Zum Inhalt springen

Header

Zur Übersicht von Play SRF Audio-Übersicht

KI in der Musikbranche Wie viel Mensch steckt noch in unserer Musik?

Was vor zehn Jahren noch als futuristische Spielerei galt, führt nun zu einer tiefgreifenden Umwälzung der Musikbranche: In Sachen KI und Musik herrscht regelrechte Wildweststimmung.

Als 2016 der Song «Daddy’s Car» veröffentlicht wurde, ahnte kaum jemand, dass er einen Wendepunkt markieren sollte. Von einer Software namens «Flow Machines» in einer Pariser Universität komponiert, war die Beatles-ähnliche Popnummer der erste KI-generierte Song, der weltweit öffentliche Aufmerksamkeit erhielt.

Mittlerweile sind KI-Lieder im Mainstream angelangt und stürmen die Hitparaden. Jüngstes Beispiel: Eddie Dalton, eine KI-Musikerfigur mit Soul- und Bluesstimme landet in den USA und Australien auf Platz 1 der iTunes-Charts. Während Schweden KI-Inhalte ganz aus der Hitparade kippt, stand in der Schweiz im Januar eine KI-Cover-Version des Stromae-Hits «Papaoutai» auf Platz Nummer 8.

Es sind aber nicht nur Songs, die mit der Hilfe von Künstlicher Intelligenz generiert werden, sondern auch gleich die zugehörigen Musikschaffenden. So kursieren auf Tiktok und Youtube Videos vom vermeintlichen Auftritt eines gewissen Michael Benett bei der Realityshow «America's Got Talent» – wobei der Auftritt von A bis Z mit KI generiert wurde.

Erkennen ist fast unmöglich

Es ist gerade mal drei Jahre her, seit die KI-Songplattformen Suno und Udio online gingen. Seitdem können auch Laien Songs mit der Software produzieren. In den Anfängen verrieten Perfektion, glatte Stimmen sowie phrasenhafte und klischierte Texte, dass da eine Maschine am Werk sein dürfte.

Doch KI-Tools sind viel besser darin geworden, Menschlichkeit und Gefühle zu imitieren. So zeigt eine Umfrage der Streamingplattform Deezer, dass 97 Prozent der Menschen KI-generierte Musik nicht von menschengemachter unterscheiden können. Wer sicher gehen möchte, dass die eigene Lieblingsmusik von Menschen aus Fleisch und Blut stammt, muss Profile prüfen und nach Interviews und Tourdaten suchen.

Gemäss Definition der Schweizerischen Verwertungsgesellschaft Suisa gilt ein Song dann als KI-generiert, wenn der Anteil, den eine KI zu einem Werk besteuert, grösser ist, als der menschliche kreative Input. Schon heute arbeiten in der Musikwelt KI und Mensch oft zusammen.

Ist Prompten auch kreative Arbeit?

Box aufklappen Box zuklappen

Mithilfe von Musikgeneratoren können Songs quasi auf Knopfdruck hergestellt werden. Damit diese aber auch authentisch wirken, braucht es ausgeklügelt formulierte Anweisungen an die KI, sogenannte «Prompts».

Das heisst, dass auch bei der KI-generierten Musik immer noch viel menschliche Arbeit drin steckt, was wiederum die Grenzziehung zwischen Mensch und Maschine zusätzlich erschwert.

Ist Prompten somit ein kreativer Prozess? Dafür spricht, dass mit Prompts Ideen geformt, Stilentscheidungen getroffen und der Output der KI bewusst gestaltet wird. Kritiker sehen im Prompten eher eine technische Steuerung, bei der die eigentliche Kreativität vom Modell kommt.

So wird beispielsweise in Studios mit KI-basierten Programmen gearbeitet, um einem Song ein bestimmtes Klangbild zu verpassen. Wo genau die Grenze verläuft zwischen Mensch und Maschine, lässt sich schwer sagen. Entsprechend muss sich die Suisa darauf verlassen, dass Musikschaffende bei der Anmeldung ihrer Werke wahrheitsgetreu vorgehen.

KI-Detektoren funktionieren nur bedingt

Auf Streamingplattformen wie Spotify, Apple Music und Deezer nimmt KI-generierte Musik exponentiell zu – einzig Bandcamp verbannt KI-Inhalte seit Januar. Deezer ist aktuell die einzige Plattform, welche mithilfe eines KI-Detektors entsprechende Songs kennzeichnet. Apple und Spotify wollen bald nachziehen. Doch KI-Detektoren arbeiten nicht fehlerfrei. Sie labeln auch menschengemachte Musik, die nur klanglich per KI bearbeitet wurde.

Gemäss einer Mitteilung von Deezer vom 20. April 2026 ist die Zahl nun bereits auf 75'000 KI-generierte Songs pro Tag angestiegen, was fast der Hälfte der täglichen Uploads entspricht. Der deutliche Anstieg zeigt, wie systematisch die Streamingplattformen heute mit solchen Beiträgen überschwemmt werden – nicht zuletzt, weil sich damit auch (illegal) Geld verdienen lässt, wie ein aktuelles Beispiel aus den USA zeigt.

Im März 2026 steht in den USA zum ersten Mal ein Mann vor Gericht wegen KI-basierten Musikbetrugs. Mithilfe der Künstlichen Intelligenz hatte er tausende Songs generiert und per Bots milliardenfach streamen lassen. Der Mann gestand – ihm drohen fünf Jahre Haft. Man sieht: Die Rechtslage hinkt der Realität hintendrein, doch es tut sich was.

Band spielt Musik auf der Bühne.
Legende: Die KI-Band The Velvet Sundown hat im Sommer 2025 für viel Wirbel gesorgt: Anfang Juni erschien ihr erstes Album im Netz, innerhalb sechs Wochen folgten zwei weitere. thevelvetsundownband/Instagram

Allerdings spielen auch Streamingplattformen selbst eine zentrale Rolle bei der Verbreitung von KI-generierter Musik, sagt Datenanalytiker Glenn McDonald, der zehn Jahre lang bei Spotify arbeitete. Schuld daran ist die Tatsache, dass Musik, die einem bei Spotify und Co. zum Hören vorgeschlagen wird, nicht von Menschen ausgesucht und überprüft wird, sondern von einem Algorithmus. «Im Grunde genommen lässt man KI Musik generieren und eine andere KI verbreitet sie weiter», erklärt McDonald.

Die ewige Frage nach dem Urheberrecht

KI-Musik-Generatoren können nur gute Resultate ausspucken, wenn sie mit bestehender Musik trainiert werden. Anders formuliert: Eddie Dalton kann nur wie ein alter Bluesmusiker klingen, weil die KI vom Sound realer Bluesmusiker gelernt hat. Solche KI-Trainingsdaten stammen oft aus urheberrechtlich geschützter Musik, wobei die Rechteinhaber bis anhin weder gefragt noch entlöhnt werden.

Während die grossen Labels in den Anfängen noch versuchten, KI-Musikplattformen zu verbieten, kam es im November 2025 zu einem Schulterschluss, der den Weg für die ersten «lizenzierten» KI-Plattformen ebnen soll. Im Februar kündigte Sony an, man habe ein Tool entwickelt, das sichtbar mache, welche Originalmusik in KI-Songs stecke und welche Werke zum Training genutzt wurden.

Grundsätzlich ist das Erkennen von KI-generierten Inhalten bei hoher Generierungsqualität nicht mehr zuverlässig möglich.
Autor: Dr. Imanol Schlág Dozent am Departement Informatik (ETH)

Gelingt das, könnten Rechteinhaber künftig ihre finanziellen und urheberrechtlichen Ansprüche besser durchsetzen. Doch Imanol Schlág von der ETH Zürich zeigt sich skeptisch. «Grundsätzlich ist das Erkennen von KI-generierten Inhalten bei hoher Generierungsqualität nicht mehr zuverlässig möglich.» Was funktioniere, sei das Erkennen von Wasserzeichen, welche einige KI-Generatoren bewusst einbauen. Allerdings machen das nicht alle Anbieter.

KI-Musik ist bereits überall

KI-generierte Musik ist in unserem Alltag omnipräsent. Einige Schweizer Privatradios experimentieren im Nachtprogramm aus Spargründen mit KI-generierten Songs. In Werbefilmen, Low-Budget-Filmproduktionen sowie bei Content für Social Media wird aus Kosten- und Effizienzgründen ebenfalls vermehrt auf KI-Klänge gesetzt. Auch in der Schweiz bieten diverse Agenturen und Unternehmen KI-generierte Jingles, Werbesongs und sogenannte Mood Musik an.

Die grossen Verlierer sind Musiker und Musikerinnen, denn ihnen kommen Aufträge abhanden. Eine internationale Studie sagt voraus, dass Musikschaffende bis 2028 einen Viertel ihres Einkommens verlieren werden, falls sich nichts an den Rahmenbedingungen ändert.

«Musik und Kunst sollten nicht einfach sein»

Doch es gibt einen Hoffnungsschimmer am Horizont. Zum einen professionalisiert die Musikindustrie aktuell ihren Umgang mit KI und Urheberrechten. Zum anderen arbeitet die Politik daran, der Wildwest-Phase ein Ende zu setzen. So verschärft die EU aktuell mit dem «AI Act» ihre Regeln zu KI‑Training und Urheberrecht.

In der Schweiz arbeitet der Bund an einer Vernehmlassung, die Transparenz, Datenschutz und Aufsicht regelt. Diese sollte bis Ende Jahr vorliegen. Ziel ist es, Kreative besser zu schützen und KI-Anbietern klare Grenzen zu setzen.

Gleichzeitig hat kreatives Arbeiten auch im Zeitalter von Algorithmen weiterhin Bestand. Denn Musik entsteht nicht alleine durch Effizienz, sondern auch durch den Schaffensprozess.

Musik und Kunst sollten nicht einfach sein. Sobald sie es werden, verlieren sie ihren Sinn.
Autor: Damon Albarn Musiker

Darauf verweist der britische Musiker Damon Albarn im Interview mit The Needle Drop: «Musik und Kunst sollten nicht einfach sein. Sobald sie es werden, verlieren sie ihren Sinn. Es sind gewissermassen die Dinge, die man nicht sieht oder hört, die Kunst ausmachen.»

Die Debatten gehen weiter

Hörerinnen und Hörer spürten diesen Weg intuitiv, den ein Künstler zurücklege, sagt Albarn. Laut der Studie von Deezer bevorzugt die Mehrheit tatsächlich weiterhin menschliche Musik, der sie mehr Kreativität und Authentizität zuschreibt – selbst wenn KI‑Songs oft kaum zu erkennen sind.

Die Entwicklung zeigt, wie rasant KI die Musikbranche verändert – und wie dringend es klare Regeln braucht. Während Technik und Geschäftsmodelle weiter vorpreschen, versuchen Industrie, Kreativschaffende und Politik aufzuholen. Klar ist einzig: Die Frage, wie viel Mensch in der Musik steckt und stecken darf, wird uns noch lange beschäftigen.

SRF2 Kultur, Kulturplatz-Talk, 16.4.26, 9:05 Uhr

Meistgelesene Artikel