Ein Konzertsaal in Lugano. Auf der Bühne: zahlreiche Kinder und Jugendliche, viele von ihnen seit Jahren dabei. Manche sogar seit einem Jahrzehnt. Carlo Taffuri, Direktor des Orchesters Superar, fasst die Stimmung kurz vor dem Konzert zusammen: «Die Proben waren anstrengend, aber wir sind bereit.»
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Bild 1 von 2. Das Orchester Superar Suisse beim gemeinsamen Auftritt. Musik als Gemeinschaftserlebnis. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 2. Carlo Taffuri, Direktor des Orchesters Superar Suisse, beim Dirigieren. Bildquelle: SRF.
Vor zehn Jahren hat Superar Suisse damit begonnen, Kindern und Jugendlichen kostenlosen Musikunterricht anzubieten. Dies ohne Aufnahmeprüfung, ohne Selektion nach Talent. Das Ziel nennt Taffuri «Bildung durch Musik».
Jugendliche sollen gemeinsam die Dynamik des Lebens lernen, füreinander eintreten. Musik helfe dabei, weil sie emotionale Aspekte einbeziehe, «Grundlagen für ein friedliches Miteinander vermittelt und dabei noch ein Lächeln auf die Lippen zaubert», so Taffuri.
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Bild 1 von 4. Marko spielt seit zehn Jahren bei Superar Suisse. Das Instrument, sagt er, hat ihn verändert. Bildquelle: SRF.
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Bild 2 von 4. Fidan ist seit Jahren Teil von Superar Suisse. Manchmal war das Orchester mehr Zuhause als das eigene. Bildquelle: SRF.
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Bild 3 von 4. Für Emy ist das Orchester ein Ort, an dem sie sie selbst sein kann. Bildquelle: SRF.
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Bild 4 von 4. Auch Rafael ist wie Marko seit zehn Jahren dabei. Das Orchester zu verlassen, kommt für ihn nicht infrage. Bildquelle: SRF.
Ob das gelingt, lässt sich an denen ablesen, die seit Jahren dabei sind. Orchestermitglied Marko sagt, das Instrument habe ihn «zu einem extrovertierteren Menschen gemacht, der sich viel mehr für Musik begeistert». Fidan beschreibt ihre Beziehung zum Orchester schonungslos: «Es gab Zeiten, in denen ich mehr hier war als zu Hause und meinen Lehrer öfter gesehen habe als meinen Vater.»
Superar ist mein Zuhause, und man verlässt sein Zuhause niemals.
Emy nennt es ihren «Safe Space», einen Ort, an dem sie sie selbst sein kann. Und Rafael erklärt: «Superar ist mein Zuhause, und man verlässt sein Zuhause niemals. Man verlässt nicht den Ort, an dem man sich wohlfühlt und an dem das Herz hängt.»
Der Wohnort entscheidet
Solche Aussagen klingen nach mehr als Unterricht. Doch damit solch eine Verbindung überhaupt entstehen kann, braucht es zuerst eines: Zugang. Der läuft hauptsächlich über Partnerschulen. Lehrpersonen melden Kinder an oder machen sie gezielt aufmerksam. Oft bringen Kinder Freundinnen und Freunde mit.
Was fehlt, ist eine flächendeckende Lösung. Aktuell erreicht Superar Suisse rund 580 Kinder und Jugendliche schweizweit – ein Wachstum, das einem neuen Schulprojekt in Lugano zu verdanken ist. Doch auf die Frage, warum nicht mehr davon profitieren können, räumt die Organisation offen ein: «Der Wohnort entscheidet über die Teilnahme.» Wer nicht in einer Region mit stabilen Strukturen lebt, hat keinen Zugang. Wartelisten gibt es zudem, wenn das Schuljahr bereits läuft.
Wo das Angebot endet
Das Grundproblem nennt Superar Suisse selbst: Wachstum scheitere weniger an fehlendem Interesse als an verlässlicher Langzeitfinanzierung statt projektbezogener Förderung, sowie am begrenzten Pool qualifizierter Musikpädagoginnen und ‑pädagogen. Ein bekanntes Dilemma im Schweizer Gemeinnützigkeitsbereich.
Nicht alle werden Musiker und Musikerinnen. Das ist auch nicht unser Ziel.
Was nach dem Programm folgt, ist individuell. Einige wechseln in Musikschulen oder Jugendorchester, andere musizieren privat weiter. Manchen bleibt das Instrument, anderen vor allem die Gemeinschaft. «Nicht alle werden Musiker und Musikerinnen. Das ist auch nicht unser Ziel», sagt die Organisation. Superar Suisse soll Startpunkt sein, nicht geschlossener Raum.
Den musikalischen Anspruch lässt Superar Suisse dabei nicht fallen. Die Kinder lernten tatsächlich ein Instrument. Das regelmässig, auf hohem Niveau und mit Profis. Der soziale Ansatz schwäche die Qualität nicht, sondern stärke sie: «Die musikalische Qualität steigt, weil die Kinder sich gesehen und ernst genommen fühlen.»