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Die «neue Normalität» in der Kultur
Aus Kultur Webvideos vom 05.06.2020.
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Kultur nach Corona Tschüss Stadionbombast, hallo Hinterhof-Bar

Konzerte, Theater, Lesungen: Die Kulturszene muss und wird sich nachhaltig wandeln. Ein analytischer Blick – mit konkreten Vorschlägen für die Zukunft.

In Berlin, der Clubmetropole Europas, sieht gelockertes Raven so aus: Pizza im Pop-Up-Store, Musik im Aussenbereich, Maskenpflicht und, ja, Tanzverbot. Um acht Uhr müssen alle nach Hause – abends, nicht morgens.

Clubben sieht anders aus. Okay, ist vielleicht besser als nichts. Aber wie sollen wir es nennen? Gastro-Techno? Klingt nach Durchfall. Kultur? Nur nach drei Bier.

Tobi Müller

Tobi Müller

Kulturjournalist

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Tobi Müller ist Kulturjournalist mit Schweizer Hintergrund und wohnt seit 2009 in Berlin. Er schreibt über Pop- und Theaterthemen und moderiert Redereihen zur Digitalität. Gelegentlich entwickelt er Schauspielprojekte.

Eine gespenstische Zukunft

Im Theater sieht es ähnlich aus. Das Berliner Ensemble hat ein Bild gepostet, wie der Saal unter Hygienevorschriften aussieht. Im August geht es wieder los. So sieht also die Zukunft der Kultur aus, an einem ihrer Hotspots. Gespenstisch.

Ein Mann trägt einen roten Plüschsitz aus einem grossen Zuschauerraum, in dem die Sitzreihen durch Lücken unterbrochen werden.
Legende: «Mind the gap»: Das Berliner Ensemble stellt sich auf die neuen Umstände ein – und hat Sitze aus den Zuschauerreihen entfernt. Keystone / BRITTA PEDERSEN

Wird das Bild besser, wenn ich in die Pressekonferenz des Schweizer Bundesrates schalte, am sonnigen Nachmittag vom 27. Mai? Die Schweiz, meine alte Heimat, die hohe Fallzahlen hatte am Anfang der Pandemie. Und darob einen Schock erlitt, weil viele dachten, das Land sei sicher vor der unsicheren Welt. Alles vergessen. Jetzt geht es voran, als gäbe es kein Morgen.

Gruppen mit bis zu 30 Leuten dürfen sich nun treffen. Seit dem 6. Juni sind Veranstaltungen bis zu 300 Personen erlaubt. Ob man die magische Tausender-Grenze Ende Juni lockern will, wird man sehen.

Gute Nachrichten sind willkommen wie nie. Seelisch. Wirtschaftlich. Clubs könnten wieder öffnen, Theater, Kinos und Konzertlokale. Alles wird wie früher, und zwar subito. Oder?

Sofort schreibe ich meinem Bruder, dem Schauspieler und Komiker Mike Müller: «Lieber Mike, hast du gesehen, Gigs bis 300, spielst du bald wieder?» Gleich danach ein Mail an einen Club in Zürich: «Macht ihr auf am 6. Juni?» Ich warte.

In der Zwischenzeit kommen Zweifel auf. Delegiert der Bundesrat die Verantwortung an die Kantone und an die Veranstalter? Es sieht so aus, als habe die Regierung die Angst vor neuen Ausbrüchen nach unten weiter gereicht. Sollte man so mit ganzer Kraft vorausfahren?

Kultur ist kein Nebenschauplatz

Benennen wir diese Kraft mit Zahlen – für alle, die meinen, wir reden über eine Nebensache, und die Kultur sei der Bevölkerung ein bisschen egal. Gut 1,5 Millionen Zuschauer gingen in der Spielzeit 2017/18 in eines der 29 grösseren Schweizer Theater. Die weit über 1000 Museen verzeichneten 13,5 Millionen Besuchende.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft in der Schweiz beschäftigt laut einer Studie der Zürcher Hochschule der Künste über eine halbe Million Menschen und erreicht einen Umsatz von knapp 48 Milliarden Franken.

Solche Statistiken bezeichnen nur den wirtschaftlichen Wert. Aber wenn der nicht stimmt, nützt der ideelle Wert den Kulturschaffenden so viel wie Beifall auf den Balkonen dem Pflegepersonal. Gut für die Stimmung. Bis die Miete wieder bezahlt werden muss.

Und das ist der Punkt, den auch der so lockere Bundesrat nicht im Blick hat. Tanzen unter Hygieneauflagen, mit 4 Quadratmeter pro Raver? Kann das einmal jemand malen? Oder in einen Finanzplan zeichnen?

Viel Skepsis in der Kulturszene

Ah, die Antworten auf meine Anfragen kommen herein.

Mein Kontakt zum Club, der anonym bleiben möchte, schickt ein Lach-Smiley zu den 4 Quadratmetern. Und schreibt über die Polizeistunde um Mitternacht: «Epidemiologisch hat das null Effekt, man gibt dann einfach vorher umso mehr Gas.»

Er sagt, es sei ratsamer, weiterhin die Kosten zu minimieren. Und darauf zu hoffen, «dass wir irgendwann nächstes Jahr besser dastehen, wenn die Kontaktbeschränkungen vielleicht ganz wegfallen».

Auch mein Bruder Mike Müller bleibt skeptisch: «Ich spiele voraussichtlich ab Ende August wieder. Glaube nicht, dass es sich vorher lohnt mit diesen Auflagen.» Sein Soloprogramm «Heute: Gemeindeversammlung» pausiert seit März.

Mike Müller mit Kaffeetasse auf der Bühne.
Legende: Nicht nur Mike Müller fragt sich angesichts der aktuellen Auflagen: Wie weiter? André Albrecht, Olten

Auch Mike weiss nicht genau, was die neuen Regeln für die Kultur bedeuten. Jetzt öffnen, später Probleme mit Infektionen kriegen? Noch nicht öffnen, dafür danach sauber loslegen? «Für mich beginnt der viel zitierte Blindflug genau jetzt.»

Das Risiko des nächsten Ausbruchs

Es ist verständlich, dass der Kulturbetrieb eine Perspektive braucht. Weil wir uns wieder mehr Gemeinschaft wünschen. Und weil die Kultur auch ein wirtschaftlich relevanter Sektor ist. Doch ob Wünschen alleine hilft? Bis zum nächsten Ausbruch in einem Kino, einem Theater, einem Club? Wie in einer Freikirche in der Nähe von Frankfurt am Main, wo mehr als 200 Infektionen sich auf einen Gottesdienst zurückverfolgen lassen.

Die Beispiele von Ausbrüchen häufen sich: Kirchen, Restaurants und der Club in Seoul, der eine Grossstadt erneut in den Lockdown zwingt.

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Kulturbetriebe: Sein oder nicht sein
Aus ECO vom 08.06.2020.
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Kulturelle Grossanlässe sind passé

Wir sollten es endlich aussprechen: Grossanlässe sind vorerst Geschichte. Die emotionale Masse in Fussballstadien kann man nicht mit Seifenspendern im Zaum halten. Ein Konzert, ein Orkan der Gefühle mit Abstand? Come on.

Vergessen wir «Dancing In The Dark» mit Bruce Springsteen. «I need a love reaction» singt der Boss in diesem Hit, den wir besser weiterhin zu Hause beim Wort nehmen. Und Beyoncé meinte mit ihrer Feier der «Single Ladies» bestimmt nicht, dass die Frauen oder wir alle vereinzelt auf dem Rasen in Kreidekreisen stehen.

Eine Frau in schwarzem Kleid steht singend mit Mikrofon auf einer Bühne, die in dunkelrotes Licht getaucht ist.
Legende: Wohl bald kein Wiedersehen: Beyoncé im Hallenstadion – 2016 noch völlig normal. Keystone / ANDREW WHITE

Zwei weitere Gründe sprechen dagegen, dass grosse Kulturanlässe so bald wieder zurückkehren.

Erstens, klar: die Epidemiologie. Bei enormen Massen lassen sich die Infektionen kaum zurückverfolgen. Die ersten Erfahrungen mit «Contact Tracing»-Apps bremsen den Optimismus, die Verbreitung des Virus damit zu kontrollieren.

Gewinne fallen in den Keller

Zweitens: Die Flugkosten werden in Zukunft wohl steigen, die Zuschauerzahlen aus hygienischen Gründen aber drastisch abnehmen. Der Gewinn fällt in einen Keller, wo globale Tourneen nicht überleben. Bands und Künstlerinnen im Mittelfeld zwischen 500 und 1‘500 Zuschauer leiden noch schneller unter dieser Schere zwischen Aufwand und Ertrag.

Es wird zugkräftige Bands treffen. Internationale Projekte im Theater und im Tanz wackeln erst recht. Denn ihre ausgeklügelten Mischfinanzierungen haben nicht viel Luft.

Es wäre an der Zeit, sich jetzt Gedanken zu machen, wie die nahe Zukunft der Kultur aussehen könnte. Und zwar jenseits von frommen Wünschen und politischen Manövern. Um ein bisschen Vorsprung zu haben auf die Realität, die den Kulturmarkt einholen wird.

Der Kulturmarkt ist ein Markt, auf dem die Teilnehmenden oft keine oder nur geringe Rücklagen haben. Ein zu langes Verdrängen könnte daher sehr viel Zerstörung zur Folge haben.

Konkrete Strategien sind gesucht

Das vorläufige Ende der Grossanlässe und die Fragezeichen hinter mittleren Versammlungen darf nicht den Beginn einer neuen Hobbykultur bedeuten. Die zentrale Frage deshalb: Welche konkreten Strategien sind vorstellbar, damit die Kultur auch in einer Periode geringer Versammlungsdichte überlebt?

Klar ist: Es braucht dazu dringend alle Beteiligten – die Veranstalter, die Kunstschaffenden, und Sie, liebes Publikum. Die Politik alleine schafft es nicht.

Ein Mann sitzt in einem Raum und blickt auf eine Frau auf einem Bildschirm.
Legende: Besondere Umstände: Autor Lukas Bärfuss diskutiert mit der Lyrikerin Nora Gomringer während den virtuellen Solothurner Literaturtagen im Mai 2020. Keystone / PETER KLAUNZER

Weniger Besucher, höhere Eintrittspreise

Machen wir uns nichts vor im schönen Kulturgarten: Die Ungleichheit, die wir so gerne in der Welt da draussen beklagen, hat noch nie vor unserem Haus haltgemacht.

Wenn jetzt superteure Konzerttickets für Springsteen, Beyoncé und Co. wegfallen, sollten wir im Gegenzug gewillt sein, für kleine und mittlere Veranstaltungen mehr zu bezahlen. Das sollte nicht für hochsubventionierte Künste wie das Sprechtheater oder die Oper gelten, aber für Kinos, für Lesungen, Konzerte, auch Clubs, so sie die Öffnung wagen.

Bands oder Autoren könnten mehrere Male hintereinander in der selben Stadt auftreten, aber vor weniger Leuten und mit höheren Eintrittspreisen. Mehr Auftritte vor weniger Publikum: Das erhöht den Wettbewerb um die Veranstaltungsorte. Es wird nicht einfach sein, einen Ort mehrere Tage hintereinander zu buchen.

Die Beiz als Bühne

Allerdings: Wer sagt denn, dass es immer die herkömmlichen Veranstaltungsorte sein müssen? Sicher, sie sind in der Regel besser ausgerüstet, haben eine Bühne, fix installierte Technik – und nicht zuletzt eine gute Bar. Es braucht sie (mehr denn je).

Aber auch Beizen oder Bars könnten vermehrt dazu übergehen, kulturelle Programme auf niedriger Flamme zu kochen und so auf den Hunger nach kleinen Versammlungen reagieren – egal ob für Musik, Lesungen, Performances oder Comedy.

Eine Frau sitzt auf einer improvisierten Bühne und wird von einer Kamera gefilmt.
Legende: Die Bar als Bühne: Eine Tänzerin des Konzert Theater Bern performt für einen Live-Stream coronabedingt in der Berner Zoo Bar. Keystone / ANTHONY ANEX

Lokale Kunst, wenig Flugreisen, Beizen als Theater: Könnte auch nur ein anderer Wunschtraum sein, jetzt halt in Grün. Doch die neuen Bedingungen für eine hypermobile Kultur können auch in der Kunst nicht mehr länger ignoriert werden.

Gegen die Gratis-Kultur

Der Zugang zu kultureller Ware im Internet ist kein Grund für Kulturpessimismus: In der Pandemie stiegen nicht nur die Streamingzahlen, sondern auch die Downloads. Es gibt also wieder Leute, die für digitale Files bezahlen, die sie lokal auf ihren Geräten speichern.

So könnten wir nun ein paar Dinge reparieren, die schon länger aus dem Ruder laufen als das Virus. Die ungerechte Vergütung auf Streamingplattformen wie Spotify zum Beispiel. Grosse Plattenfirmen haben bessere Bedingungen als kleine. Und wer sehr viele Streams verzeichnet, verdient unverhältnismässig mehr Geld.

In Deutschland bildet sich seit Anfang Jahr eine Koalition aus Stars um Herbert Grönemeyer und Helene Fischer, die diese Ungleichheit abmildern möchte. Bald geht die «Fair Share»-Kampagne, Link öffnet in einem neuen Fenster in eine neue Runde. Solidarität geht auch von oben.

Solothurn statt South Central

Dass «lokal» nicht «spiessig» bedeutet, zeigen uns aktuell die Teenager (wer sonst). Cloud Rap oder Trap ist das Hip-Hop-Genre, in dem globale Stars nicht mehr dominieren.

Maximales Nuscheln, Autotune auf jeder Stimme, digitale Perkussion zischt und ballert wie in einem stotternden Videospiel: Etwa so klingt Trap. Auch bei Pronto, einem Solothurner Cloud-Rapper, der eine Mischung aus seinem Dialekt und karibischem Patois benutzt.

Dunkelhäutiger Mann mit hellblauem Hoodie.
Legende: Local is the new cool: Musiker wie Pronto aus Solothurn sind die Stars einer neuen Generation. Pronto

Auch in Berlin hören die Teenager Rap aus ihrer Stadt. Ich habe meinen Freunden in Zürich ein paar Videos geschickt, von Pashanim, Link öffnet in einem neuen Fenster und von Symba, Link öffnet in einem neuen Fenster. Sie schreiben: «Mein 15-Jähriger sagt, die seien der Shit auch auf seiner Schule.»

Die nächste Generation

Lokal ist auch nicht mehr, was es mal war. Die Klicks stehen mittlerweile bei mehreren Millionen. Pashanim und Symba hätten beide im Juli beim Splash gespielt, dem besten Hip-Hop-Festival Deutschlands mit 30’000 Besuchern.

Mehrere 10‘000 sind kein lokales Phänomen mehr, aber auch nicht Jay-Z und Beyoncé. Aber wir sehen, wie eine Generation heranwächst, die fast ohne nachhaltige globale Stars aufwächst. Wir könnten von den Teenies jetzt sehr viel lernen.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 31.05.2020, 11 Uhr.

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