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Art Basel im Nahen Osten Erste Art Basel in Katar: Ein Markt erwacht – die Kritik auch

Ein neuer Markt – aber zu welchem Preis? Ein Blick auf die Kontroverse rund um die erste Ausgabe der Art Basel Qatar.

Am Donnerstag öffnet ein weiterer Ableger der Art Basel seine Tore: Die Art Basel Qatar. Nach Miami, Paris und Hongkong ist dies inzwischen der vierte Ableger der renommierten Basler Kunstmesse.

Die erste Ausgabe steht unter dem Motto «Becoming», also Transformation, Prozess, Wachstum. Mehr als die Hälfte der 87 Verkaufsausstellungen stammen aus dem Nahen Osten und Südasien.

Doch Katar ist als neuer Standort nicht unumstritten. Für das Unternehmen, das hinter der Art Basel steht, die MCH Group, ist die Expansion in den nahen Osten allerdings ein folgerichtiger Schritt.

Der Wegs des Geldes

Warum Katar? Die Antwort des CEO der MCH Group, Andrea Zappia, ist unmissverständlich: «Wir wollen die Art Basel von einem traditionellen Marktplatz in einen aktiven Marktplatz verwandeln.» Die Art Basel sei eine Marke mit Tradition. Um sie aber auch zu einem finanziellen Erfolg zu führen, sei es Zeit, dorthin zu gehen, wo das grosse Geld ist. «In neue Regionen zu gehen, bringt neue Sammlerinnen und Sammler und stärkt damit auch junge Galerien – und genau das lässt den gesamten zeitgenössischen Kunstmarkt wachsen», so seine Logik.

Mann in Anzug zeigt mit dem Finger.
Legende: Die Art Basel Qatar ist eine wegweisende Expansion der MCH Group. CEO Andrea Zappia gibt die Richtung vor. KEYSTONE/Georgios Kefalas

Mit der Kunstmesse in Katar lässt sich der Markt für zeitgenössische Kunst signifikant vergrössern. Das Einzugsgebiet im prosperierenden Nahen Osten und im aufstrebenden Indien ist lukrativ. Geld ist vorhanden. Zudem gibt es global gesehen immer mehr Reiche und Superreiche.

Für ein Unternehmen wie die MCH Group, die mit Kunst Geld verdienen möchte, stellt sich damit vor allem eine Frage, die Zappia so auf den Punkt bringt: «Können wir das Sammeln von Kunst für Menschen auf der ganzen Welt noch begehrenswerter machen?» Heisst: Das Kunstsammeln für die Reichen der Welt soll noch attraktiver werden. Katar scheint dafür ein idealer Ort.

Tatsächlich besitzt der kleine Wüstenstaat das weltweit grösste Erdgasfeld. Dank des astronomischen Vermögens hat die Herrscherfamilie das Land in eine Glitzerwelt aus Wolkenkratzern, Shoppingmalls und Sportstadien verwandelt. Jetzt möchte sich Katar auch als Kulturplayer positionieren.

Ein kleiner Haken

Nur Katar hat, mit westlichen Augen betrachtet, ein Problem: Es gilt die Scharia, Frauen und Homosexuelle werden diskriminiert. Menschenrechtsorganisationen beklagen die systematische Ausbeutung von Arbeitern aus Indien, Bangladesh und Nepal.

Will eine renommierte Kunstmesse wie die Art Basel wirklich mit solchen Missständen in Verbindung gebracht werden? Der amerikanische Milliardär James Murdock räumt der Frage keine Priorität rein. Murdoch ist der führende Aktionär der MCH Group und sieht die Art Basel vor allem als Marke und damit als Geldmaschine.

Widerstand zwecklos

Kunstexperte Dirk Boll über Kunst im Nahen Osten

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Mann in Anzug spricht in einem Raum mit Stühlen.
Legende: Getty/Dave Benett

Dirk Boll ist Vorstand des Auktionshauses Christie’s, zuständig für Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts. So ordnet er die Kunstexpansion Richtung Naher Osten ein.

SRF: Die Kundschaft im Nahen Osten ist sehr jung, sehr vermögend und sehr anders sozialisiert. Wie stark verändert diese Käufergruppe den Markt?

Dirk Boll: Der Kunstmarkt ist sehr vielfältig und hat viele Plattformen. Diese Plattformen können sich auch an eine bestimmte Käufergruppe anpassen. Deswegen sieht eine Messe in Hongkong anders aus als in New York oder Paris. Natürlich bestimmt die Nachfrage auch das Angebot. Das bedeutet, dass Kunst heute globaler gesehen wird und nicht als Ergebnis eines Selektionsprozesses westeuropäischer und nordamerikanischer Institutionen.

Werden die verfügbaren Geldmengen im Nahen Osten für Verschiebungen auf dem Kunstmarkt sorgen?

Man muss differenzieren zwischen den Herrscherfamilien dieser Staaten, die sehr viel Geld in öffentlichen Kunstkauf investieren, um etwa Museen damit auszustatten und mit dem Kulturtourismus ins Land gelockt werden soll. Das ist vergleichbar mit Europa im 17. und 18. Jahrhundert und Amerika im 19. Jahrhundert. Davon unabhängig gibt es dann eine Schicht von Privatsammlerinnen und -sammlern, die für ihr eigenes Vergnügen sammeln und die sehr bewusst mit ihrem Geld umgehen.

Können europäische Häuser noch mit den Summen aus Nahost mithalten?

Die Steigerung der Kunstpreise seit Ende des 20. Jahrhundert hat die westlichen, meist staatlichen Museen schon lange aus der Käuferrolle gedrängt. Wenn die Museen heute kaufen, dann meist nur sehr junge Kunst, solange sie noch erschwinglich ist. Oder sie kaufen sie mit Sponsorengeldern. Sie suchen sich dann ein Objekt aus und sammeln dafür die Mittel ein.

Man liest, dass einige Galerien in Hongkong Selbstzensur ausüben. Rechnen Sie auch in Doha damit?

Wenn eine Galerie Selbstzensur ausübt, reflektiert sie, was gut ankommt und was nicht. Letzteres wird man vermeiden. Das ist rein kommerzielles Verhalten – und auch Respekt gegenüber dem Gastgeberland. Das finde ich in einem gewerblichem Umfeld normal. Wie man von den Galerien hört, gibt es seitens der Art Basel jedoch keine Vorgaben, was man mitbringen darf. Letztlich ist eine Kunstmesse eine kommerzielle Plattform und keine Erziehungsanstalt, auch wenn dort Kunstvermittlung stattfindet.

Was für eine Kulturlandschaft entsteht da gerade im Golf?

Die Entwicklungen, die wir als zeitgenössisch einordnen würden, sind in Wirklichkeit schon Jahrzehnte alt. Es gibt in der Golfregion allein drei Biennalen. Die älteste, «Sharjah», wurde 1993 gegründet. Eine ganze Reihe grosser Museen gibt es ja schon. Es gibt Museen für einheimische, islamische oder westliche Kunst. Das ist nicht unähnlich wie in Europa vor 150 Jahren. Sogar die Tradition der Herrschersammlungen, die den Grundstock bilden für ein Museum, ist etwas, das wir in Europa sehr genau kennen. Wenn auch vielleicht nicht in der Schweiz.

Wird die Kunst in Katar nicht einfach zur Imagepflege benutzt?

Wenn Sie an historische Situationen denken, haben grosse Herrscher oft Krieg geführt und gleichzeitig eine intensive Kunstpropaganda betrieben. Man denke an Ludwig XIV. oder August den Starken in Dresden. Die heutige Situation ist natürlich in erster Linie eine ökonomische: Märkte bewegen sich, folgen der Nachfrage, folgen dem Geld.
In Bezug auf die Menschenrechtssituation muss man sagen, dass am Ende jedes Unternehmen für sich eine Entscheidung treffen kann, wie man sich in diesem Land engagiert. Oder auch jedes Individuum.
Umgekehrt gilt der alte Spruch: Wenn man nichts tut, passiert auch nichts. Wenn man diese Gesellschaften unterstützen will in einem Prozess der Modernisierung, dann sind natürlich ökonomische Systeme ein gutes Mittel.

Das Interview führte Barbara B. Peter.

Die Basler SP-Politikerin Michela Seggiani ist deshalb länger schon alarmiert: «Hier geht Wirtschaft vor Menschlichkeit. Das heisst, die Galerien schauen, dass die Kunst passt. ‹Passt› würde dann bedeuten, dass die Kultur eben nicht aneckt, dass sie keine Kritik üben, dass auch sehr wahrscheinlich keine homosexuellen Menschen dargestellt werden und so weiter. Ich möchte das den Galerien nicht unterstellen, aber ich gehe davon aus.»

Seggiani hatte sich dafür eingesetzt, dass über die Anbandlung der Art Basel mit Katar zumindest diskutiert wird. Immerhin ist der Kanton Basel-Stadt mit 37 Prozent der zweitgrösste Aktieninhaber der MCH Group. Ihr Ansinnen wurde im Stadtparlament abgelehnt.

Autos in Wüste neben hohen, rechteckigen Skulpturen.
Legende: Ausflug gefällig? Etwa eine Stunde westlich von Katars Hauptstadt Doha steht ein monumentales Kunstwerk des US-amerikanischen Bildhauers Richard Serra – mitten in der Wüste. Imago/Abacapress

Jenseits der Politik war der umtriebige Basler Galerist und Kulturveranstalter Klaus Littmann einer der wenigen, die es wagten, ein Fragezeichen hinter diesen Deal setzen: «Meine Empörung war eigentlich, dass ich mich auch empöre darüber, dass die Kultur selbst so unberührt ist von dieser Nachricht. Das gilt für die Galeristen, das gilt für die Museumsdirektoren, für die Kuratoren, was auch immer. Alle halten sich wahnsinnig bedeckt.»

Und so startet die Art Basel Qatar in diesen Tagen ohne nennenswerten Widerstand. Ob der Wüstenstaat langfristig ein spannender Ort für Kunst wird oder eher nur ein lukrativer Umschlagplatz mit ethisch zweifelhaftem Image, wird sich erst noch zeigen. Der CEO der MCH Group Andrea Zappia ist zuversichtlich, dass die wenigen Kritikerinnen und Kritiker des Basel-Katar-Deals langfristig falsch liegen.

Radio SRF 2 Kultur, Kultur Kompakt, 4.2.2026, 9:03 Uhr ; 

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