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Ingeborg-Bachmann-Preis 2018 Die Schweizerinnen setzen in Klagenfurt erste Ausrufezeichen

Eine Kampfansage, zwei Schweizer Autorinnen und ein ungewöhnlicher Gastauftritt von Angela Merkel: Das war der erste Tag des Klagenfurter Lese-Wettstreits.

Autor Feridun Zaimoglu hält die Eröffnungsrede in Klagenfurt.
Legende: Feridun Zaimoglus Eröffnungsrede war eine Kampfsansage an «irregeleiteten Patrioten». ORF/Puch Johannes

Als «Kampfansage an die Rechten» hatte der Schriftsteller Feridun Zaimoglu seine Eröffnungsrede der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt angekündigt. Und so schenkt er den Verlassenen dieser Welt das Wort: den Armen, den Frauen, den Fremden.

«Wir stehen bei den Verlassenen»

Seine Rede ist ein Plädoyer für Menschlichkeit: «Wir sind aus der Schrift geboren. Wir schreiben unsere kühnen, kühlen und wilden Geschichten. Ich finde festen Halt im Recht, dem Ausdruck des Gewissens. Daran glaube ich, davon rücke ich nicht ab.» Zugleich kritisierte er scharf die «irregeleiteten Patrioten und Rechten unserer europäischen Gesellschaften».

Wettlesen in Klagenfurt

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Das Wettlesen in Klagenfurt ist eine mehrtägige Veranstaltung im Rahmen der «Tage der deutschsprachigen Literatur». Gelesen wird um den Ingeborg-Bachmann-Preis, eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschen Sprachraum – und eine der höchstdotierten. Der Preis wird seit 1977 vergeben. Die diesjährigen 42. Lesetagen finden vom 4. bis zum 8. Juli statt. Eine siebenköpfige Jury hatte im Vorfeld jeweils zwei Teilnehmer oder Teilnehmerinnen bestimmt, die am Wettlesen teilnehmen dürfen. In der Jury sitzt unter anderem die Schweizer Autorin Nora Gomringer; als Autorinnen sind die Schweizer Martina Clavadetscher und Anna Stern dabei.

Seine Rede endete mit dem Bekenntnis zu den Bachmann-Tagen: «Klagenfurt ist ein Ort der vielen Geschichten. Es ist ein Ort der Beseelung. Wir schreiben, wir lesen, wir kämpfen. Wir stehen bei den Verlassenen.»

Ratlose Jury

Etwas verlassen und bekämpft muss sich heute auch die Schweizer Autorin Anna Stern gefühlt haben. Ihr Text «Warten auf Ava» hatte manches Jury-Mitglied etwas ratlos gemacht.

Die Autorin Anna Stern beim Wettlesen in Klagenfurt.
Legende: Anna Sterns Text «Warten auf Ava» liess einige Juroren ratlos zurück. ORF/Puch Johannes

Für den Jury-Vorsitzenden Hubert Winkels sei der Text mehr Rätsel als Mysterium. Klaus Kastberger wusste nicht, warum ihn das Setting einer jungen Frau, die im Koma liegt, interessieren solle und fand das ganze Arrangement «an den Haaren herbeigezogen».

Die Texte

Die Texte des diesjährigen Bachmannpreises sind alle online, Link öffnet in einem neuen Fenster zum Nachlesen.

Auch Nora Gomringer, die in diesem Jahr neu in der Jury sitzt, blieb vieles in Anna Sterns Text ein Mysterium. Die zweite neue Jurorin Insa Wilke war dem Text beim stillen Lesen im Vorfeld des Wettbewerbs nicht auf die Spur gekommen, habe dann aber während der Lesung entdeckt: Es geht um sechs Arten, mit Trauer umzugehen.

Bester erster Satz

Noch eine zweite Schweizerin ging am Donnerstag ins Rennen: Martina Clavadetscher erzählt mit ihrem Text «Schnittmuster» die Geschichte einer alten Frau, die nie gelernt hat, über das zu reden, was ihr im Leben an Gewalt und Knechtung widerfahren ist.

Nun, nach ihrem Tod, als niemand mehr sie hören kann, bricht sie ihr Schweigen. Für Klaus Kastberger ist eines klar: Dieser Text bekommt die Auszeichnung für den «besten ersten Satz» des Wettbewerbs: «Das letzte Schnappen macht den Unterschied.»

Autorin Martina Clavadetscher an den Literaturtagen in Klagenfurt.
Legende: Begeisterte die Jury mit ihrem ersten Satz: Autorin Martina Clavadetscher. ORF/Puch Johannes

Erster Favorit

Ein Favorit des heutigen Tages ist sicher Stefan Lohse mit seinem Text «Lumumbaland».

Es ist ein sehr gewitzter, aber komplexer Text über die Suche junger Menschen nach Identität und «das Ende der Unschuldsillusion einer weissen Mehrheitsgesellschaft», so Jurorin Insa Wilke.

Gekiffe und Angela Merkel

Was sonst noch geschah? In zwei Texten wurde gekifft, und Nora Gomringer zog alle Aufmerksamkeit auf sich, als sie morgens das Studio betrat mit einem weissen T-Shirt, auf dem fett «Hallo Mama» zu lesen war.

Jurorin Nora Gomringer in Klagenfurt.
Legende: Jurorin und Siegerin von 2015 Nora Gomringer sorgte für einen Gastauftritt von Bundeskanzlerin Angela Merkel. ORF/Puch Johannes

Nach der Mittagspause hatte sie ihr Outfit gewechselt: Sie erschien mit einem bunten Oberteil, auf der Angela Merkel in mehrfacher Ausführung zu sehen war. Fazit ihres ersten Lesungstages, was das Outfit betrifft: «Hallo Mutti».

Sendebezug: Radio SRF 2 Kultur, Kultur-Aktualität, 6.7.2018, 17:10 Uhr.

Videos zum Bachmann-Preis

Die Tage der deutschsprachigen Literatur finden vom 4. bis 8. Juli in Klagenfurth statt. Hier finden sie die Videos zu den Lesungen und anschliessenden Diskussionen, Link öffnet in einem neuen Fenster.