Die meisten jungen Menschen, die den Kanton verlassen, tun dies, um zu studieren. Aber nur die Hälfte von ihnen kehrt zum Arbeiten ins Tessin zurück – ein Problem, das schon «zu viele Jahre andauere», findet der Ökonom und Unternehmer Ivano Dandrea.
«Das, was im Tessin passiert, ist, dass uns die Demografie aus den Händen gleitet», betont Dandrea. Einerseits sei die Zahl der Geburten rückläufig und damit auch die der Studierenden. Andererseits gebe es die grosse Zahl von Menschen, die aus dem Rest der Schweiz ins Tessin kämen, um hier ihren Lebensabend zu verbringen. Das Resultat sei «eine Gesellschaft, die sich von unten her entleert».
Was Regierungsrat Christian Vitta von der Abwanderung hält:
Dandrea folgert daraus: «Wir müssen alle Kräfte darauf konzentrieren, den jungen Menschen bei ihrem Einstieg in die Elternschaft, aber auch in die Arbeitswelt zu helfen.» Je mehr junge Menschen in einer Wirtschaft beschäftigt seien, desto innovativer sei sie. «Wir sehen das in Städten wie Zürich. Gelingt es, junge Menschen in die Unternehmen zu bringen, begünstigt das Innovation. Es entsteht das, was die Psychologen fluide Intelligenz nennen, das heisst die Fähigkeit, Probleme zu lösen, sich auch an neue Technologien anzupassen.»
Bankgeheimnis wird vermisst
Für den Tessiner Regierungsrat Christian Vitta gehört die Auswanderung zur Geschichte des Kantons. «Der junge Mensch, der für Studien weggeht oder um eine Sprache zu lernen, also aus persönlicher Entscheidung, ist an sich kein Problem», erklärt Vitta. «Problematisch kann hingegen der Fall jenes jungen Menschen sein, der weggeht, weil er hier keine Arbeit findet.»
Eine wichtige Rolle spielten dabei die Löhne. Nördlich der Alpen sind sie tendenziell höher. Der Politiker appelliert an die Ethik der Unternehmer. «Wir brauchen Unternehmer, die die Arbeit als solche zu schätzen wissen, mit einer gerechten Entlöhnung. Es gibt Unternehmer, die diesen Aspekt pflegen, andere hingegen spekulieren, und das schadet der Region.»
Ein harter Schlag sei fürs Tessin der Wegfall des Bankgeheimnisses gewesen, betont der Regierungsrat. Es habe fürs Tessin «eine Verarmung bedeutet, weil der Finanzsektor gut bezahlte Arbeitsplätze über dem Durchschnitt bot».
«Machtkonzentration» bei den Älteren
Fürs Tessin gehe es um mehr als einfach die Jungen zurückzuholen, die den Kanton verlassen haben, findet Barbara Antonioli Mantegazzini, Wirtschaftsprofessorin an der Fachhochschule der Südschweiz. Das Tessin müsse «generell ein Kanton sein, der Menschen mit Ausbildung anzieht, die sich niederlassen wolle». Dafür brauche es eine «Politik zur Anwerbung von Talenten».
Die Professorin nennt das Beispiel der nordischen Länder, die «Ausbildungen auch ausserhalb des eigenen Landes finanzieren, an Spitzenuniversitäten, unter der Bedingung, dass die Studierenden nach Erlangen des Abschlusses zurückkehren». Eine weitere denkbare Massnahme seien Erleichterungen für den Erwerb von Wohnungen.
Wolle das Tessin die Wende schaffen, brauche es ein Umdenken in der Politik, findet der Ökonom und Unternehmer Dandrea. Die Jugend müsse wieder ins Zentrum zu rücken. Er gibt sich diesbezüglich allerdings wenig optimistisch: «Ich muss leider sagen, dass die Machtkonzentration in den Händen der Älteren in der Politik nicht hilft, weil offensichtlich alle Ressourcen in die Welt der Älteren fliessen.»