Miles Davis war ein Innovator, der nie stehen blieb. Rastlos war er dennoch nicht. Er erforschte in aller Ruhe Trends und wartete auf den richtigen Moment für den nächsten Schritt. In seinen Bandprojekten folgte er der Intuition. Ohne sich zu versteifen, blieb er offen für fremde Ideen – Musik als Experiment, das Scheitern stets greifbar.
Jahrzehntelang stand der Trompeter so an der Spitze der US-amerikanischen Musik und stellte Weichen für die Zukunft. Als kreativer Vordenker bleibt er wichtig, auch 100 Jahre nach seiner Geburt.
Miles Davis wird am 26. Mai 1926 in eine Familie der privilegierten afroamerikanischen Mittelschicht geboren. Früh erhält er Trompetenunterricht und taucht als Jugendlicher ein in die lokale Jazz- und Bluesszene. So lernt er Charlie Parker kennen. 18-jährig folgt Davis dem Saxofonisten nach New York in eine Bewegung, die ihr Publikum von der Tanzfläche weg und zum Zuhören bringen will: Bebop.
Abends spielt er also Jazz in den Clubs der Fifty Second Street, tagsüber studiert er klassische Musik. Die Ausbildung gibt er allerdings bald auf, um als Bandleader seine musikalische Vision zu verfolgen. Schon sein frühes Album «Birth of the Cool» von 1957 zeigt seine experimentelle Arbeitsweise.
Davis verbindet Bebop mit Swing und Einflüssen der europäischen Klassik. Dunkel leuchtende, elegante Klangwelten entstehen – ein Gegenentwurf zum fiebrigen Bebop.
Der österreichische Trompeter Thomas Gansch verfolgt Miles Davis’ Schaffen sehr genau. Er attestiert ihm weniger einen ambitionierten Drang nach vorn als vielmehr ein intensives Verweilen im Jetzt: «Es war für ihn immer nur das, was heute war, interessant. Er hat sich schon nicht mehr für die Musik von gestern interessiert. Er wollte nie irgendwas reproduzieren.»
«Forscher des Klangs»
Grundsätzlich neugierig, saugt Miles Davis verschiedenste Einflüsse auf – von bildender Kunst über klassische Musik bis Blues. Das ist typisch für sehr kreative Personen: der weite Horizont, und dass sie so breit gefächerte Interessen verfolgen.
Auch in seinen Bands berücksichtigt Miles Davis verschiedene Extreme: «Er hat da widersprüchliche Charaktere mit unterschiedlichen Perspektiven zusammengebracht», sagt die Psychologin und Neurowissenschaftlerin Teresa Wenhart. Seine Arbeitsweise erinnert sie an ein Labor, wo verschiedene Reagenzien blubbernd aufeinander reagieren; Miles Davis selbst beschrieb sich als «Forscher des Klangs».
Mut zur Unsicherheit
In seinem musikalischen Labor schafft Davis ideale Bedingungen für Neues. Angenehm sind diese nicht immer. Als Bandleader gibt er seinen Musikern nur minimale Vorgaben. Studiozeiten hält er knapp, Proben kurz, Arrangements bestehen häufig nur aus Skizzen.
Für Kreativität sind Chaos und Unsicherheit ideale Voraussetzungen, denn sie werfen die Musiker auf sich selbst zurück, erklärt Teresa Wenhart: «Am ehesten geraten wir in den Flow, wenn eine Aufgabe unsere Fähigkeiten leicht übersteigt, aber dennoch immer noch bewältigbar ist. Gleichzeitig sollte die Aufgabe zeitnah ein Ziel haben – und ein Feedback erreichbar sein.» Dafür sorgt Bandleader Davis. In seinen ergebnisoffenen Prozessen vertraut er auf sein Bauchgefühl.
«Er hatte eine unheimliche Menschenkenntnis», sagt Thomas Gansch, «eine Intuition, welche Menschen er zusammenbringen musste. Und wenn er die richtigen Leute hatte, dann liess er sie einfach frei. Dann wurde direkt ein ganzes Konzert gespielt und das war dann unter Umständen legendär.»
Kollektive Kreativität
Miles Davis wählte seine Mitmusiker sorgfältig aus, gab danach aber die Kontrolle ab. Fehler waren in seinem Labor erlaubt – eine Chance gar. Besonders gern setzte er auf junge, hochtalentierte Musiker.
Ihnen gab er die Möglichkeit, bei ihm zu reifen, wie es der US-Bassist Christian McBride sagt: «Wenn man eine grossartige Führungspersönlichkeit ist, hat man das Selbstvertrauen, nicht die ganze Zeit selbst im Rampenlicht stehen zu müssen. Viele Bandleader fragen sich: Was ist die beste Band, die ich für meinen eigenen Zweck zusammenstellen kann? Miles Davis hingegen hatte die Fähigkeit, das Gesamtbild zu sehen.»
Christian McBride ist mit seinem Geschichtsbewusstsein das Gedächtnis der aktuellen afroamerikanischen Jazzcommunity. Miles Davis ist für ihn eine aussergewöhnliche Führungsfigur, weil er «ein sicheres Gespür dafür hatte, jeweils die besten Musiker seiner Zeit zusammenzubringen – und ihnen Raum gab zum Glänzen». Als grosser Leader habe er viele weitere grosse Leader hervorgebracht, so McBride.
In dieser prozessorientierten Bandarbeit zeigt sich, wie sehr Miles Davis bereit war, anderen zu vertrauen. Diese Offenheit sei bemerkenswert, sagt Teresa Wenhart, gerade angesichts seiner prägenden Erfahrungen mit rassistischer Gewalt und einer Erziehung, die Misstrauen eher förderte.
Im Alltags- und Privatleben war Miles Davis denn auch viel zurückhaltender. Für die Psychologin zeigt sich darin seine kreative Persönlichkeit besonders stark: Trotz biografischer Brüche sei es ihm gelungen, zumindest im geschützten Bereich der Kunst offen und risikofreudig zu bleiben. Vielleicht im Wissen: Wer ständig sein Umfeld und sich selbst bewertet, blockiert sich selbst. Wer hingegen zulässt, was entsteht, öffnet sich für Neues.
Innere Freiheit
Miles Davis traf seine Entscheidungen unabhängig von der Meinung anderer und vertraute den eigenen Ideen. Diese Verbindung von Offenheit und Unabhängigkeit ist laut Wenhart eine grundlegende Voraussetzung für Kreativität. Entscheidend seien ausserdem Pausen. Gerade beim «Mind Wandering», beim Tagträumen, entstünden die besten Ideen.
Miles Davis blieb über Jahrzehnte prägend, weil er Stilwechsel nicht als Risiko, sondern als Notwendigkeit verstand. Vom Cool Jazz über modale Konzepte bis zu elektrischen Fusion-Projekten suchte er ständig neue Ausdrucksformen. Statt Bekanntes zu wiederholen, stellte er sich immer wieder Situationen, deren Ausgang offen war. Genau diese Haltung macht den Trompeter und Bandleader bis heute zu einem Vorbild, weit über den Jazz hinaus.