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Russland unterm Brennglas Was russische Literatur über die Macht und den Staat erzählt

Grossmachtgehabe, Repression, Verkehrung der Wirklichkeit, Vereinnahmung der Sprache: Was das heutige Russland kennzeichnet, ist schon lange Thema in der russischen Literatur.

«Der ganzen Welt steht eine Erneuerung durch die russische Idee bevor, das ist mein heiliger Glaube. Aber damit sich dieses Werk vollendet, ist es nötig, dass dem grossrussischen Volk politisches Recht und der Vorrang gegenüber der gesamten slawischen Welt zukommt, und zwar endgültig und unwiderruflich.»

Das sagt nicht Wladimir Putin. Auch nicht einer seiner Gefolgsleute. Nein, diese Aussage machte der russische Dichter Fjodor Dostojewski 1868 in einem Brief an seinen damaligen Vertrauten Apollon Majkow. Dies zeigt: Dostojewski verfasste nicht nur einzigartige Romane wie «Verbrechen und Strafe» oder «Die Brüder Karamasow». Er liess sich auch zu nationalistischen Tiraden hinreissen.

Wider den Westen

Diese Tiraden sind seit dem russischen Überfall Russlands auf die Ukraine im Februar 2022 wieder beängstigend aktuell. Und sie zeigen, dass in Russland imperialistisches und antiwestliches Denken nichts Neues sind.

Statue einer sitzenden Person mit Tauben darauf, vor blauem Himmel.
Legende: Fjodor Dostojewski im Moskau von heute: Der grosse Romancier, dessen Werke Russland bis heute den Spiegel vorhalten. IMAGO / Dreamstime

Dostojewski war ein zu genialer Autor, als dass er seine Gesinnungen den Leserinnen und Lesern direkt aufs Auge gedrückt hätte – seinen nationalen Chauvinismus, aber auch sein religiös verbrämtes grossrussisches Elitedenken oder seinen finsteren Antisemitismus.

In seinen Romanen lässt er vielmehr verschiedene Ideologien, religiöse Überzeugungen und Lebensauffassungen aufeinanderprallen. Zwar schlägt immer wieder Dostojewskis Auffassung durch, der Westen sei durch die Aufklärung und den Rationalismus moralisch verdorben – und eine Bedrohung für das von der orthodoxen Kirche geprägte Russland.

Doch Dostojewski urteilt nie direkt. Leserinnen und Leser sind in der Pflicht, sich selbst zu positionieren. Wem gelten die Sympathien im gigantischen Arsenal an Figuren in seinen grossen Romanen – den Atheisten, Imperialisten, Slawophilen, Pazifisten, Westlern (also Russland zugewandten Anhängern westlicher Ideen), Russisch-Orthodoxen?

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Fjodor Dostojewskij: «Böse Geister». Übersetzt von Swetlana Geier. Fischer, 2021.

Literatur als Debattierbühne

Fjodor Dostojewski exerzierte mit seiner literarischen Vielstimmigkeit beispielhaft durch, was die russische Literatur lange Zeit generell auszeichnete: Sie war eine Plattform für gesellschaftliche Debatten.

In Russland herrschte fast immer Zensur. Da es sich bei der Literatur um Fiktion handelte, genoss sie aber etwas mehr Freiraum als die staatlich kontrollierte Presse.

Diese besondere Position der Literatur prägte bei vielen russischen Autorinnen und Autoren das Selbstverständnis, die intellektuelle Speerspitze darzustellen. Und sie erklärt, weshalb das russische Volk – zumindest bis zur Wende und dem Zusammenbruch der Sowjetunion 1991 – als «Volk von Leserinnen und Lesern» galt. Wo sonst als in der Literatur fanden sich Anregungen, um sich intellektuell mit der – oft bedrückenden – Realität auseinanderzusetzen?

Schwarz-weiss-Foto eines Mannes in abgenutzter Kleidung.
Legende: Alexander Solschenizyn, 1953, nach acht Jahren Gulag-Haft: Die Erfahrung des Lagers wurde zur Grundlage seiner literarischen Analyse autoritärer Herrschaft. Getty Images/Apic

Dazu passt, dass in der Sowjetzeit im Verborgenen ein reger Tauschhandel mit «verbotenen Büchern» existierte. Darunter etwa Alexander Solschenizyns weltberühmter «Archipel Gulag» über das stalinistische Lagersystem. Das Werk bot die Möglichkeit, sich mit dem unermesslichen Leid von Millionen auseinanderzusetzten.

Kriegstrommeln

Aus heutiger Sicht gewährt das Studium von älterer russischer Literatur Einblicke in Denkweisen vergangener Zeiten. Es macht etwa erfahrbar, dass die heutige Kriegspropaganda aus dem Kreml nichts Neues ist.

Dies zeigt ein Blick in den grossen Gesellschaftsroman «Anna Karenina» von Lew Tolstoi (1828–1910). Das Buch macht im letzten Teil den Aufstand der Serben gegen das Joch des Osmanischen Reichs zum Thema. Die russische Presse war damals voll mit überzogenen Darstellungen von angeblichen Gräueltaten der Türken an den Serben, auch dies ein «slawisches Brudervolk».

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Lew Tolstoj: «Anna Karenina». Übersetzt von Hermann Röhl. Anaconda, 2021.

Messerscharf seziert der christliche Pazifist Tolstoi die fatale Wirkung von nationalistischer Propaganda. Man habe, heisst es im Roman, «zu dieser Zeit von nichts anderem als dem serbischen Krieg» geschrieben.

«Der Heldenmut der Serben, die für eine erhabene Sache kämpften, rief im ganzen Volke den Wunsch hervor, den Brüdern zu helfen, aber nicht mehr mit Worten, sondern mit der Tat.»

Älterer Mann mit Bart sitzt auf einem Stuhl im Freien.
Legende: Der grosse Lew Tolstoi (1908) sezierte literarisch, wie Kriegsbegeisterung Identität stiftet und Zweifel delegitimiert. Sergei Michailowitsch Prokudin-Gorski/Wikimedia Commons

Durch das geschickte Arrangement verschiedener Figuren machte Tolstoi jedoch deutlich, um was es bei dieser kollektiven Aufwallung tatsächlich ging: Im Innern Russlands die Reihen zu schliessen, die nationale Identität zu mobilisieren sowie Kriegsskeptiker und Oppositionelle zu delegitimieren.

Im Staat der Glückseligen

Auch im Putin-Staat ist die Loyalität zum Staat oberste Bürgerpflicht. Dazu gehört es auch, hinzunehmen, dass der Staat die Sprache vereinnahmt. Also etwa nicht von einem «Krieg» zu sprechen, sondern von einer «Spezialoperation».

Dieses Herrschaftsprinzip analysierte der Dichter Jewgeni Samjatin (1884–1937) in seinem dystopischen Roman «Wir»: Nach der «allerletzten Revolution» leben die Menschen im sogenannten «Einzigen Staat» in gläsernen Wohnblocks.

Mann in einem Anzug vor einem gezeichneten Hintergrund.
Legende: Jewgeni Samjatin, porträtiert von Boris Kustodijew. Samjatin entwarf mit «Wir» eine literarische Vision totaler Staatstreue und kontrollierter Sprache. Boris Michailowitsch Kustodijew/Wikimedia Commons

Der Staat hat den Leuten die Namen weggenommen und sie durch Nummern ersetzt. Der Staatschef, der «Wohltäter», zwingt das um die freie Sprache beraubte Volk mittels umfassender Überwachung zum kollektiven Glück.

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Jewgenij Samjatin: «Wir». Übersetzt von Anton Miller. Aionas, 2025.

Die Gewöhnung an die Knechtschaft

Im «Einzigen Staat» und im heutigen Russland kommt der Autoritarismus auch ohne Massenterror aus. Wie das funktionieren kann, zeigte Alexander Solschenizyn (1918–2008) in seinem Erstling «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch» von 1962.

Der realistisch erzählte Roman schildert den Alltag im Straflager, die Schinderei, den Hunger, die Entmenschlichung. Ein Teller Suppe, so liest man, bedeute für die Unglücklichen «mehr als die Freiheit, mehr als das frühere und das noch bevorstehende Leben».

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Alexander Solschenizyn: «Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch». Übersetzt von Christoph Meng. Luchterhand, 1970.

Solscheni­zyn zeigt, wie der Autoritarismus die Menschen isoliert und auf sich selbst zurückwirft. Sie gewöhnen sich an die Beschränkungen, entwickeln eine Routine darin, sich anzupassen – und verlieren Stück für Stück ihren Willen.

Ob Isolation, Anpassungsdruck, Propaganda, Repression oder aggressive Expansion nach aussen – die russische Literatur machte schon lange vor unserer Zeit Mechanismen der autoritären Herrschaft zum Thema, wie sie das heutige Russland prägen.

Die Werke von Tolstoi, Samjatin und vielen anderen entstanden zu einer anderen Zeit. Doch sie beleuchten, analysieren und diskutieren Realitäten von beklemmender Aktualität.

Radio SRF 2 Kultur, Kulturplatz Talk, 8.5.2026, 9:05 Uhr;liea

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