Wo nur bleibt der Schnee? Sechs ganz unterschiedliche Winterbücher, die die Sehnsucht nach der weissen Pracht vielleicht etwas zu stillen vermögen.
1. «Drei Männer im Schnee» von Erich Kästner
Dieser Klassiker aus dem Jahr 1934 ist ein winterliches Gaudi. In einem Grand Hotel treffen ein inkognito reisender Multimillionär, sein Diener in der Rolle eines Grossindustriellen und ein arbeitsloser Werbetexter, der für einen reichen Herrn gehalten wird, aufeinander. In seiner Verwechslungskomödie lässt Kästner erwachsene Herren beim Schneemannbauen wieder zu Kindern werden und schmunzelt über die «bessere Gesellschaft». Herrlich lustig, charmant altmodisch und wohltuend herzerwärmend – ideal gegen Frost, drinnen wie draussen. (Tim Felchlin)
2. «Der letzte Schnee» von Arno Camenisch
Die Skilift-Angestellten Georg und Paul warten: auf Touristen, auf den Feierabend, auf «Godo» – und vor allem eben auf den Schnee, der einfach nicht mehr kommen will. Auf dem Bänkli philosophieren die beiden anhand vom ausbleibenden Schnee über den Verlust ihres «Früher». Ein poetischer Abgesang auf den Alpentourismus und auf eine ganze Bergbauernkultur, ganz ohne Larmoyanz. Nur schon wegen Camenischs Berglersound, der mit Bündnerdeutsch und Rätoromanisch durchsetzt ist, unbedingt eine (Re-)Lektüre wert! (Simon Leuthold)
3. «Die linke Hand der Dunkelheit» von Ursula K. Le Guin
Auf dem Planeten «Winter» herrschen eisige Minustemperaturen und Schneestürme – eine Welt, die dem Botschafter Genly Ai genauso fremd ist wie die Geschlechtslosigkeit der Einheimischen. Als sein engster Vertrauter des Verrats bezichtigt wird, beginnt ein Spiel zwischen Vertrauen und Misstrauen. Ai muss die Kluft zwischen den eigenen Ansichten und denen der fremden Kultur überwinden. Eine packende Lektüre, die damals wie heute zum Nachdenken anregt. (Ariane Schwob)
4. «In eisigen Höhen» von Jon Krakauer
Dieser Tatsachenbericht lässt niemanden kalt. Schliesslich spielt sich das Geschehen bei –40 Grad ab: Im Mai 1996 nahm der US-Journalist Jon Krakauer an einer Mount-Everest-Expedition teil. Geplant war eine Reportage über die Kommerzialisierung des höchsten Bergs der Welt. Herausgekommen ist ein Buch über eine Katastrophe, denn ein plötzlicher Blizzard riss zwölf Menschen in den Tod. Krakauer beschreibt diese Ereignisse mit unvergleichlicher literarischer Kraft. (Katja Schönherr)
5. «Der Schneesturm» von Alexander Puschkin
Wir können noch so viele Pläne schmieden – am Ende kann es anders kommen. Davon erzählt der russische Dichter in seiner meisterhaften Novelle «Der Schneesturm». Darin vereitelt ein gigantischer Sturm die Heirat eines jungen Liebespaars: Der Bräutigam verirrt sich im Schneegestöber auf dem Weg zur Kirche. Die Braut heiratet aus Irrtum einen anderen. Puschkin schildert seine Figuren als Spielbälle der unberechenbaren Schicksalsmacht und verbindet so das Liebesthema geschickt mit der Frage nach dem freien Willen. (Felix Münger)
6. «Klein-Sibirien» von Antti Tuomainen
Dieser Roman lässt einen mit 220km/h und Spikes über Schnee und Eis kurven. In einem abgelegenen finnischen Dorf durchbricht ein Meteorit die winterliche Stille. Er schlägt in das Auto eines ehemaligen Rallyefahrers ein und wird zum Gegenstand grosser Erwartungen für die Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner – sein Wert wird auf rund eine Million Euro geschätzt. Ein raffinierter Krimi voller Poesie und schwarzem Humor, der sich vor einer rauen nordischen Landschaft entfaltet. (Annette König)