Vierstellige Beträge pro Tag, luxuriöse Reisen und viel Freizeit – so wird der Beruf von Escorts auf Social Media häufig inszeniert. «Escort» erscheint als Synonym für Freiheit, Unabhängigkeit und finanziellen Erfolg.
Ich bin selbstbestimmt und mein eigener Chef.
Die 24-jährige Mia May (Pseudonym) kennt diese Bilder. Sie arbeitet selbstständig als Escort und bezeichnet sich zugleich als Erotikmodel. Für sie steht die Selbstbestimmung im Zentrum ihrer Arbeit. «Ich bin selbstbestimmt und mein eigener Chef und das finde ich gut so», erklärt sie.
Mehrere Standbeine im Sexgewerbe
Gleichzeitig relativiert sie das verbreitete Bild vom schnellen Geld: «Schlussendlich komme ich am Ende des Jahres auf dasselbe wie bei einem 0815-Beruf.» Mia lebt im Zentrum der Stadt Zug, einem Ort mit hohen Mietpreisen. Der erste Eindruck lässt auf finanzielle Stabilität schliessen. Ihre Wohnung fällt jedoch deutlich bescheidener aus als erwartet.
-
Bild 1 von 4. Mia May ist seit ihrer Volljährigkeit im Sexgewerbe. Bildquelle: SRF/Elma Softic.
-
Bild 2 von 4. Einen anderen Beruf kann sich die 24-Jährige nicht vorstellen. Bildquelle: SRF/Elma Softic.
-
Bild 3 von 4. «Meine Kindheit war behütet», erklärt Mia May: «Ich mache das freiwillig.» Auf dem Bild: Mia May ist mit ihrem Assistenten unterwegs. Bildquelle: SRF/Elma Softic.
-
Bild 4 von 4. In der Woche kommt Mia May auf 120 bis 130 Arbeitsstunden. Bildquelle: SRF/Elma Softic.
Allein von Escort-Terminen könne sie nicht leben, erklärt sie. Neben auswärtigen Dates empfängt sie auch Kunden bei sich zu Hause. Zudem produziert sie Inhalte für Plattformen wie Onlyfans und arbeitet als Cam-Girl.
Hoher Zeitaufwand
Ihr Arbeitsalltag ist intensiv. «Es kann vorkommen, dass Mia nicht mehr bei 120 Stunden die Woche ist, sondern bei 130, 135 Stunden», sagt ihr Assistent Frank. «Sie schläft dann nur noch ein bis zwei Stunden am Tag.» Für Mia verschwimmen Arbeit und Freizeit: «Dadurch, dass ich meinen Beruf gerne mache, ist das für mich Freizeit.» Der hohe zeitliche Aufwand widerspricht dem verbreiteten Bild eines schnellen und einfachen Einkommens.
Eine klare Definition von Escort existiert in der Schweiz nicht. Je nach Kanton wird Escort unterschiedlich eingeordnet. Oft fällt die Tätigkeit unter Sexarbeit.
Ich bin Prostituierte. Das ist der Kernteil meines Berufes.
Mia selbst macht keinen Unterschied: «Ich bin Prostituierte. Das ist der Kernteil meines Berufes.» Dennoch bevorzugt sie Begriffe wie Escort oder Erotikmodel. Der Begriff Prostitution sei für viele negativ besetzt und werde häufig mit Zwang oder Gewalt assoziiert.
Erfahrungen mit Escort-Agenturen
Die 41-jährige Maria (Name geändert) blickt auf mehr als zwei Jahrzehnte Sexarbeit zurück. Sie arbeitete früher als Escort, heute bietet sie ausschliesslich erotische Massagen an. «Hier findet die Verrichtung statt. Das ist meine Arbeitswelt», sagt sie über ihre Wohnung, die zugleich Wohn- und Arbeitsraum ist.
Der Einstieg in die Branche erfolgte früh. Nach familiären Problemen verliess sie ihr Elternhaus und begann in einem Sexclub zu arbeiten. Später wechselte sie zu einer Escort-Agentur – angelockt vom Versprechen höherer Einnahmen.
Ich habe eine fünfstellige Summe pro Monat verdient.
Doch die wirtschaftlichen Vorteile hatten ihren Preis. «Es ist sicher verlockend. Ich habe eine fünfstellige Summe pro Monat verdient. Aber mit Tücken.» Maria spricht von fehlender sozialer Absicherung und belastenden Erfahrungen mit Kunden. Grenzen zu setzen habe sie erst mit der Zeit gelernt. «Früher habe ich alles akzeptiert. Heute sage ich klar nein.»
Die Schattenseiten der Arbeit
Neben finanziellen Aspekten beschreibt Maria auch psychische Belastungen. «Ich habe meinen persönlichen Orgasmus immer unterdrücken müssen», sagt sie. Sie wollte nicht, dass ihre Kunden ihre wahre Sexualität und ihren echten Orgasmus kannten und miterlebten. Also unterdrückte sie ihn. «Dadurch, dass ich das so lange gemacht habe, funktioniert das im Privaten gar nicht mehr. Ich unterdrücke ihn automatisch.»
Trotz dieser Erfahrungen fällt ihr ein vollständiger Ausstieg schwer. Die flexible Zeiteinteilung und das Einkommen seien weiterhin Gründe, im Beruf zu bleiben.
Ein schöneres Narrativ
Rebecca Angelini von ProCoRe (Prostitution Collective Reflexion), dem nationalen Netzwerk zur Vertretung der Interessen von Sexarbeitenden, beobachtet diese Entwicklungen seit Jahren. Escort sei häufig ein «schöneres Narrativ» für Prostitution. Der Begriff klinge edler und werde auch als Marketinginstrument genutzt – sowohl von Agenturen als auch von Sexarbeitenden selbst.
Zugleich warnt sie vor falschen Erwartungen. Die wirtschaftlich «guten Zeiten» der Sexarbeit seien weitgehend vorbei. Konkurrenz, Digitalisierung und steigende Kosten prägten heute den Markt. Verlockende Angebote oder aggressive Werbung – etwa über Social Media – könnten insbesondere für junge Menschen Risiken bergen.
Zwischen Bild und Wirklichkeit
Die Begegnungen mit Mia und Maria zeigen zwei unterschiedliche Perspektiven auf dieselbe Branche. Während Mia ihre Arbeit als Ausdruck von Selbstbestimmung versteht, blickt Maria nüchterner auf ihre Erfahrungen zurück.
Gemeinsam ist beiden jedoch die Diskrepanz zwischen öffentlicher Wahrnehmung und persönlicher Realität. Das glamouröse Bild von Escort-Arbeit bleibt bestehen – doch der Alltag dahinter ist oft komplexer, widersprüchlicher und weniger schillernd, als es die Inszenierungen vermuten lassen.