Ausstellung im Vitra Museum Spielträume aus Sichtbeton

Betonklötze statt romantische Schaukel: Für eine Ausstellung wurden brutalistische Spielplätze nachgebaut. Statt Betonklötze gibt es Schaumstoff – und neue Blicke auf sozialen Wohnungsbau.

  • In den 1950er-Jahren bauten in Grossbritannien führende Architekten Wohnsiedlungen aus Beton mit teils eigenwillig gestalteten Kinderspielplätzen.
  • Für die Ausstellung im Vitra Design Museum hat man Elemente von brutalistischen Spielplätzen mit Schaumstoff nachgebaut.
  • Aus heutiger Sicht wirken die Spielplätze hart und abweisend. Die unklaren Formen bieten aber viel Freilauf für die Fantasie.

Wer sich die neue Ausstellung im Vitra Design Museum anschauen möchte, muss erst mal die Schuhe ausziehen. Denn die Skulpturen aus Schaumstoff sind begehbar – sie laden sogar zum Klettern ein.

Die Originale sind oft zerstört, in der Ausstellung gibt es Bilder davon. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die Originale sind oft zerstört, in der Ausstellung gibt es Bilder davon. Alun Bull

Schaumstoff statt Stein

Die kleine Ausstellung im kleinen Gallery-Raum zeigt nachgebildete Spielplätze im Stil des sogenannten Brutalismus. «Béton brut», der französische Ausdruck für Sichtbeton, prägte die Bezeichnung Brutalismus. Gemeint ist damit ein Architekturstil der Nachkriegszeit, der auf die Sichtbarkeit des rohen Betons und auf klare, einfache Formen setzte.

Für die Ausstellung hat das Architekturkollektiv Assemble, das vorletztes Jahr für seine städtebaulichen Projekte mit dem Turner Prize ausgezeichnet wurde, einige Elemente von brutalistischen Spielplätzen nachgebaut. Nicht aus Beton, sondern in einem bunten Recycling-Schaumstoff, der eine ähnliche Optik hat.

Quader aus nacktem Beton

Die Eltern der Kinder, die auf den ursprünglichen brutalistischen Spielplätzen gross geworden sind, müssen viele Pflaster auf Vorrat gehabt haben: Sie bestehen aus scharfkantigen Quadern und schrägen Elementen mit steilen Flächen, alles aus nacktem Beton.

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Brutalismus

In den 1950er-Jahren gab es vor allem in Grossbritannien die Tendenz, mit kantigen Formen und rohen Materialien zu bauen. Im ganzen Land planten führende Architekten Wohnsiedlungen aus Beton – mit teils eigenwillig gestalteten Kinderspielplätzen. Brutalistische Bauten gelten als so kompromisslos wie umstritten – viele sind heute zerstört.

Aus heutiger Sicht wirken die Spielplätze dadurch hart und abweisend, wie die brutalistischen Bauten generell. «Der brutalistischen Architektur wird oft nachgesagt, sie sei gescheitert», sagt die Ausstellungskuratorin Janna Lipsky: «Dabei wird oft vergessen, welche sozialpoltische Agenda etwa hinter grossen Wohnsiedlungen im Stil des Brutalismus stand.»

Freiraum für die Fantasie

Die Architekten wollten in der Nachkriegszeit günstige, aber gut ausgestattete Quartiere mit Gemeinschaftsräumen entwerfen. Die Spielplätze wurden als Teil dieser sozialen Wohnbauten von den Architekten mitgestaltet.

Viele Spielelemente haben surreale Formen, nicht immer ist klar, wie darauf gespielt werden soll. Während auf modernen Spielplätzen alles geregelt, genormt und vorgegeben ist, gibt es hier viel Freilauf für die Fantasie.

Es darf geklettert werden

Dementsprechend gefiel es auch den Kindern bei den bisherigen Stationen der Ausstellung in Grossbritannien, sagt Simon Terrill, einer der beteiligte Künstler: «Die Reaktion der Kinder war der grosse Test für die Installation. Wir waren erleichtert zu sehen, dass sie sich sofort darauf stürzten, herumrollten und kletterten.»

Brutalismus wird wieder aktuell

Für den Nachbau der Spielplatz-Elemente sind die Gestalter der Ausstellung tief in die Archive eingetaucht, denn die meisten Spielplätze existieren nicht mehr. Fotos der Originale sind als Projektionen auf der Wand zu sehen. Mit Blick auf diese Betonwelten stellt sich die Frage: Weshalb sollen wir uns heute wieder mit dem Brutalismus beschäftigen?

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Die Ausstellung

«The Brutalist Playgound» läuft bis zum 16.04. im Vitra Design Museum in Weil a.R.

Dass über diesen Stil heute wieder diskutiert werde, habe auch praktische Gründe, sagt die Kuratorin Janna Lipsky: «Bezahlbarer Wohnraum ist in den Grosstädten knapp. Die Städte wachsen aber weiter und dadurch rücken einige der Siedlungen ins Zentrum und werden für eine breitere Bevölkerung als Wohnraum interessant.»

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Kultur Aktuell, 13.01.17, 16:50 Uhr