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Zukunft der Raumfahrt Astronaut: «Irgendwann werden wir auf anderen Planeten leben»

Im Interview erklärt Alexander Gerst, wie der Blick auf die fragile Erde aus dem All ihn geprägt hat – und welche Mahnung er an uns richtet.

Alexander Gerst

Geophysiker, Vulkanologe und Astronaut

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Alexander Gerst studierte Geophysik und setzte sich 2008 beim Auswahlverfahren der Europäischen Weltraumorganisation (ESA) unter 8413 Bewerbern durch – und wurde 2010 Astronaut. Gerst war zwei Mal und insgesamt 362 Tage in der Internationalen Raumstation ISS.

SRF: Warum will man eigentlich wieder zum Mond?

Alexander Gerst: Ganz einfach, weil er da ist. Als Menschen sind wir ein «Inselvolk», auf einem kleinen blauen Inselchen im Weltraum, das einmal im Jahr um die Sonne fliegt. Wie für jedes Inselvolk ist es sinnvoll, die Umgebung, diesen schwarzen Kosmos um uns herum, zu verstehen. Da draussen lauern Gefahren wie etwa grosse Gesteinsbrocken. Es liegt also in unserer Verantwortung, die Umwelt und damit unseren «achten Kontinent», den Mond, besser kennenzulernen.

Sie waren bisher noch nicht dort, sind aber ein Favorit für künftige Missionen wie die «Artemis IV», die 2028 Menschen zum Mond schicken möchte. Sie blicken auf 362 Tage auf der ISS zurück. Wie war der Moment, in dem Sie die Welt zum ersten Mal von oben sahen?

Wir starteten nachts und konnten somit nichts sehen. Irgendwann sind wir in den Tag geflogen, ich schaute aus dem Fenster und sah die Erde. In dem Moment sagte ich zu meinen Kollegen: «Sie ist tatsächlich rund.» Ich als Geophysiker. Ich kannte den Erddurchmesser auf den Kilometer genau. Wusste, wie dünn die Atmosphäre ist. Ich habe Satellitenbilder von der Erde gesehen – und trotzdem.

Wissen und Erfahrung sind nicht dasselbe. 

Genau. In dem Moment ist mir klar geworden, dass es ein Unterschied ist, ob man etwas mit eigenen Augen sieht und Emotionen dabei hat, oder ob man es nur liest. Die Erkenntnis, dass die Erde eine kleine blaue Murmel in diesem schwarzen Universum ist, traf mich auf einmal sehr hart.

Es gab diese Stimme in mir, die sagte: ‹Hey, ihr da unten – passt auf euer, auf unser Zuhause auf.›

Astronauten sprechen oft vom «Overview Effect», dem Überblickseffekt. Was hat dieser Perspektivwechsel mit Ihnen gemacht?

Man sagt ja, wenn man jeden Politiker einmal in den Weltraum mitnehmen würde, dann würde die Welt vielleicht ganz anders regiert. Da ist was dran. Für mich persönlich hat es Prioritäten verschoben. Ich habe realisiert, dass da herauszufliegen ein grosses Privileg ist – und jedes Privileg kommt mit einer Verantwortung. Die Verantwortung, dass ich nicht nur wissenschaftliche Experimente im Weltraum mache, sondern dass ich auch kommuniziere, was das mit mir als eher nüchternem Menschen macht. Es gab diese Stimme in mir, die sagte: «Hey, ihr da unten – passt auf euer, auf unser Zuhause auf.»

Aus dem All sieht man auch zerstörte Wälder und Kriege.

Das hat mich mitgenommen. Als ich irgendwann beim Überflug über den Nahen Osten aus der Cupola (Beobachtungsturm der ISS, Anm. der Redaktion) herausgeschaut habe, sah ich Lichter, die sich bewegten. Erst dachte ich: «Oh, das sieht ja interessant aus». Dann realisierte ich, dass das Krieg ist. Dies von oben zu sehen und nichts tun zu können, war schwierig. Genauso, wenn man über den brennenden Amazonas fliegt, jenen Wald, der den Sauerstoff generiert, den wir zum Atmen brauchen.

Irgendwann werden wir auf anderen Planeten leben.

Der Apollo-16-Kommandant John Young sagte, dass Lebewesen, die nur auf einen Planeten beschränkt sind, zum Aussterben verdammt seien. Gehen Sie davon aus, dass wir uns als Zivilisation planetarisch ausweiten werden?

Wenn es uns in 10’000 Jahren noch gibt und wir uns noch nicht selbst ausgerottet haben, dann wird die Zeit jetzt so relevant wirken wie die Zeit des ersten Fisches, der den Ozean verlassen hat. Ein entscheidender Meilenstein in der menschlichen Geschichte. Wir werden weiter rausfliegen: vom Mond zum Mars. Aber die Menschen werden da nicht haltmachen. Ich bin mir sicher, irgendwann werden Menschen auch auf anderen Planeten leben.

Das Gespräch führte Olivia Röllin.

Hinweis

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Dieses Interview ist ein stark gekürzter Auszug aus dem Gespräch in der Sternstunde Philosophie.

SRF 1, Sternstunde Philosophie, 26.04.2026, 11:00 Uhr ; 

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