Manchmal türkis, pink, teils blond, einst schwarz. All die Haarfarben von Bill Kaulitz – schon das ein krasser Kontrast zu den einstigen Moderatoren von «Wetten, dass…?». Dort überwiegt grau.
Die Meldung, dass die Zwillingsbrüder Bill und Tom Kaulitz – für eine Ausgabe am 5. Dezember – den TV-Klassiker «Wetten, dass…?» übernehmen, löste eine Welle an Reaktionen aus.
«Bild»-Unterhaltungschefin Tanja May sagt «Kluge Entscheidung vom ZDF», «Stern»-Redaktorin Viorica Engelhardt nennt es die «beste Nachricht des Jahres» und auf Instagram freuen sich die User auf ihre «Mäuse», die für Toleranz und Vielfalt stehen.
Auch SRF-Musikredaktor Schimun Krausz stimmt ein: «Wenn man versuchen will, ein 45-jähriges Format in moderne Zeiten zu übersetzen, muss man etwas Radikales versuchen.»
Hauptmotivation von ZDF also: ein jüngeres Publikum erreichen.
Durch den Monsun ins TV
Berühmt wurden die Kaulitz-Zwillinge mit ihrer Teenie-Band Tokio Hotel. Vor mehr als 20 Jahren begann der Hype mit der Single «Durch den Monsun». Die Musiker machten Emo-Sound massentauglich.
Nicht alle liebten die Musiker, Tokio Hotel polarisierte. Der Rummel wurde zu viel. 2010 zogen sich die Brüder in die USA zurück und leben seither in Los Angeles.
Bill und seine x-te Gucci-Jeans
Mittlerweile haben sich Bill und Tom mit ihrem eigenen Podcast und einer Netflix-Reality-Serie «Kaulitz & Kaulitz» (prämiert mit dem Deutschen Fernsehpreis) einen Platz in der Entertainment-Welt gesichert.
Die Zwillingsbrüder sind perfekt für ein Unterhaltungsformat. Da gibt es den sparsamen Tom, der nichts von seinem Privatleben preisgibt. Ausser, dass er mit Supermodel Heidi Klum verheiratet ist.
Und den Luftibus Bill, der sich oft tragisch verliebt, viel plappert und gross denkt. Erfolgsrezept: Authentizität. Skurrile, aber gute Jungs. Und die übernehmen jetzt den eingeschlafenen TV-Klassiker.
Thomas Gottschalk, der Ewige
«Wetten, dass…?» gilt als Legende unter den Samstagabendshows. Erfunden 1981 von Frank Elstner, dem ersten Moderator der Sendung. Ein letztes Revival gab es 2023 mit Thomas Gottschalk – und unangenehmen Feminismus-Diskussionen mit Rapperin Shirin David.
Damals sagte er: «Die grossen Zeiten der Samstagabend-Unterhaltung, über die am Montag überall gesprochen wird, sind vorbei.»
Flucht in die Vergangenheit?
Logisch, kommt die Frage auf: Kann ein Format wie «Wetten, dass…?» überhaupt erneuert werden? SRF-Redaktor Schimun Krausz glaubt, die Grundidee bleibe spannend. Und könne auch auf Kanälen wie Tiktok funktionieren. «Jemand sagt, er könne etwas Verrücktes und will beweisen, dass es auch live klappt.»
Aber: Die Sendung müsse anders rüberkommen. «Der Ablauf kann entschlackt werden», so Krausz. Gottschalk überzog jede Sendung allzu gern. Rekord: 73 Minuten.
Community als Stütze
Werden es die Kaulitz-Brüder schaffen? «Ich bin zuversichtlich und sage: Ja!», schmunzelt Krausz.
«Hinter Tom und Bill steht eine riesige Community mit Strahlkraft. Es werden viele Leute einschalten, die sonst nicht vor dem TV hocken.» Und: Krausz glaubt, Heidi Klum werde auf irgendeine Art eingebunden. «Sie ist auch einem älteren Publikum bestens bekannt. Ein Pluspunkt.»
Aus reiner Neugier werden wohl viele dabei sein und sich fragen: Wie ist es, wenn nicht ein älterer weisser Mann die Show moderiert, und die Hand aufs Bein junger Frauen legt? Wir werden sehen.