Die Zahlen sprechen für sich: Im Vereinigten Königreich haben sich die Verhaftungen von Personen, die sich in Flugzeugen daneben benehmen, in den letzten Jahren verdreifacht. Mehr als die Hälfte der britischen Reisenden gibt an, Zeuge von Schlägereien während eines Flugs geworden zu sein.
«Ich habe alles gesehen! Leute, die die Bordküche mit der Toilette verwechseln oder Koks-Linien auf den Klapptischen», berichtet die ehemalige Flugbegleiterin Lolly Hart in einem Dokumentarfilm, den das Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS) ausgestrahlt hat.
Fachleute sehen die Wurzeln des Phänomens darin, dass der Luftverkehr erschwinglich und damit massentauglich geworden ist. Gewisse Flüge nach Europa kosten heute weniger als 20 Franken.
Auch die Flughäfen haben ihr Geschäftsmodell verändert: Sie erlassen Billig-Airlines teilweise die Nutzungsgebühren – Gewinn machen sie mit den Ausgaben der Passagiere in den Geschäften.
Fluggäste geben im Durchschnitt pro Kopf 190 Franken im Duty-free aus. Alkohol macht einen wichtigen Teil dieser Einkäufe aus. Und weil viele Billigflüge vor Mittag abheben, beginnen die Ferien oft frühmorgens an der Flughafenbar. In Grossbritannien spreche man vom «5am-Pint», sagt der Journalist Simon Calder, der auf Luftfahrt spezialisiert ist.
Und an Bord geht es weiter: Die Passagiere öffnen die Flaschen, die sie im Duty-free gekauft haben, und trinken sie während des Flugs.
Jodie Hampson erlebte 2024 mit ihrer Familie einen Albtraumflug zwischen Antalya und Leeds-Bradford, auf dem es zu einer Schlägerei zwischen zwei betrunkenen Passagieren kam.
Ein Albtraumflug – und was die Folgen sein können
«Es war unglaublich gewalttätig. Die Kinder schrien, die Frauen kreischten», erzählt Jodie. Die Schlägerei dauerte fünf Minuten. Die Folge: Eine ausserplanmässige Zwischenlandung in Bulgarien.
Ein juristisches und finanzielles Kopfzerbrechen
Die beiden Gewalttäter auf Jodie Hampsons Flug wurden von der Fluggesellschaft Jet2 auf Lebenszeit ausgeschlossen. Doch das Luftrecht erschwert die Strafverfolgung in solchen Situationen. Ein Flug kann nämlich mehreren Rechtsprechungen unterliegen: Abflugs-, Ankunfts-, Umleitungsland und Registrierungsland der Fluggesellschaft.
Es fühlt sich an, als arbeite man gleichzeitig als Crewmitglied und als Türsteher.
Umleitungen sind auch teuer: Im April 2024 forderte Ryanair von einem Passagier, der eine Zwischenlandung verursacht hatte, fast 14'500 Franken für den zusätzlichen Treibstoff und das Hotel für die anderen Reisenden.
Es ist nicht nur der Alkohol. Ryanair-CEO Michael O’Leary habe ihm einmal gesagt: «Früher betranken sie sich und schliefen dann ein, aber heute nehmen sie dazu noch Medikamente und Drogen», erzählt Luftfahrt-Journalist Simon Calder.
Ryanair verzeichnet inzwischen einen tätlichen Angriff pro Woche. Die Internationale Luftfahrtvereinigung IATA zählt einen Zwischenfall pro 500 Flüge, die Zahl nimmt stark zu.
«Es fühlt sich an, als arbeite man gleichzeitig als Crewmitglied und als Türsteher», sagt Lolly Hart.