbrauchsopfer Gisèle Pelicot und ihr Leitsatz «Die Scham muss die Seite wechseln» zitiert. Fernandes habe den Mut gehabt, ihre Geschichte publik zu machen.
Fernandes’ Geschichte ist mutmasslich ein weiterer Fall im Gruselkabinett der Männer, die sich an Frauen vergehen. Viele solche Fälle sind leider Realität. Die Fiktion in diesem Fall, die Paraderolle des Bad Boyfriends, die Ulmen feierte, liesse einen umso mehr schaudern.