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Debütroman «Die Routinen» Eine Kunstturnerin im zerstörerischen System des Spitzensports

Son Lewandowskis Roman «Die Routinen» zeigt, was hinter den glänzenden Fassaden des Leistungsturnens geschieht – und welchen Preis junge Athletinnen für ihren Traum zahlen.

Vor knapp sechs Jahren sorgten die Magglinger-Protokolle schweizweit für Erschütterung: Mehrere Sportlerinnen berichteten von psychischen und physischen Misshandlungen im Sportzentrum oberhalb von Biel. Es folgten weitere Enthüllungen im Schweizer Sport. Swiss Sport Integrity, die nationale Meldestelle für Doping und ethische Verstösse, registrierte 2024 im Schnitt mehr als eine Meldung pro Tag.

Missbräuche, Mobbing und Übergriffe – solche Vorfälle belasten Athletinnen und Athleten und schlagen sich unweigerlich auf ihre körperlichen Leistungen nieder. Hinter funkelnden Turnanzügen, Glitzer-Sprays und scheinbar schwerelosen Luftsprüngen kommen Zustände zum Vorschein, die alles andere als glänzend sind.

Roman im sportlichen Umfeld

In den Turnhallen wie jenen im nationalen Sportzentrum Magglingen spielt der Roman «Die Routinen». Die deutsche Autorin Son Lewandowski widmet sich in ihrem Debüt den harten Trainingsmethoden, die junge Turnerinnen auf der ganzen Welt erleben.

Turnerin balanciert auf dem Schwebebalken.
Legende: Möglichst elegant und mit möglichst wenig Gewicht auf dem Schwebebalken: Im Roman «Die Routinen» achtet die Protagonistin Amik auf jedes Gramm auf der Waage. KEYSTONE / DPA / Uwe Anspach

Im Zentrum des Romans steht Amik, eine Leistungsturnerin, deren Alltag vom Zählen bestimmt wird: Sie zählt Olympia-Jahre, Übungswiederholungen und die Gramme auf der Waage, auf der sich die Turnerinnen täglich vor versammeltem Team wägen müssen. Als junges Mädchen fällt es Amik noch leicht, ihr Gewicht zu halten. Als Frau greift sie zu drastischeren Mitteln.

In den Augen des Trainers zählen nur Wettkampferfolge. Er setzt Amik psychisch unter Druck, entzieht ihr Anerkennung, um sie ihr im nächsten Moment wieder zu gewähren. Amik selbst sieht ihren Wert nur in ihrer sportlichen Leistung, sodass es ihr schwerfällt, aus den zerstörerischen Strukturen auszubrechen.

Mit zahlreichen Zitaten von Sport-Ikonen

An Kraft gewinnt der Roman durch Zitate realer Turnerinnen. Ihren Stimmen gibt Lewandowski gebührenden Raum. So zeigt sich, dass Amiks Geschichte keineswegs ein Einzelfall ist, sondern Ausdruck eines Systems, das bis in die 1970er-Jahre zurückreicht. Das Kunstturnen entpuppt sich dabei als rigides Regime, das verbissen ist, die eigenen Routinen aufrechtzuerhalten.

Zitiert werden Ikonen des Sports wie Nadia Comăneci, die 1976 die erste «Perfect 10» turnte, Kerri Strug, die mit einem verletzten Fuss 1996 ihrem Team Olympiagold sicherte, oder auch die aktuelle Überfliegerin Simone Biles.

In diesen Zitaten entfaltet sich der zermürbende Alltag der Turnerinnen, die nicht nur im Training auf jedes kleinste Detail achten müssen, sondern auch bei ihrer Diät. Ein Gummibärchen auf mehrere Tage rationieren, davon berichtet Jaycie Phelps. Gemeinsam mit Strug holte sie im Mannschaftsmehrkampf 1996 Olympia-Gold.

Die Schweiz ist in dieser Geschichte des Missbrauchs keine Ausnahme. Die Magglinger-Protokolle und Aussagen der Schweizer Kunstturnerin Ariella Kaeslin zeigen, dass die Missbrauchsstrukturen auch hier zur Routine gehörten - und sich nur schleichend ändern.

Besonders sprachlich überzeugt Lewandowski in «Die Routinen». Sie lässt das Zählen, die ständigen Wiederholungen und Routinen der Turnerinnen poetisch in den Text einfliessen, sodass der Roman einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann – und der lange nachhallt.

Mit ihrem Debüt beweist Lewandowski souverän ihre wuchtige literarische Stimme und erinnert daran, dass der Preis für Perfektion oftmals zu hoch ist.

Buchhinweis

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Son Lewandowski: «Die Routinen». Klett-Cotta, 2026.

Radio SRF 1, Literaturclub Bestenliste, 02.03.2026, 20:03 Uhr

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