Der 51-jährige US-Amerikaner Sam Barsky sieht sich heute als Künstler. Ein Weg, der eher zufällig begann: Mit 24 Jahren musste er sein Pflegestudium aus gesundheitlichen Gründen abbrechen und suchte nach einer neuen Bestimmung. Wenige Wochen später traf er auf einem Flohmarkt drei Frauen, die ihm das Stricken beibrachten. Ein Zufall, der vor knapp 30 Jahren seinen Lebenstraum erfüllte, wie Barsky erzählt.
Von einfachen Pullis zu Strickkunst
In diesen fast drei Jahrzehnten hat Barsky rund 175 Pullover gestrickt. Anfangs waren es einfarbige Modelle, doch das wurde ihm schnell zu eintönig. Ein Magazinbild eines Pullovers mit Weltkartenmuster inspirierte ihn, eigene Designs zu entwickeln.
Alles, was mir ins Auge fällt, ist ein potenzielles Motiv für einen Pullover.
Barsky strickt freihändig, also ohne vorgefertigte Muster. Er lässt sich von Fotos inspirieren oder strickt frei aus der Erinnerung. Entstanden sind kreative Muster von berühmten Wahrzeichen wie der Londoner Tower Bridge oder dem New Yorker Times Square, aber auch Motive aus der Natur wie Elefanten oder Berglandschaften und Strassen aus seinem Quartier.
Inspiration holt sich Sam Barsky aus der Welt, die er sieht: «Alles, was mir ins Auge fällt, ist ein potenzielles Motiv für einen Pullover.»
Dass seine einzigartigen Strickwerke Kunst sind, darauf brachte ihn seine ehemalige Schulleiterin mit den Worten: «Du bist ein Künstler! Geh und mach etwas mit deiner Kunst!» 2004, bei einem Museumsbesuch, wurde diese Einschätzung bestätigt. Die Besitzerin des American Visionary Arts Museum sah den Tower-Bridge-Pullover, den Barsky trug, und wollte ihn spontan ausstellen.
Kreativität statt Perfektionismus
Ein Perfektionist ist Sam Barsky aber nicht. «Viele Pullover sind anders, als ich sie ursprünglich geplant hatte, und ich lebe einfach damit.» Ihm geht es vor allem darum, etwas Einzigartiges zu schaffen, das niemand vor ihm gemacht hat.
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Bild 1 von 5. Nicht nur Sehenswürdigkeiten: Sam Barskys Kreativität in Strick-Sachen kennt kaum Grenzen. Er verarbeitet eine Eislaufbahn ... Bildquelle: Instagram/Sam Barsky.
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Bild 2 von 5. ... erstellt einen Pulli zum Passah-Fest ... Bildquelle: Instagram/Sam Barsky.
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Bild 3 von 5. ... richtet auch schonmal eine Hommage an Reihenhäuser ... Bildquelle: Instagram/Sam Barsky.
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Bild 4 von 5. ... oder verewigt ein ausgewachsenes Einhorn ... Bildquelle: Instagram/Sam Barsky.
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Bild 5 von 5. ... um dann immer wieder, ganz gewollt, bei Attraktionen, wie dem New Yorker Times Square, zu landen. Bildquelle: Instagram/Sam Barsky.
Deshalb strickt er auch fast ausschliesslich für sich selbst: «Ich kann keine menschliche Pullover-Fabrik für die breite Öffentlichkeit sein.» An einem Pullover strickt Sam Barsky etwa einen Monat. Wenn er für ein Event unter Zeitdruck steht, kann es aber durchaus sein, dass er ohne Ärmel auftaucht. Dann ist der Pullover eine Art Weste.
T-Shirt-Pullover und Strickgemeinschaft
Das ist nicht ungewöhnlich für Sam Barsky. Zwei Drittel seiner Kreationen sind kurzärmlige Pullover. Sam Barsky möchte seine Pullis nämlich das ganze Jahr über tragen: «Wie T-Shirts. Ich stricke sie mit Baumwolle, so sind sie weniger warm.» Für seine Frau hat er auch schon Kleider gestrickt – sie sei allerdings nicht so ein Fan von Strickmode.
Am liebsten strickt Sam Barsky in Gesellschaft. Er trifft sich regelmässig mit Strickbegeisterten und tauscht sich aus. Über das Leben und über Strick-Schwierigkeiten: «Wir helfen einander, dafür sind wir da.» Jetzt, wo in den USA ein Schneesturm die Städte lahmgelegt hat, trifft sich Sam Barsky online mit seiner Strickgemeinschaft. In seiner Strickkunst hat Sam Barsky nicht nur einen Lebensweg gefunden, sondern schafft auch eine Gemeinschaft.