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Liebesromane voller Tabus Düstere Faszination – warum «Dark Romance» so polarisiert

Märchenprinz war gestern, heute wird der Mafiaboss angehimmelt. Das steckt hinter dem kontroversen Trend.

Eine Schriftstellerin erbt das Anwesen ihrer ermordeten Grossmutter. Sie zieht dort ein, um das Verbrechen aufzuklären, und wird dann von einem Unbekannten verfolgt. Wenn Sie denken, Sie wüssten, in welche Richtung sich diese Geschichte entwickelt, liegen Sie vermutlich falsch. Denn das ist nicht die Handlung eines Thrillers, sondern eines Dark-Romance-Buchs.

«Haunting Adeline» heisst der Roman von H. D. Carlton, in dem die Schriftstellerin und ihr Stalker nicht etwa Kontrahenten sind, sondern als Liebespaar enden. Gerade durch den Hype rund um New-Adult-Liebesromane erhält seit einigen Jahren auch das Subgenre der düsteren Romantik grosse Aufmerksamkeit – und sorgt für Kritik.

Der Mafiaboss wird angeschmachtet

Der Angebetete im Dark-Romance-Genre ist kein Märchenprinz. Hier werden Figuren, die im klassischen Liebesroman als Antagonisten auftreten, zu «Love Interests»: Mafiabosse, Gangmitglieder – oder eben Stalker.

Dabei ist der Protagonist meist dominant und setzt sich über die Wünsche der Frau hinweg. Dieses Spannungsverhältnis ist geradezu Bedingung für die Liebesgeschichte. Machtasymmetrie, Gewalt und Grenzüberschreitungen sind zudem auch Teil der oft expliziten Sexszenen.

Lesende sollen geschützt werden

Kritikerinnen und Kritiker sehen in dem Genre eine Gefahr, besonders für jüngere Leserinnen. Sie befürchten, dass das Gelesene Einfluss auf das reale Beziehungsverständnis haben könnte. Dass die toxischen Verhaltensweisen der Protagonisten folglich auch in der Realität hingenommen würden.

Mittlerweile werden deshalb Dark-Romance-Titel mit einer Altersempfehlung versehen – ähnlich wie dies bei Filmen und Videospielen üblich ist. Bei Büchern gibt es allerdings keine verpflichtende Altersfreigaberegulierung, weshalb der Verkauf an Minderjährige nicht verboten ist.

Dark Romance: Kein neues Phänomen

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Aktuell findet Dark-Romance-Literatur mehrheitlich online statt: Auf Booktok und Bookstagram werden die Bücher gefeiert und empfohlen.

Doch anders als das aktuelle Phänomen vermuten lässt, ist das Genre nicht neu. «Bereits der Schauerroman des 18. Jahrhunderts, die Gothic Novel, arbeitet mit der erotischen Aufladung von Gefahr und Bedrohung», erklärt Christine Lötscher, Professorin für populäre Literatur an der Universität Zürich.

Andererseits entspringt die heutige Dark Romance auch einer digitalen Schreibtradition – Fanfiction-Plattformen und Online-Foren wie Wattpad. Bereits in den 2000er- und 2010er-Jahren wurden in diesem Raum sexuell explizite Geschichten von Frauen für Frauen geschrieben.

Während früher die Literatur stark von oben bestimmt war, also von Kritikerinnen und Kritikern, Lehrpersonen und einem Kanon, wird im digitalen Zeitalter Literatur zunehmend von unten definiert. Heute bestimmen so auch Diskurse auf Social Media, welche Bücher die nächsten Bestseller werden – und darunter finden sich auch Dark-Romance-Liebesromane.

Paternalistische Bevormundung

Die Debatte über Literatur, die gerade für Jugendliche oder Frauen gefährlich sei, erinnert an den paternalistischen Diskurs der Lesewut im 18. Jahrhundert. Das findet auch Magali Bigey. Die Dozentin für Kommunikationswissenschaften in Paris forscht zu zeitgenössischen Liebesromanen.

Am Booklovers-Festival in Lausanne sprach sie vor einem vollen Saal über Dark Romance. Sie erklärt, dass Kritik am Genre häufig von Personen käme, die weder jemals ein solches Buch gelesen noch mit den Lesenden gesprochen hätten. Darin sieht sie eine paternalistische Bevormundung junger Frauen.

Bigeys Forschung entkräftet die Sorgen der Kritikerinnen und Kritiker: «Die Umfragen, die ich seit über fünf Jahren zum Thema Dark Romance und seit 26 Jahren zum Thema Romantik durchführe, zeigen keinerlei Tendenz hin zu einer Befürwortung toxischer Verhaltensweisen.»

Bücher als geschützter Raum

Auch Christine Lötscher, Professorin für populäre Literatur an der Universität Zürich, betont, dass die Lesenden den Büchern nicht hilflos ausgeliefert sind, sondern ihnen reflektiert begegnen. «Viele lesen die Texte, um das, was sie im richtigen Leben zutiefst verstört, in der Fiktion geniessen zu können.»

Das bestätigt auch eine Dark-Romance-Leserin: «Ich kann bewusst Grenzen überschreiten oder Dinge erleben, ohne in Gefahr zu sein.» Somit können die eigenen Grenzen lesend ausgelotet werden.

Zudem ist Dark Romance ein Genre, das meist von Frauen für Frauen geschrieben wird. Einerseits wird so mit der realen Gefahr umgegangen, die von Männern ausgeht. Andererseits können Frauen in einem selbstbestimmten Rahmen sexuelle Fantasien erkunden.

Das kann aufklärerisch sein, erklärt Lötscher: «Grenzüberschreitungen im Modus des «Als-ob», ohne Konsequenzen, können dazu führen, dass frau sich weniger machtlos und ausgeliefert fühlt.» Dark Romance mache zudem deutlich, «dass Sexualität niemals privat, sondern ein gesellschaftliches, politisch aufgeladenes Thema ist», so Lötscher weiter.

Magali Bigey gibt allerdings zu bedenken, dass sie mit dem Begriff Emanzipation vorsichtig sei, «da er eine direkte und einheitliche Wirkung suggeriert, die meine Forschungen nicht bestätigen können». Vielmehr würden manche Leserinnen die Geschichten nutzen, um über reale Situationen nachzudenken.

Die Community zeigt sich reflektiert

«Ich bevorzuge Dark Romance, weil es echter ist und mich mehr berührt», erklärt eine Leserin am Booklovers-Festival. Sie möge es, dass eben nicht alles rosa ist – so wie die Cover der New-Adult-Titel. Vielmehr gehe es in Dark-Romance-Büchern um Gegebenheiten, die man selbst oder Bekannte erlebt hätten.

Eine weitere Anwesende fühlt sich von Kritikerinnen und Kritikern bevormundet, weil anderer Literatur nicht mit demselben Argwohn begegnet würde: «Andere Bücher, die ich um einiges schlimmer fand, weil es da zum Beispiel um Nekrophilie ging, werden nicht so stark kritisiert wie die Dark Romance.»

Warnhinweise schaffen keine Abhilfe

Auch Magali Bigey beobachtet, dass es bei gewissen Literaturklassikern, die von Jugendlichen gelesen werden, keinen Aufschrei gäbe. Man denke an den Sexismus in Goethes «Faust», an die explizite Darstellung von Folter in George Orwells «1984» oder die sexualisierte Gewalt in Patrick Süskinds «Das Parfum».

Solche potenziellen Trigger werden in Dark-Romance-Büchern explizit ausgewiesen. Bei «Haunting Adeline» werden beispielsweise angeführt: sexuelle Nötigung, Szenarien mit zweifelhaftem Konsens, Darstellung von Blut und Gewalt, Entführung, Stalking – und vieles mehr.

Dass dies letztlich die Inhalte einer Liebesgeschichte sein sollen, mag irritieren. Doch in der Dark Romance sind diese Aspekte sexuell aufgeladen, sodass sich die weibliche Lust möglicherweise gerade in der Asymmetrie entfaltet.

Informieren, begleiten und vertrauen

Jugendliche sind unterschiedlich, das hat Christine Lötscher auch als Mutter beobachtet: «Die einen brauchen Horror mit zehn Jahren, die anderen werden sich niemals damit anfreunden können.» Sie plädiert dafür, das Gespräch mit den Jugendlichen zu suchen und sie bei ihrer Lektüre zu begleiten, statt diese zu kontrollieren.

Am besten verstehen lässt sich Dark Romance letztendlich gerade dadurch, dass man selbst eines dieser Bücher mit tiefschwarzem Cover aufschlägt – ganz auf die eigenen Empfindsamkeiten und Grenzen bedacht. Auf den sozialen Medien finden sich genügend Leseempfehlungen, welche die ganze Bandbreite des Genres abdecken.

Radio SRF 2 Kultur, 100 Sekunden Wissen, 10.06.2026, 6:54 Uhr; noes

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