In Russland kontrolliert der Kreml, welche Nachrichten die Bevölkerung zu sehen bekommt. Von der Regierung aktiv unter die Bevölkerung gebracht, können Fake News eine ganze Gesellschaft beeinflussen. SRF-Russlandkorrespondent Calum MacKenzie ordnet ein.
Wie verbreitet ist Desinformation in Russland?
Sehr stark, seit dem russischen Angriff auf die Ukraine vor vier Jahren haben die regimetreuen Medien den ganzen Platz eingenommen. Die unabhängigen Medien wurden durch verschärfte Gesetze vertrieben. Wenn überhaupt, dann arbeiten sie aus dem Ausland. Ihre Websites sind in Russland blockiert, genau wie diejenigen von ausländischen Medien wie zum Beispiel der Deutschen Welle oder der BBC. Das Ergebnis: Ein grosser Teil der russischen Bevölkerung lebt in einer Informationsblase, die vom Kreml komplett kontrolliert wird. Innerhalb dieser Blase gibt es eine riesige Fülle von Informationen, die oft falsch oder verzerrt sind.
Was sind konkrete Beispiele?
Ein Beispiel, das auch international hohe Wellen geschlagen hat, ist der vermeintliche Angriff auf Wladimir Putins Villa. Der Kreml verbreitete Ende Dezember die Information, dass ukrainische Drohnen Putins Residenz angegriffen hätten. Die Nachricht hat sich schnell auf der ganzen Welt verbreitet, mehrere Länder haben den «Angriff» scharf verurteilt. Auch US-Präsident Donald Trump soll es zuerst geglaubt haben. Dabei ist die Beweislage dazu bis heute sehr dünn – es gibt mehr Anzeichen dafür, dass dieser Angriff gar nicht passiert ist, dass der Kreml ihn erfunden hat. Anwohner in der Region von Putins Residenz beispielsweise sagen, sie hätten keine Drohnen gesehen, geschweige denn die Luftabwehr gehört.
Wie schafft es der Kreml, diese falschen Informationen so erfolgreich unter die Menschen zu bringen?
Wir wissen von Insidern, wie das bei den russischen Staatsmedien abläuft: In wöchentlichen Sitzungen wird der Chefredaktion die Linie des Kremls vorgegeben. So soll zum Beispiel kürzlich vorgegeben worden sein, dass die Staatsmedien Trumps Grönland-Drohungen pushen sollten, sie rechtfertigen sollten. Um sie dann schliesslich mit der russischen Annexion der Krim gleichzusetzen.
Was macht diese Fülle an unterschiedlichen Informationen mit den Menschen?
Viele sagen sich, dass es letztlich gar nicht möglich sei, die Wahrheit von der Lüge zu unterscheiden. Also hält man sich aus diesen schwierigen Fragen heraus und lässt den Kreml machen. Das ist vielleicht das oberste Ziel der Propaganda: den Menschen vermitteln, dass sie die Vorgänge in der Welt nicht verstehen und man die Politik der Regierung nicht zu hinterfragen habe. So entsteht eine Gesellschaft, die von der Politik entfremdet ist und sich nur um ihr eigenes Leben im Kleinen kümmert. Ich stelle das auch bei eigentlich aufgeklärten und oppositionell denkenden Leute fest: Viele haben zum Beispiel aufgehört, Nachrichten über den Krieg regelmässig zu konsumieren, weil sie sowieso nichts machen können.
Macht diese Entfremdung die Rekrutierung von Soldaten für den Krieg nicht schwieriger?
Doch, das ist genau das Problem, das der Kreml nun hat. Man kann die Leute zwar aus Politik und Zivilgesellschaft herausdrängen – das hilft, die eigene Macht zu festigen. Aber sie für den Krieg zu mobilisieren, funktioniert nur bedingt, wenn die Leute über Jahre hinweg überzeugt worden sind, dass sie sich aus der Politik herauszuhalten haben. Deshalb rekrutiert die russische Armee ihre Soldaten heute vor allem mit riesigen Geldversprechen, wenn sie einen Vertrag unterzeichnen.