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Organspende: Was bringt die Widerspruchslösung?
Aus Echo der Zeit vom 19.04.2022.
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Neues Transplantationsgesetz Bringt die «vermutete Zustimmung» mehr Organspenden?

Der Wechsel von der Zustimmungs- zur erweiterten Widerspruchslösung ist umstritten. Ebenso, ob es so mehr Organspenden geben wird. Das Volk entscheidet am 15. Mai.

Organe spenden? In Befragungen ist es mehrheitlich ein Ja, am Spitalbett dann aber meist ein Nein: In über 60 Prozent der Fälle entscheiden die Angehörigen gegen die Entnahme der Organe, weil sie den Willen der verstorbenen Person nicht kennen.

Neu: die «vermutete Zustimmung»

Hier setzt das revidierte Transplantationsgesetz an. Die Berner SP-Nationalrätin Flavia Wasserfallen vom Ja-Komitee erklärt: «Wir sind der Meinung, dass es einen psychologischen Unterschied macht, wenn wir von einer vermuteten Zustimmung ausgehen. So sollte die Ablehnungsrate gesenkt werden können.» Eine tiefere Ablehnungsrate würde entsprechend mehr Spende-Organe bedeuten.

Doch auf der Gegenseite kontert Alex Frei, Arzt und Co-Präsident des Nein-Komitees: «Der wissenschaftliche Beweis, dass die Widerspruchsregelung zu einer höheren Spenderate führt, konnte bis heute nicht erbracht werden.»

Der wissenschaftliche Beweis, dass die Widerspruchsregelung zu einer höheren Spenderate führt, konnte bis heute nicht erbracht werden.
Autor: Alex Frei Nein-Komitee, Arzt

«Hinweise» auf positiven Effekt

Das zeigen auch Studien im Auftrag des Bundes. Eine dieser Untersuchungen erkennt lediglich «Hinweise», dass das Widerspruchsmodell die Spenderate positiv beeinflussen könnte.

Gesundheitspolitikerin Wasserfallen betont, dass eine eindeutige Korrelation von Widerspruchsmodell und Spenderate nie behauptet worden sei: «Aber die Willensäusserung ist ein  wichtiges Puzzle-Teil, wenn es um die Organspende geht.»

Die Willensäusserung ist ein  wichtiges Puzzle-Teil, wenn es um die Organspende geht.
Autor: Flavia Wasserfallen Pro-Komitee, Nationalrätin SP/BE

Der Blick ins europäische Ausland zeigt: Die Länder mit den höchsten Spenderaten – Spanien, Frankreich und Italien – haben zwar eine Widerspruchslösung, doch vergleichen lassen sich die Gegebenheiten nicht. Auch das zeigen die Daten, die der Bund zusammengetragen hat.

Ethikerin Ruth Baumann-Hölzle befasst sich seit langem mit dem Thema. Am Beispiel Spanien mit den höchsten Spendenraten in Europa erklärt sie, was oft unerwähnt bleibt: «So gibt es etwa finanzielle Anreize fürs Spitalpersonal, wenn es Spenderinnen und Spender identifiziert.  Ebenso wird bei der Zertifizierung berücksichtigt, wenn ein Spital Organentnahmen durchführt.»

Grundlegende Einwände gegen Widerspruchslösung

Die Ethikerin lehnt die Widerspruchslösung ab und engagiert sich im Gegenkomitee. Ihre Einwände sind grundlegend und staatspolitisch: «Normalerweise gehen wir davon aus, dass Menschen gefragt werden müssen, wenn man von ihnen etwas will oder etwas von ihnen nimmt. Gerade am Lebensende – urteilsunfähig auf einer Intensivstation – soll das alles nicht mehr gelten. Das ist schon sehr stossend.»

Für das Nein-Komitee gefährdet die erweiterte Widerspruchslösung das Recht auf Unversehrtheit des Körpers, wie es die Bundesverfassung garantiert: «Das Hauptproblem dabei ist, dass man in Kauf nimmt, dass Menschen Organe entnommen werden, die das unter Umständen nicht gewollt hätten.»

Man nimmt in Kauf nimmt, dass Menschen Organe entnommen werden, die das unter Umständen nicht gewollt hätten.
Autor: Ruth Baumann-Hölzle Ethikerin

Die Schweizerische Akademie der Medizinischen Wissenschaften (SAMW) hält entgegen, dass die Persönlichkeitsrechte bestmöglich gewahrt würden und die Grundrechte durch den Paradigmenwechsel nicht gefährdet seien: Fehle der persönliche Entscheid einer verstorbenen Person und könnten Angehörige nicht erreicht werden, dürften die Organe nicht entnommen werden.

Der Wechsel von der Zuspruchs- zur Widerspruchslösung bringt also nicht mit Sicherheit mehr Spendenorgane. Ob es dazu ein Ja oder ein Nein gibt, entscheidet die Stimmbevölkerung am 15. Mai.

Das soll im Transplantationsgesetz ändern:

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Bei der Organspende gilt in der Schweiz aktuell die sogenannte Zustimmungslösung: Eine Transplantation ist nur dann möglich, wenn der oder die Verstorbene der Spende zu Lebzeiten zugestimmt hat. Bundesrat und Parlament schlagen nun einen Strategiewechsel vor: weg von der Zustimmungs- hin zur Widerspruchslösung.

Liegt kein dokumentierter Wille vor, wird davon ausgegangen, dass die Person grundsätzlich mit der Organspende einverstanden ist. Angehörige können eine Transplantation ablehnen. Sind diese nicht erreichbar, dürfen keine Organe entnommen werden. Um den Willen einfach, sicher und datenschutzkonform festzuhalten, wird der Bund ein neues Register schaffen.

Echo der Zeit, 19.04.2022, 18:00 Uhr

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52 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Community
    Vielen Dank fürs Mitdiskutieren. Wir schliessen an dieser Stelle die Kommentarspalte und wünschen einen schönen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Maria Müller  (Mmueller)
    Das Thema zeigt auch, wie sehr die Gesellschaft auf Spendenorgane aus Tieren/Xenotransplantate angewiesen ist. (Bzw. sein wird.)

    Auch wenn die Forschung diesbezügl. noch in den Kinderschuhen steckt, früher oder später wird es wohl breit anwendbar sein. (Z.B. ein Herz von einem Schwein zu transplantieren u.ae.)
    Organe sind ja jetzt schon händeringend gesuchte Mangelware.
  • Kommentar von Korina Graf  (Kory)
    Für mich ist nach wie vor die Aufklärung bei einem so wichtigen Vorgang der Organspende das essenzielle. Und das ist für mich nach wie vor nicht gegeben.
    1. Antwort von Beatrice John  (Bj)
      Welchen konkreten Weg zur Aufklärung sehen Sie Frau Graf.