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Pulverdampf um die E-Zigarette (1/2)
Aus Kopf voran vom 04.06.2021.
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E-Zigaretten Vaping: Viel Rauch um nichts?

Um das Image der Dampf-Zigaretten steht es nicht zum besten. Zu Recht?

Die Nachrichten sorgten auch hierzulande für Nervosität: Im Spätsommer 2019 tauchte in den USA quasi über Nacht eine bedrohliche Lungenkrankheit auf, die vor allem Jugendliche traf. Sie wurden innert Tagen schwer krank, konnten nicht mehr richtig atmen, einige verstarben.

All diese Jugendlichen hatten E-Zigaretten konsumiert – ein elektronisches Gerät, bei dem eine Flüssigkeit verdampft wird, ein sogenanntes Liquid. Das «Dampfen» galt bis dahin als ziemlich harmlos, harmloser jedenfalls als normale Zigaretten. Ende 2019 zählte die rätselhafte Epidemie 2800 Erkrankte und 70 Tote.

«Absolut fatal»

Inzwischen ist geklärt, wie es zu den Vorfällen kam. In den USA waren E-Zigaretten auf dem illegalen Markt mit Cannabis-Öl versetzt und dieses mit Vitamin-E-Azetat gestreckt worden. Manche Jugendliche manipulierten die Elektro-Dampfgeräte auch selbst mit diesen Stoffen.

«Das war absolut fatal», sagt Reto Auer, Professor für Hausarztmedizin in Bern und auf Suchtkrankheiten spezialisiert: «Wenn Vitamin-E-Azetat erhitzt wird, produziert es einen Stoff – Keten –, der extrem giftig ist für die Lunge. Den Jugendlichen hat es dadurch die Lungen regelrecht verätzt.»

E-Zigarette ist nicht gleich E-Zigarette

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Mit dem Begriff E-Zigarette ist in der Regel ein Gerät gemeint, bei dem mit Hilfe einer Stromquelle eine Flüssigkeit verdampft wird. Aber auch die sogenannten Tabakerhitzer laufen unter E-Zigaretten.

Diese verdampfen keine Flüssigkeit, sondern erhitzen – ebenfalls elektrisch – Tabak auf 220 bis 330 Grad. Eine normale Zigarette wird beim Verbrennen zirka 700 bis 800 Grad heiss.

Einer der bekanntesten Tabakerhitzer ist IQOS von Philip Morris. Das Produkt ist in der Schweiz entwickelt worden. IQOS hat sich nach seiner Lancierung 2019, just nach dem E-Dampfer-Skandal in den USA, rasch auf dem Markt etablieren können.

Philip Morris bewirbt IQOS als «gesunde Alternative zur herkömmlichen Zigarette». Allerdings werden auch beim Tabakerhitzen Giftstoffe freigesetzt – die gleichen wie beim Verbrennen, wenn auch in geringerer Menge.

Auswirkungen nicht ausreichend erforscht

In Europa gab es kaum Fälle von Lungenschäden durch E-Zigaretten, in der Schweiz keinen einzigen. «Diese Epidemie blieb auf die USA beschränkt», bilanziert Reto Auer.

Trotzdem ist der Ruf der E-Zigarette als gesündere Alternative zum Rauchen dahin. Die Lungenärztinnen und -ärzte etwa – gegenüber dem «Dampfen» schon seit jeher skeptisch eingestellt – warnen noch eindringlicher als zuvor.

Denn die Liquids, bestehend aus den Lebensmittelstoffen Propylenglycol und Glycerin, erzeugten beim Dampfen krebserregende Stoffe. Die Lungenliga Schweiz etwa rät vom Konsum ab, «da die gesundheitlichen Auswirkungen bisher nicht ausreichend wissenschaftlich erforscht sind».

Die E-Zigarette, eine Einstiegsdroge?

Und noch ein anderes Narrativ hat sich zum schlechten Ruf der E-Zigarette dazugesellt: Das Dampfen, so behaupten Lungenliga wie auch manche Politikerinnen, führe in die Nikotinsucht; E-Zigaretten seien das Einfallstor, das «bei Minderjährigen den Einstieg ins Rauchen erleichtert.» Was ist dran an den Vorwürfen?

Reto Auer kennt sich in der Schweiz wissenschaftlich wahrscheinlich am besten aus mit E-Dampfern. Der ehemalige Raucher, jugendliche Gelegenheitskiffer und heutige Medizinprofessor war an zahllosen Studien beteiligt, in denen die Inhaltsstoffe von E-Zigaretten untersucht wurden.

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Wie schädlich sind E-Zigaretten?
Aus Tagesschau vom 07.09.2019.
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Reto Auer gibt zu: Die Inhaltsstoffe von E-Dampfern seien zwar nicht harmlos und teilweise tatsächlich krebserregend. Doch in der Bilanz des Berner Suchtspezialisten zählt vor allem der Vergleich mit der normalen Zigarette: «Von 1000 Personen, die rauchen, stirbt die Hälfte, also 500 Personen, an den Folgen der Tabaksucht. Bei den E-Dampfern sterben zwischen 0 und 50 auf 1000 Personen. Das Dampfen ist also mindestens zehnmal weniger gefährlich.»

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E-Zigarette – Ausstiegshilfe oder Einstiegsdroge?
Aus Puls vom 04.03.2019.
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Auch den Vorwurf, das Dampfen sei eine Einstiegsdroge in die Nikotinsucht und verführe letztlich zum Rauchen, lässt Reto Auer so nicht gelten. Diese Vorstellung beruhe auf einer veralteten Theorie aus den 1970er-Jahren: der sogenannten Gateway-Theory; «gateway» bedeutet Zugang, Portal oder Einfallstor.

«Damals wurde behauptet, wer einmal Cannabis probiere, werde über kurz oder lang heroinsüchtig und lande an der Nadel», erklärt Reto Auer. So hätten auch die Behörden ihre «Say-no-to-drugs»-Kampagne begründet.

Doch inzwischen wisse man, dass das falsch sei: «Risiken einzugehen und Substanzen auszuprobieren gehört zum Flüggewerden von Jugendlichen dazu. Die allermeisten hören später mit Drogen wieder auf, nur ein kleiner Teil wird süchtig.»

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E-Zigaretten gelten als coole Alternativen
Aus 10 vor 10 vom 28.03.2019.
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Beim Dampfen sei es ähnlich: Es gebe zwar Studien, die den Zusammenhang belegen, dass jugendliche Dampfer später zur Zigarette greifen. «Doch diese Studien verwechseln Korrelation und Kausalität – sie beweisen nicht, dass Dampfen zum Rauchen führt», sagt Reto Auer.

Hingegen hätten die Daten von 80'000 Jugendlichen des National Youth Tobacco Survey in den USA gezeigt, dass weniger als ein Prozent der Jugendlichen wegen der E-Zigarette mit Rauchen begonnen hätten. Anders gesagt: «Die allermeisten Raucher beginnen zu rauchen, egal ob sie früher gedampft haben oder nicht», so Reto Auer.

Das Nikotin-Dilemma

Trotzdem: «Das Nikotin in E-Zigaretten ist ein Problem. Es kann Jugendliche tatsächlich süchtig machen», sagt Auer. Doch der Umgang mit dem Nervengift – denn nichts anderes als das ist Nikotin – in den E-Zigaretten bringt Reto Auer in ein Dilemma: «Wir müssen einerseits unbedingt vermeiden, dass Jugendliche nikotinsüchtig werden. Gleichzeitig braucht es das Nikotin in den E-Dampfern, damit wir Rauchern eine wirksame Ausstiegshilfe anbieten können.»

Ob sich das «Dampfen» zum Rauchstopp eignet, ist umstritten. Die Lungenliga etwa empfiehlt es nicht. Jedoch haben mehrere Studien gezeigt, dass E-Zigaretten tatsächlich helfen können, vom Rauchen wegzukommen – nachhaltiger als herkömmliche Mittel wie Nikotinpflaster, Kaugummi oder Spray.

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Den Rauchstopp schaffen
Aus GESUNDHEITHEUTE vom 25.07.2015.
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Auch das Berner Institut für Hausarztmedizin hat unter der Leitung von Reto Auer eine Untersuchung mit 1400 Teilnehmenden am Laufen. Die bisherigen Resultate seien sehr positiv.

Doch wie löst Reto Auer sein Nikotin-Dilemma? «Man soll aufhören, für Nikotin Werbung zu machen – und man soll an Jugendliche keine nikotinhaltigen Liquids verkaufen», sagt er. Dass Jugendliche das E-Dampfen ausprobieren wollen, kann der Mediziner nachvollziehen. Am gesündesten sei immer noch das Nicht-Rauchen.

Sendung: Radio SRF 2 Kultur, Wissenschaftsmagazin, 19.6.2021, 12:25 Uhr

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17 Kommentare

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  • Kommentar von Esther Berner-Berner  (Esther Berner-Berner)
    Danke für diesen Artikel. Endlich sprucht mal eine Fachperson in der Schweiz Klartext und bekennt sich zu den Vorteilen des Dampfens. Ich bin nach jahrzehntelangem Zigarettenkonsum vor drei Jahren umgestiegen, dampfe heute mit einem Minimum an Nikotin znd mein früheres Suchtverhalten hat sich praktisch verflüchtigt. Für mich ist es eine Erfolgsgeschichte.
    1. Antwort von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
      Erfolgsgeschichte? Wenn man immer noch abhängig ist von hoch giftige Nikotin? Unter Erfolgsgeschichte verstehe ich ich etwas ganz anderes. Habe selber 32 Jahre schwer geraucht. Heute brauche ich nichts mehr. Auch keine giftige Ersatz.
    2. Antwort von Uwe Karbaum  (Fugazi)
      Mir geht es ähnlich. 35 Jahre geraucht, 4 ernstzunehmende, aber leider erfolglose, Versuche unternommen, um aufzuhören. Seit 3 Jahren keine herkömmliche Zigarette mehr angefasst. In der Suchtmedzin ist das Prinzip der Substitution zum Zwecke der Schadensminimierung mittlerweile völlig etabliert - mit Ausnahme der E - Zigarette. Warum? Vermutlich, weil weder der Staat, noch die Pharma - Industrie daran verdienen.

      Bitte jetzt nachdenken ;-)
  • Kommentar von Konrad Pfister  (Konrad Pfister)
    Und die Lächerlichkeit, an so einem Apparat zu saugen?
    1. Antwort von Esther Berner-Berner  (Esther Berner-Berner)
      Saugen/ziehen hat etwas Entspannendes, ich als Dampferin empfinde es absolut nicht als lächerlich.
    2. Antwort von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
      Das denke ich auch immer wieder wenn man jemand mit so ein Ding sieht, und danach wie eine Dampflok ähnlich sieht verschwinden hinter seine Rauch Wolke.
  • Kommentar von René Balli  (René Balli)
    Hat man bei Zigaretten und Tabak auch so ein Tam Tam gemacht wie bei den E-Zigaretten? Es geht hier wohl mehr um das Geschäft als um Gesundheit, anders ist die ungleiche Behandlung verschiedener Drogen nicht zu erklären. Wieviele Menschen sterben an den Folgen von Übergewicht und gleichzeitig wird der Zucker staatlich subventioniert. Halb Bundesbern wehrt sich gegen die Senkung des Zuckergehalts in Süssgetränken. Sobald es um Genussmittel und Drogen geht, werden sehr viele Tatsachen verdreht!
    1. Antwort von Adrian Meyer  (Sapient)
      Ist wissenschaftlich erwiesen, dass der Konsum von Zucker tötet? Meines Wissens ist die Evidenz dafür deutlich dünner als beim Rauchen.
    2. Antwort von Pascal Ringenbach  (stuhlflechter)
      @ Sapient : Eine Zigarette bringt niemanden um, wenn man/frau/div. aber tagtäglich mehrere Zigaretten raucht sehr wohl! Das gleiche gilt für Zucker*, tagtäglich zu viel Zucker führt zu einer viel zahl von Krankheiten. Für das eine wird halt in Bern erfolgreicher lobbiert als für das andere.
    3. Antwort von Bruno Wagner  (bruwag)
      Grundsätzlich sterben Menschen am Herzstillstand. Nachträglich wird der Tod in verschiedenen Ursachen zu-/eingeteilt. So entsteht, wie bei vielen anderen Ereignissen usw. eine Statistik.
    4. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Zucker ist kein Nervengift und es gibt evolutionäre Gründe wieso viele Pflanzen- und Allesfresser süsse Nahrung bevorzugen. Ich habe dies in einem Kommentar ausführlicher beschrieben aber Wissen verstösst manchmal offenbar gegen die Regeln.
    5. Antwort von Jeanôt Cohen  (Jeanot)
      Es ist völlig sinnlos gewissen Produkten gegen einander auszuspielen, oder zu vergleichen.