Diese bedrückende Geschichte beginnt 2021. Auf dem Handy eines Mannes aus dem Kanton Waadt findet die Kantonspolizei fast 800 Nachrichten, die er mit Menschen auf den Philippinen ausgetauscht hat. Der Mann bezahlte Familien dafür, dass sie Kinder live vor der Webcam missbrauchten. Er schaute dabei zu und gab ihnen Anweisungen.
Aufgeflogen sind die Livestream-Missbräuche des Mannes durch Zufall: Die Behörden ermittelten gegen ihn wegen sexueller Handlungen mit einem vierjährigen Waadtländer Mädchen. 2024 wurde er wegen sexueller Handlungen mit Kindern zu zehn Jahren Gefängnis verurteilt.
Teil 1: Der Waadtländer Fall
Die Waadtländer Behörden gehen von rund 30 Opfern auf den Philippinen aus. Ein entsprechendes Rechtshilfegesuch sei jedoch bis heute unbeantwortet geblieben, sagt die Staatsanwaltschaft gegenüber dem Westschweizer Radio und Fernsehen (RTS).
Um mehr über die Opfer des Schweizers herauszufinden, hat ein Team von RTS vor Ort recherchiert – und ist dort in einer Zufluchtsstätte auf mehrere Kinder gestossen, die von einem anderen Schweizer Pädophilen aus dem Kanton Aargau via Livestream missbraucht wurden.
Teil 2: In der Zufluchtsstätte der Opfer
«Wir waren am Spielen», erzählt eines der Mädchen, das damals 8 Jahre alt war. «Mein Onkel rief mich in sein Zimmer. Er zeigte mir sein Mobiltelefon, und ich sah einen Ausländer. Ich musste Hallo sagen und meinen Bauchnabel zeigen. Dann zogen sie mir nacheinander die Kleider aus.»
Der Waadtländer und der Aargauer sind zwei Beispiele für ein viel grösseres Phänomen: Europäische Pädokriminelle geben sexuelle Übergriffe über gängige Kanäle wie Whatsapp oder Facebook in Auftrag. Die Übergriffe und die Vergewaltigungen finden dann auf weniger bekannten, aber für die breite Öffentlichkeit leicht zugänglichen Livestreaming-Plattformen statt. Deren Server befinden sich in asiatischen Ländern, was es schwierig macht, die Übergriffe aufzudecken.
Die Philippinen sind innerhalb weniger Jahre zum weltweiten Zentrum dieser Industrie geworden. Eine Vergewaltigung gibt es dort für umgerechnet 25 Schweizer Franken. «Täter ist oft die eigene Mutter des Kindes, manchmal auch der Vater oder der Bruder», sagt Armelina Manalo, Oberstleutnant der philippinischen Nationalpolizei. «Der ausländische Kunde sagt ihnen, wie sie es machen sollen. Zuerst bietet sich die Mutter selbst an. Dann verlangt der Kunde die Kinder.»
Seit in der Covid-Pandemie viele Menschen auf den Philippinen ihre Arbeit verloren haben, ist das Phänomen regelrecht explodiert. «Im Jahr 2022 wurden allein auf den Philippinen 500’000 Kinder für diese Art von Produktionen ausgebeutet», erklärt Jorge Salang, Ermittler bei der Organisation International Justice Mission. Die Zuschauer sässen rund um den Globus.
In der Schweiz hat sich die Zahl der aufgedeckten Fälle laut Bundesamt für Polizei von 11 im Jahr 2019 auf 39 im Jahr 2020 fast vervierfacht. 2022 waren es 20 Fälle.
Ein 57-jähriger Schweizer, der im Kanton Aargau aufflog, hatte während mehrerer Monate regelmässig eine Familie auf den Philippinen bezahlt, um Übergriffe an vier Kindern im Alter von 6 bis 14 Jahren via Livecam zu verfolgen. 2022 wurde er zu 150 Tagessätzen und einer Busse von 4000 Franken verurteilt.