Zum Inhalt springen

Header

Video
Ariella Kaeslin: «Es braucht einen Kulturwandel»
Aus News-Clip vom 08.12.2020.
abspielen
Inhalt

Misshandlungen im Spitzensport Ariella Kaeslin: «Ich hörte jeden Tag, wie dick und dumm ich sei»

Ein Regime, das bei den Athletinnen Angst- und Essstörungen verursacht: Die Berichte, Link öffnet in einem neuen Fenster über die Trainingsmethoden am Schweizer Sportzentrum in Magglingen, welche Tamedia im Oktober veröffentlichte, rüttelten auf. Die Politik suchte nach Lösungen für diesen Missstand – mit einer unabhängigen Meldestelle, wie sie der Ständerat inzwischen gutgeheissen hat. Die frühere Kunstturnerin Ariella Kaeslin hatte schon im Sommer eine solche gefordert.

Ariella Kaeslin

Ariella Kaeslin

ehemalige Schweizer Kunstturnerin

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Kaeslin – 1987 geboren und aufgewachsen in Meggen – wurde 2001 ins Nationalkader aufgenommen und trainierte an der Sportschule in Magglingen. Sie holte mehrere Medaillen bei Schweizer-, Europa- und Weltmeisterschaften. Die dreifache Sportlerin des Jahres beendete ihre Karriere im Spitzensport 2011, vor den Olympischen Spielen in London. 2015 erschien das Buch «Leiden im Licht: Die wahre Geschichte einer Turnerin».

Urs Leuthard: Geht es um Missbrauch im Sport, um unmenschliche Trainingsbedingungen, ist fast immer vom Kunstturnen die Rede. Warum?

Ariella Kaeslin: Ein wichtiger Faktor ist, dass es eine Kindersportart ist. Ein 12-jähriges Mädchen oder ein Junge kann noch nicht differenzieren, ob das ein adäquater, respektvoller Umgang ist, und wenn nicht, was das für Konsequenzen haben kann. Ich habe jeden Tag gehört, wie dick und dumm ich sei. Ich dachte, das ist so in diesem Sport, und ich hatte mich fast schon daran gewöhnt. Ich konnte die Konsequenzen noch nicht abschätzen. Wenn man zum Beispiel eine Essstörung entwickelt, kann einen das auch nach der Karriere noch begleiten und die eigene Lebensqualität mindern.

War das ein Thema bei Ihnen, die Essstörung?

Ja, das war ein grosses Thema bei mir.

Turnerinnen seien erniedrigt und beleidigt worden, psychische und physische Gewalt wurde ausgeübt. Ist das übertrieben oder stimmt das?

Jede Turnerin erlebt das natürlich anders, aber ich würde schon sagen, dass das stimmt. Es wurde ein permanenter Psychoterror betrieben. Wenn man sich wehren wollte, kam es immer wieder auf mich als Athletin zurück. Als Athletin hast du schnell gemerkt: Ich sage am besten nichts, weil man sonst sanktioniert wird. Du wirst aus dem Kader geworfen oder im Training bestraft.

Es wurde ein permanenter Psychoterror betrieben.

2015 haben Sie ein Buch publiziert, in dem Sie viele der erniedrigenden Trainingsmethoden beschrieben. Wieso ist trotzdem nichts passiert?

Es hat wohl einfach noch nicht gereicht. Aber jetzt passiert etwas. Es wäre ein wichtiger erster Schritt, wenn von der Politik ein Zeichen kommt. Die Schaffung einer unabhängigen Meldestelle wäre aber noch nicht genug.

Es braucht allgemein einen Kulturwandel. Es muss ein Umdenken stattfinden, bei Swiss Olympic und beim Schweizerischen Turnverband, aber auch in der Trainerausbildung braucht es eine Sensibilisierung. Und ich finde es auch wichtig, dass man die Athleten und die Eltern einbezieht.

EM-Teilnahme wegen Kritik an Trainer verwehrt

Textbox aufklappenTextbox zuklappen

2007 hatte Ariella Kaeslin – zusammen mit einigen Teamkolleginnen – gegen die Methoden ihres damaligen Trainers Eric Demay aufbegehrt. Der Turnverband stellte sich zuerst hinter den Trainer und verbot den Turnerinnen die Teilnahme an der Europameisterschaft. Erst ein Jahr später wurde der Trainer dann entlassen. Kaeslin sagt zu dieser Zeit: «Ich habe damals mit meinem Team realisiert, dass wir zwar turnen wollen, aber so unsere Leistung nicht abrufen können. Wir waren der Meinung, dass solche Methoden nicht nötig sind, um an die Weltspitze zu kommen. Es war zwar hart, nicht an die EM zu gehen, aber ich habe das gern in Kauf genommen.»

Das ist alles nicht passiert?

Es ist ja schon ein super Schritt, dass man realisiert, dass etwas falsch gelaufen ist. Ich habe damals gehört: ‹Jetzt tu doch nicht so, wenn du diese Methoden nicht aushalten kannst, musst du nicht Spitzensport betreiben.› Jetzt ist das Bewusstsein da, dass es auch im Spitzensport Grenzen gibt.

Sie schrieben über die Zeit nach dem Rücktritt: «Wenn ich einen Knopf hätte drücken können und dann tot gewesen wäre, hätte ich ihn gedrückt.» Sie hatten eine Depression; auch wegen Ihrer Erlebnisse in Magglingen?

Nicht nur, aber es hat schon auch dazu beigetragen, dass ich Suizidgedanken hatte. Ein wichtiger Grund war, dass ich mit dem Rücktritt die ganze Identität als Kunstturnerin verloren hatte. Aber diese destruktiven Denk- und Handlungsmuster, die mir damals als Kunstturnerin in der Pubertät eingetrichtert wurden, haben sicher dazu geführt, dass ich so weit kam.

Der Sport ist immer noch ein sehr grosser Teil meines Lebens.

Wie geht es Ihnen heute?

Mir geht es sehr gut, ich bin im Physiotherapie-Studium und stehe wieder voll im Leben. Ich suche sicher noch ein wenig meine Identität, aber ich bin glücklich, und der Sport ist immer noch ein sehr grosser Teil meines Lebens.

Das Gespräch führte Urs Leuthard.

Tagesschau, 08.12.2020, 18:00 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

24 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Esther Siefert  (Cheetah)
    Wie arrogant, ignorant und im höchsten Mass empathielos muss man(n) sein, dass man "Mädels", die ihren Spitzensport lieben und Spitzenleistungen erbringen WOLLEN, dermassen mobben, demütigen und ernuedrigen kann. Glauben diese Leute tatsächlich, dass sie damit Leistung steigern ? Auf diese Weise reisst man diese Mädchen, ggf. auch Jungs, dermassen runter, bis dass nichts mehr geht.
    Wie wär's stattdessen mit aufbauender Motivation und Lob ?
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Christian Hofstetter  (hofi)
    Ein eindrückliches Interview mit Ariella Käslin. Unglaublich, mit welchen Methoden Spitzenathletinnen gefügig gemacht, sprich ihr Selbstbewusstsein, gebrochen wurde. Die Methoden erinnern unweigerlich an frühere Disziplinierungen im Ostblock. Was einen aber schon irritiert, ist die Tatsache, dass das Buch von Ariella Käslin im Jahre 2015 offensichtlich keine Wirkung gezeigt hat. Hier stehen auch die Medien, nicht zuletzt SRF, in der Verantwortung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Elgyn Sulaco  (Elgyn)
    @Aron Riegger; ja dann erzählen Sie doch mal ihren Standpunkt und ihre Erlebnisse, bzw. wie Sie zu dieser Sache stehen.
    @jojo12; was meinen Sie mit "Daher passen auch Trainer aus (ehemals) totalitären Staaten"
    das würde mich auch sehr interessieren
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Aron Riegger  (Aron Riegger)
      Ich kann nicht genau beurteilen was in den Trainingsanlagen abläuft. Ich kann allerdings bloss sagen, dass Magglingen nicht nur das BASPO und somit der Bund stationiert ist, sondern auch das Nationaleleistungssportzentrum vom STV. Dieses wird durch den STV finanziert und ist nicht vom Staat bezahlt. Aus diesem Grund würde ich nicht generell den Staat in dieser Sache mit einbeziehen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen